Golf von Aden
Piraten geben Frachter frei
Aufatmen in Athen: Ein im vergangenen Monat von Piraten vor Somalia entführter griechischer Frachter ist wieder frei. Allen 24 Besatzungsmitgliedern geht es nach offiziellen Angaben gut.
Athen - Der unter der Flagge von St. Vincent und den Grenadinen fahrende Frachter "Titan" war am 19. März entführt worden. An Bord befanden sich 24 Mann Besatzung, darunter drei Griechen. Das Schiff war auf dem Weg vom Schwarzen Meer nach Südkorea, als es von den Piraten gekapert wurde. Nach einem Monat in der Gewalt somalischer Piraten ist die "Titan" nun wieder freigekommen, die Seeleute sind wohlauf.
Derweil werden erste Zweifel an der Heldengeschichte des US-Kapitäns Richard Phillips laut, der sich zum Schutz seiner Mannschaft somalischen Piraten als Geisel ergeben haben soll. Mitglieder seiner Crew berichteten am Mittwoch dem Fernsehsender ABC News, dass Phillips keineswegs freiwillig mit den Piraten gegangen sei. "Sein Vorhaben war nicht, das Schiff zu verlassen", sagte Vizekapitän Shane Murphy. "Aber die Dinge haben sich anders entwickelt als gedacht." Phillips sei offenbar Opfer einer List der Piraten geworden.
Piraten hatten die "Maersk Alabama" am 8. April etwa 500 Kilometer vor Somalia angegriffen. Nach 13 Stunden gelang es der Besatzung laut Murphy, die Piraten zum Verlassen des US-Frachters zu bewegen. Im Gegenzug sollten ihnen Nahrungsmittel, Treibstoff und ein Rettungsboot überlassen werden. Zunächst hatte es auch geheißen, die Mannschaft habe die Seeräuber mit Gewalt verjagt.
Phillips sei dann mit den Piraten in ein Rettungsboot gestiegen, um ihnen zu zeigen, wie sie von der "Maersk Alabama" ablegen könnten, berichtete Murphy. "Aber die Situation hat sich zusehends verschlechtert, irgendwie hat es nicht geklappt und dann waren wir mit der Realität konfrontiert", so der erste Offizier über den Moment, als die Piraten mit Phillips im Rettungsboot davonfuhren.
Phillips war nach fünf Tagen in der Gewalt der Piraten am Sonntag von Scharfschützen der US-Marine befreit worden. In den USA wird der 53-Jährige seit seiner Geiselnahme als Held gefeiert, weil es in ersten Berichten hieß, er habe sich selbst als Geisel angeboten, um seine Mannschaft zu schützen.
Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.
Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.
Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.
Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.
Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.
Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.
jdl/AFP
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