Überfall auf Kreuzfahrtschiff
"Es war wie im Krieg"
Der Kapitän befahl zurückzuschießen: Sicherheitskräfte haben im Indischen Ozean den Angriff auf ein Passagierschiff vereitelt. Mit Waffen und Feuerlöschschläuchen hinderten sie die Piraten an einer Kaperung der "MSC Melody" - und vermieden somit ein dramatisches Szenario.
Rom/Mombasa - Kapitän Ciro Pinto sagte im staatlichen italienischen Rundfunk, er habe den israelischen Sicherheitsleuten an Bord befohlen, zurückzuschießen, als sechs Piraten in einem kleinen Boot die "MSC Melody" angriffen. "Es war wie im Krieg", so Pinto. Die Piraten hätten "wie verrückt" geschossen und das Schiff dabei leicht beschädigt.
DPA
"MSC Melody": Piraten versuchten am Schiff hochzuklettern
Als die Piraten versucht hätten, am Schiff hochzuklettern, hätten die Sicherheitskräfte Schüsse abgegeben und sie aus Feuerlöschschläuchen mit Wasser besprüht. Nach etwa fünf Minuten hätten die Piraten aufgegeben, das Schiff dann aber noch rund weitere 20 Minuten verfolgt und geschossen.
Etwa 1500 Menschen entgingen so einer möglichen Entführung, unter ihnen 38 deutsche Passagiere. Der Zwischenfall spielte sich rund 325 Kilometer nördlich der Seychellen ab. Es war einer der ersten Schusswechsel zwischen Piraten und einem Schiff der Zivilschifffahrt. Die "MSC Melody" gehört der italienischen Reederei MSC. Deren Chef Domenico Pellegrino sagte der italienischen Nachrichtenagentur Ansa, alle 1000 Passagiere und 500 Besatzungsmitglieder seien in Sicherheit, niemand sei bei dem Angriff verletzt worden.
Unter den Passagieren des Kreuzfahrtschiffs ist auch der Deutsche Rolf R*., der seiner Frau per SMS von dem Angriff berichtete: "Ich glaube, wir werden gerade von Piraten angegriffen. Schüsse sind gefallen. Ich bin bis jetzt OK." In einem dann folgenden Telefonat erzählte R. mit ruhiger Stimme,
was sich an Bord zutrug. "Ich war aufgeregter als er", erzählt Ehefrau Susanne R. einen Tag danach. R. ist geschäftlich in Südafrika tätig, zum Besuch der Familie in Deutschland wollte er sich diesmal eine andere Form der Reise gönnen - und ersteigerte sich das Ticket auf dem Kreuzfahrtschiff.
Angriff nach einem Klassik-Konzert
R. berichtete SPIEGEL ONLINE kurz nach dem Angriff zunächst telefonisch, dann per E-Mail, er habe rund 50 Schüsse gehört, wenig später dann eine Durchsage des Kapitäns, der die Passagiere aufforderte in ihren Kajüten zu bleiben und diese zu verdunkeln. Den Angriff hatten viele der Passagiere gesehen. Gerade war auf dem Außendeck ein Klassik-Konzert zu Ende gegangen, als sich das Schnellboot von Backbord näherte und sechs Bewaffnete das Feuer eröffneten. Panik sei nicht ausgebrochen, berichtet R.. Alle seien den Befehlen der Crew gefolgt, seien unter Deck gegangen. R. verschanzte sich in seiner Kabine, verdunkelte die Scheiben wie befohlen. Dann wartete er. Erst am Morgen, schreibt er, hätte er schließlich erfahren, dass das Schiff nicht gekapert worden sei.
Der Gefahr eines Angriffs war sich Kapitän Pinto bewusst. Erst Mitte April hatten er und die Reederei MSC, die auch einen Sitz in Deutschland hat, die Route für die Kreuzfahrt geändert. Statt nach einem Seychellen-Trip in der Nähe der somalischen Küste zu fahren, kalkulierte man den von den internationalen Patrouillen empfohlenen größeren Abstand zu den gefährlichen Gewässern ein und strich einen Zwischenstopp. Trotzdem fand der Angriff statt - die Piraten weiten ihre Kampfzone aus.
Die Entführung eines Kreuzfahrtschiffs wäre, so Diplomaten am Sonntag, "das absolut Schlimmste, was wir uns vorstellen können". Erpressen die Piraten bisher vor allem mit den Frachter-Ladungen im dreistelligen Millionenwert in ihrer Gewalt horrende Lösegeldsummen von Reedereien, hätten sie bei einer Kaperung eines Passagierschiffs plötzlich "einen ganz anderen Hebel". Dann würden die Piraten nicht mehr mit Reedereien verhandeln, sondern mit Regierungen.
Israelische Sicherheitskräfte auf der "MSC Melody"
Nach dem Angriff wächst die Sorge vor weiteren Angriffen auf Kreuzfahrtschiffe. Mindestens vier große Touristenkreuzer werden in den kommenden Tagen die gefährliche Passage antreten, die meisten fahren in Konvois und sind durch Sicherheitsleute geschützt. Der Angriff dürfte die Reedereien veranlassen, noch mehr für Sicherheit auszugeben.
Die Sicherheitskräfte, die den Angriff auf die "MSC Melody" zurückgeschlagen haben, kommen nach Angaben der Reederei aus Israel. Das Unternehmen habe israelische Sicherheitsleute angeheuert, so Reederei-Chef Pellegrino, weil diese die beste Ausbildung hätten. Die Arbeit auf Kreuzfahrtschiffen ist bei jungen Israelis, die gerade den Wehrdienst abgeleistet haben, ein beliebter Job, um Geld zu verdienen und auf Reisen zu gehen.
Die "MSC Melody" ist auf einer 22-tägigen Kreuzfahrt von Durban in Südafrika ins italienische Genua, wo sie am 8. Mai erwartet wird. Sie setzt die Reise wie geplant fort - nach Angaben der Reederei eskortiert von einem Kriegsschiff der internationalen Marineverbände.
Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.
Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.
Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.
Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.
Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.
Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.
* Der Vorname wurde geändert, da die Familie nicht identifiziert werden möchte
fsc/AP/dpa/Reuters
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