Indischer Ozean
Piraten greifen Kreuzfahrtschiff an
Von Dietmar Hipp und Matthias Gebauer
Im Indischen Ozean haben Piraten nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen das Kreuzfahrtschiff "MSC Melody" attackiert. Sicherheitsleute an Bord konnten den Angriff aber zurückschlagen. An Bord sind 1527 Menschen, darunter viele Deutsche.
Hamburg/Mombasa - Im Indischen Ozean hat es einen neuen Angriff von Seeräubern gegeben, diesmal wurde ein Kreuzfahrtschiff attackiert. Ein Sprecher der EU-Mission "Atalanta" bestätigte SPIEGEL ONLINE auf Anfrage, dass die "MSC Melody" der italienischen Reederei MSC Crociere am Samstagabend von einem Schnellboot angegriffen worden sei. Dabei sei es zu einem heftigen Schusswechsel gekommen, so der Sprecher der Anti-Piraten-Mission der EU.
Die versuchte Entführung scheiterte nur, weil das Kreuzfahrtschiff nach Erkenntnissen der EU-Mission bewaffnete Sicherheitskräfte an Bord hatte, die den Angriff zurückschlagen konnten. Über Verletzte auf dem Schiff oder unter den Angreifern lagen zunächst keine Informationen vor, so der Sprecher zu SPIEGEL ONLINE. Das Schiff habe seine Fahrt mittlerweile fortgesetzt.
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Kreuzfahrtschiff "MSC Melody": Attackiert von Seeräubern
Der Sprecher der EU-Mission konnte den Ort des Überfalls nicht genau angeben. Es handele sich aber um die Gewässer im sogenannten Somali-Becken. Die Marine geht deshalb davon aus, dass es sich bei den Angreifern um somalische Piraten handelte.
Ein Kriegsschiff der EU-Mission war bei der Attacke zwar nur rund hundert Seemeilen entfernt, konnte aber nicht mehr eingreifen. Im Lagezentrum des Auswärtigen Amtes (AA) in Berlin lagen zunächst keine Hinweise auf den Überfall vor. Ein Sprecher betonte aber nach der Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass man den Sachverhalt umgehend klären wolle. Die italienische Reederei betreibt in München die Tochtergesellschaft MSC Kreuzfahrten.
Die "MSC Melody" war von den Seychellen gekommen und auf dem Weg nach Genua. Die Attacke ereignete sich am Samstag um etwa 21.45 Uhr mitteleuropäischer Zeit, etwa neun Stunden, nachdem das Schiff von den Seychellen aufgebrochen war. An Bord sind 991 Passagiere, darunter nach Angaben der Reederei 38 Deutsche, und 536 Besatzungsmitglieder.
Ein Passagier aus Baden-Württemberg hatte SPIEGEL ONLINE am Telefon von dem Angriff berichtet. "Während einer Show an Bord sind plötzlich Schüsse gefallen", sagte er. Er habe etwa 50 Schüsse gehört, die offenbar außerhalb des Kreuzfahrtschiffes abgegeben worden seien. Andere Passagiere hätten zuvor ein weißes Schnellboot gesehen, das dem Kreuzfahrtschiff gefolgt sei, so der Passagier.
Von der Brücke aus wurden die Passagiere der "MSC Melody" demnach aufgefordert, in ihre Kabinen zu gehen und die Lichter zu löschen. "Das ganze Schiff ist verdunkelt", sagte der Passagier. "Es kam auch die Durchsage, dass die Sicherheitskräfte am Horn von Afrika verständigt seien."
Die "MSC Melody" verfügt über 532 Kabinen und wurde im Jahr 2005 umfassend renoviert. Laut Website der Reederei hat sie 35.143 Bruttoregistertonnen.
Zuvor hatte es am Samstagmorgen bereits einen Piratenüberfall im Golf von Aden gegeben:
Somalische Seeräuber brachten einen Frachter einer deutschen Reederei in ihre Gewalt. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen stammt die Crew auf der "MV Patriot" nicht aus Deutschland.
Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.
Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.
Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.
Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.
Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.
Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.
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