Von Matthias Gebauer, Mombasa, und Dietmar Hipp
Nicht wenige der Passagiere, sagt Rolf R., seien von der Pose des Kapitäns genervt. Sie sähen Pinto keineswegs als Held. "Viele fragen sich, warum der Kapitän erst durch Passagiere auf die Schüsse aufmerksam gemacht werden musste", sagt R. Dass die Gäste wie von der Reederei behauptet nie in Gefahr waren, kann er nicht akzeptieren. Die Kugeln seien "auf Fenster abgegeben worden, die sich nur 50 Meter neben einer Gruppe von vielen hundert Passagieren" befanden, die einem Klassikkonzert gelauscht hatten.
Kritische Fragen habe der Kapitän bei der spontan einberufenen Vollversammlung nicht zugelassen. Untereinander aber würden sie gestellt: Warum dauerte es so lange, bis die Crew reagierte? Aus welchem Grund waren trotz der Fahrt nahe am Pirateneinsatzgebiet nicht zumindest nachts Wachen auf den Außendecks aufgestellt? Weshalb hat man die Annäherung des Piratenschiffs nicht schon frühzeitig per Radar mitbekommen?
"Wir waren nicht in der Risiko-Zone"
Die offenen Worte von MSC-Chef Vago illustrieren, wie wenig Kreuzfahrtschiffe bisher gegen Angriffe von Piraten gerüstet sind. "Wir haben uns bisher mehr Gedanken um Fisch-Spezialitäten oder guten Wein gemacht als über Attacken auf Hoher See", sagt der italienische Reeder. Zwar seien auf den MSC-Schiffen seit 25 Jahren fast immer Sicherheitsleute. Ihre Waffen aber müssten "aufgrund der Rechtsbestimmungen" in einem Tresor lagern. Erst bei einem Alarm dürfe der Kapitän sie ausgeben.
Im Fall der "MSC Melody" hat die Zeitverzögerung zwischen Alarm und aktiver Verteidigung nicht zur Enterung des Schiffs geführt. Allerdings zeigen Fotos von zerborstenen Scheiben in mehreren Salons, dass allein das wilde Herumballern der frustrierten Piraten durchaus Passagiere verletzen oder gar töten hätte können. Kapitän Pinto lobte deshalb seine Gäste. Alle hätten seinem Befehl unter Deck zu gehen sofort gehorcht; viele ließen Handys, Geldbörsen und sogar ihre Schuhe zurück, um schneller in Sicherheit zu kommen.
Vorwürfe, die Reederei habe die Sicherheit der Gäste aufs Spiel gesetzt, weist MSC-Chef Vago zurück. In der Tat änderte die Reederei vor Abfahrt extra die Route, um die gefährlichen Gewässer vor Somalia weiter zu umfahren als geplant. "Wir waren nicht in der Risiko-Zone" betont Vago. Diese Zone ist zuletzt jedoch nach jedem Angriff von Piraten, die vom Festland aus immer weiter agieren, sukzessive vergrößert worden. Mit dem Angriff auf die "MSC Melody" ist sie nun noch ein bisschen größer.
Auch über die Piraten verraten die Details eine Menge, vor allem über ihre Dreistigkeit und ihren hohen Organisationsgrad.
So klingelte kurz nach der Abwehr des Angriffs, als der Kapitän die internationalen Kriegsschiffe alarmiert hatte, auf der Brücke das Satellitentelefon. "Sie sind angegriffen worden, Sie brauchen Hilfe", sagte eine Stimme in brüchigem Englisch, "geben Sie uns Ihre Koordinaten durch, und wir kommen zu Ihnen." Kapitän Pinto kam das merkwürdig vor. Da der verdächtige Anrufer seinen Schiffsnamen nicht nennen wollte, gab er die Schiffsposition nicht durch. Möglicherweise hat dies den Passagieren und der Besatzung einen weiteren Angriff von Piraten erspart.
"Die Seeräuber versuchten, uns erneut zu überfallen"
"Das Schiff war komplett verdunkelt, für die Piraten unsichtbar", sagt MSC-Chef Vago, "doch wir sind uns mittlerweile sicher, dass die Seeräuber versuchten, uns mit den Positionsdaten erneut zu überfallen." Im Hintergrund des Gesprächs will der Kapitän Straßengeräusche gehört haben. Ganz offensichtlich habe ein Komplize der Kriminellen von Land aus versucht, den Piraten auf dem Meer Hilfe zu leisten - so lautet jedenfalls Vagos These.
Der MSC-Chef ist von den Piratenbanden schockiert. Von Journalisten hat er gehört, dass sich ein Somalier, der sich als Chef des Kommandos von Samstagabend ausgibt, telefonisch mit dem Angriff brüstete. Kreuzfahrtschiffe seien ein neues Ziel für die Piraten, soll der Anrufer gesagt haben. Diesmal sei man noch aus technischen Gründen gescheitert. "Die Piraten scheinen sich durch die Kriegsschiffe und den Aufwand, der gegen sie betrieben wird, regelrecht angespornt zu fühlen", sagt Vago. Ein neuer Angriff sei nur eine Frage der Zeit.
Für seine Flotte hat Vago nach dem Angriff erste Konsequenzen gezogen: "Wir werden nicht mehr in die gefährdeten Gebiete des Indischen Ozeans vor der somalischen Küste fahren", sagt der Chef der Reederei. Konkret kündigt er an, dass eine geplante Fahrt der "MCS Symphonia", eigentlich geplant für den Herbst, abgesagt wird. "Wir werden diese Route nicht fahren und stattdessen eine nehmen, die an Westafrika vorbeiführt."
Auf so viel Glück wie am Samstag, so scheint es, will sich der Reeder nicht noch einmal verlassen.
Gute Nachrichten hatte am späten Montagabend immerhin das spanische Militär zu vermelden. Die Fregatte "Numancia" setzte neun mutmaßliche Piraten fest, die möglicherweise an dem Angriff auf die "MSC Melody" beteiligt waren. Die Männer seien in der Nähe der Position geortet worden, an der der Angriff stattfand. Sie wurden nach ihrer Festsetzung den Behörden der Seychellen übergeben, da sich der Vorfall in den Gewässern des Staats ereignet habe.
Ob sie wirklich an dem Vorfall beteiligt waren, wird dadurch allerdings vielleicht nie geklärt.
*Name von der Redaktion geändert
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