Dieser Beitrag ist Teil einer Themenseite. Alle Artikel und Hintergründe
Nairobi - Nach der Entführung eines US-Frachterkapitäns vor Somalia bahnt sich eine Konfrontation auf hoher See an. Die Entführer des 53-jährigen Richard Phillips fordern nach Angaben eines somalischen Gewährsmanns ein Lösegeld - und drohen mit der Ermordung des Mannes, sollten sie angegriffen werden. Diese Gefahr ist durchaus real, befindet sich doch neben dem US-Zerstörer "USS Bainbridge" mittlerweile ein zweites Kriegsschiff vor Ort.
Pentagon-Sprecher Bryan Whitman sagte am Freitagnachmittag, die Fregatte "USS Halyburton" sei inzwischen in dem betreffenden Gebiet im Indischen Ozean eingetroffen. Der Militärsprecher wollte allerdings nicht genau sagen, wie weit das neue Kriegsschiff von dem Boot mit dem entführten Kapitän entfernt ist.
Laut einem US-Regierungsvertreter, der ungenannt bleiben wollte, hat die "USS Halyburton" Hubschrauber an Bord. Etwas weiter entfernt vom Ort des Geschehens hält sich auch das Amphibienschiff "USS Boxer" auf, das nach CNN-Angaben über eine größere Krankenstation verfügt. Auch ein US-Aufklärungsflugzeug hat die Region überflogen.
Am nächsten bei den Piraten ist aber noch immer die "USS Bainbridge". Nach Angaben der Reederei Maersk ist sie in Sichtweite des Rettungsbootes mit dem entführten Kapitän. In diesem sitzen vier somalische Piraten, die am Mittwoch das Containerschiff "Maersk Alabama" angegriffen hatten. Nachdem der Überfall 500 Kilometer vor der somalischen Küste misslungen war, hatten sie den Kapitän in ihre Gewalt gebracht und waren mit dem Rettungsboot geflohen, dem inzwischen aber das Benzin ausgegangen ist. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters fordern die Piraten zwei Millionen Dollar für die Freilassung ihrer Geisel.
Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums gelang es Phillips, kurzzeitig aus dem Rettungsboot zu fliehen. Schwimmend habe er versucht, zur "USS Bainbridge" zu gelangen, sei aber von den Piraten wieder eingefangen worden. Zu Schaden soll er dabei nicht gekommen sein. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte mit Blick auf die Entführung des US-Kapitäns: "Wir sind tief besorgt und verfolgen die Situation genau." Justizminister Eric Holder betonte, das Verhandlungsteam des FBI arbeite eng mit der Marine zusammen, um ein Ende der Geiselnahme ohne Blutvergießen zu gewährleisten.
Auch Peter Chalk von der Rand Corporation rät von gewaltsamen Geiselbefreiungen ab. Stattdessen solle man besser die Piratenstützpunkte an Land angreifen. Die derzeit laufende Entsendung zusätzlicher Kriegsschiffe hält er für das falsche Vorgehen. "Damit haben wir zur Eskalation beigetragen", sagte Chalk dem "Wall Street Journal". Allerdings räumte er ein, dass die US-Regierung angesichts des öffentlichen und politischen Drucks kaum eine andere Wahl gehabt habe.
Gekaperte Schiffe sollen Piraten helfen
Die Piraten versuchen nach Angaben von Gewährsmännern an Land, den Kapitän an Land zu bringen. Dort versprechen sie sich eine bessere Ausgangsposition für Verhandlungen. Dazu haben sie mehrere bereits entführte Schiffe zu Hilfe gerufen. Zu den Frachtern, die sich auf dem Weg zu dem Rettungsboot befinden, soll auch das entführte deutsche Schiff "Hansa Stavanger" gehören. An Bord dieses gekaperten Frachters befinden sich 24 Besatzungsmitglieder - fünf Deutsche, drei Russen, zwei Ukrainer, zwei Philippiner und zwölf Staatsbürger von Tuvalu. Auf den drei anderen ausländischen Schiffen befinden sich ebenfalls Geiseln aus mehreren Ländern.
Im Golf von Aden haben französische Truppen am Freitag das gekaperte Segelschiff "Tanit" gestürmt. Nach Angaben aus dem französischen Präsidialamt kam dabei eine Geisel ums Leben. Die vier weiteren Passagiere, darunter ein Kind, seien befreit worden. Bei der Aktion seien zwei Piraten getötet worden. Zuvor habe es bei Verhandlungen mit den Entführern keine Erfolge gegeben. Die Seeräuber hätten jedoch am Freitag ihre Drohungen verstärkt, das Segelboot sei außerdem in Richtung Küste getrieben. Daher sei ein Militäreinsatz zur Befreiung der Geiseln beschlossen worden, teilte der Elysée-Palast mit.
Unterdessen vermeldeten die Eigentümer eines norwegischen Tankers die Freilassung des entführten Schiffes. Ein Sprecher des Unternehmens Salhus Shipping AS bestätigte Berichte darüber, dass die "MT Bow Asir" freigelassen wurde. Ein Piratensprecher erklärte, für Schiff und die 27-köpfige Besatzung seien 2,4 Millionen Dollar Lösegeld gezahlt worden.
chs/AP/Reuters/AFP
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH