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21.04.2009
 

Missbrauchsprozess in China

Kader vor Gericht

Von Andreas Lorenz, Peking

In China stehen mehrere Lehrer, Beamte, Behördenleiter und Parteifunktionäre vor Gericht, weil sie systematisch Schulmädchen erst gefügig gemacht, dann vergewaltigt haben sollen. Was die Gemüter besonders empört: Die Justiz hält eine schützenden Hand über die Verdächtigen.

Peking - Tatort des Geschehens ist Xishui, ein Landkreis mit knapp 700.000 Einwohnern in der südwestlichen Armenprovinz Guizhou. Chefin der Bande, die jetzt vor Gericht steht, ist eine 37-jährige ehemalige Prostituierte mit guten Verbindungen zum lokalen politischen Establishment.

Diese Frau soll Funktionäre angerufen und ihnen die Schülerinnen offeriert haben - und viele nahmen an: der örtliche Abgeordnete M., der Berufsschullehrer F., der Zuwanderungsbeamte L. und auch die Genossen H. und C. aus der Sozial- bzw. Rechtsabteilung, so die Vorwürfe, ließen sich nicht zweimal bitten. Die Kinder warteten meistens in einem Zimmer, das pikanterweise in einem Wohnhaus für Justizbeamte und deren Familien lag.

"Ich hatte solche Angst", berichtet eines der Opfer, eine Schülerin, die zur Tatzeit 14 Jahre alt war. "Ich wurde in ein Hotel gezwungen, wo ein Mann die Tür abschloss und mich auszog. Ich habe die ganze Zeit geweint. Er war so pervers bei den Dingen, zu denen er mich zwang." Der Täter war vermutlich der Lehrer.

Insgesamt sollen elf Mädchen wochenlang zur Prostitution gezwungen worden sein. Viele gingen damals noch zur Grundschule, waren also zur Tatzeit im Jahr 2007 allenfalls 13.

Insgesamt setzte die Polizei bislang 31 Personen fest, nachdem Eltern die Polizei alarmiert hatten, weil sich ihre Töchter weigerten, weiter zur Schule zu gehen. Sieben der vermeintlichen Freier stehen derzeit vor Gericht, ein Urteil haben die Richter noch nicht gefällt.

Offenbar müssen sie sich erst mit der KP abstimmen, denn das Verfahren hat die Bürger gegen die Obrigkeit aufgebracht. Bereits im vorigen Jahr hatten in Guizhou Bürger aus Zorn über korrupte Funktionäre eine Polizeiwache angezündet.

Prostitution ist in China strafbar, nicht nur Huren, sondern auch Freier riskieren Umerziehungslager und Gefängnis. Zwischen sechs und zehn Millionen Frauen und Männer sollen sich mittlerweile in China als Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter verdingen. Sie schaffen als Konkubinen an, als Begleiterinnen auf Dienstreisen, in Karaoke-Bars, Hotels, Friseursalons, Badehäusern und Saunen, aber auch in den Baracken der Wanderarbeiter. In der Wirtschaftskrise dürften es noch mehr werden.

Junge Mädchen sind bei chinesischen Freiern beliebt. Schon Staatsgründer Mao Zedong glaubte, er könne bei ihnen Vitalität zurückgewinnen.

Obwohl er in der tiefen Provinz spielt, beschäftigt der Fall aus Xishui in diesen Tagen viele Chinesen. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua, Zeitungen und zahlreiche Websites berichten ausführlich. Denn der Zorn über Funktionäre, die offenbar kein Unrechtsbewusstsein empfinden, ist groß. "Sie glaubten, dass sie straffrei ausgehen - wie üblich", heißt es in Xishui über die Freier.

Viele Bürger fürchten, dass der Skandal in der Provinz Guizhou nur die Spitze des Eisberges und Kinderprostitution im ganzen Land womöglich weiter verbreitet ist als bislang bekannt.

In Internet-Foren wird diskutiert, wie es möglich sein kann, dass in einem Land, dessen Regenten unablässig Harmonie propagieren, skrupellose Täter immer wieder die besonders Schwachen der Gesellschaft in ihre Gewalt bekommen - wie etwa 2007, als Vorarbeiter geistig behinderte Jungen und Männer in Ziegeleien zu Sklaven abrichteten.

Im Fall Xishui besonders bestürzend: Jene, die als Zuhälter mitverdienten, die lockten und drohten und zumindest eines der Mädchen zur Komplizin machten, waren ebenfalls fast noch Kinder: Es soll sich bei ihnen um eine 14-Jährige sowie ihren 15-jährigen Freund handeln, beide sind offenbar drogensüchtig.

Was bleibt, ist blankes Entsetzen und das Leid junger Frauen. Eines der Opfer soll einen Selbstmordversuch unternommen haben, eine andere gilt seit der Tat als verwirrt.

Vor allem aber erregt die Taktik der Justiz die Gemüter, die offenbar versucht, schützend ihre Hand über die mutmaßlichen Täter zu halten. Denn es ist nicht ganz klar, was die Staatsanwaltschaft den sieben Angeklagten in dem für die Öffentlichkeit geschlossenen Prozess eigentlich genau vorwirft.

Die KP-Zeitungen sprechen von einer Anklage wegen Vergewaltigung, die mit dem Tode bestraft werden könnte. Doch Die örtlichen Ankläger nannten nur "Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen", die Höchststrafe wäre 15 Jahre Gefängnis.

"Wenn das so ist", schimpfte der Blogger und Anwalt Yao, "kann man das Verbrechen der Vergewaltigung gleich abschaffen."

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