Von Matthias Gebauer
Berlin - Das Wort Konvoi hört man im Kommandozentrum der EU-Mission "Atalanta" im englischen Northwood dieser Tage nicht so gern. "Group Transit", so die Strategen der europäischen Anti-Piraterie-Mission, sei ein viel genauerer Ausdruck für die Gruppen von Handelsschiffen, die durch den Golf von Aden, genauer gesagt durch den von der EU-Mission benannten Korridor dort, geschleust würden. Eine richtige Übersetzung ins Deutsche gibt es für "Group Transit" nicht. Der Unterschied aber ist klar: Ein Konvoi wird militärisch geschützt, die Durchfahrt in der Gruppe hingegen nur lose überwacht.
Die semantische Reflexion hat einen ernsten Hintergrund. Am Dienstagnachmittag wurde der deutsche Frachter "MS Victoria" von Piraten tolldreist südlich des Jemen exakt aus einer solchen Transit-Gruppe heraus gekidnappt. So schnell enterten die Seeräuber den recht langsamen Frachter mit 10.000 Tonnen Reis an Bord, dass auch der von einer rund 120 Seemeilen entfernt kreuzenden türkischen Fregatte entsandte Hubschrauber bei Ankunft am Tatort nur noch feststellen konnte, dass die "MS Victoria" in der Hand der Piraten und bereits auf dem Weg nach Eyl, in einen der von ihnen kontrollierten Häfen, war.
Die Aktion der Seeräuber lässt die von Verteidigungsminister Franz-Josef Jung nur zu gern als Erfolg bezeichnete EU-Mission "Atalanta" nicht gut aussehen. Dreimal schon gelang es Piraten mittlerweile, Frachter aus dem Schutzkorridor zu fischen, den die Kriegsschiffe sichern sollen. Das zweite Mal hat es nun ein deutsches Schiff getroffen, das zwar unter fremder Flagge fährt, doch der Reederei Intersee in Haren an der Ems gehört. Diese konnte mitteilen, dass es der elfköpfigen Crew aus Rumänien gut geht. Gleichzeitig aber muss sich der Reeder nun auf Lösegeldverhandlungen einstellen, die oft Monate andauern.
Das Ziel der Operation scheint mit dem Fall "MS Victoria" zumindest gefährdet. Aus dem Bundesverteidigungsministerium gab es dazu jedoch gegenteilige Kommentare. Die Mission "Atalanta", so Jungs Sprecher Thomas Raabe, sei und bleibe ein Erfolg. Raabe wiederholt immer wieder bei solcher Gelegenheit, wie viele Schiffe den Korridor bereits unbeschadet durchquert hätten. Grundsätzlich gilt in dem Jung-Ministerium, dass jegliche Kritik an Operationen, sei es nun im Golf von Aden oder in Afghanistan, verboten sind. Schon oft hat der Minister bei Verstoß gegen diese Regel auch Mitarbeiter seines Pressestabs entsorgt.
Die Mittel für eine totale Überwachung fehlen
Gleichwohl gibt es noch einige, die offen über die Mängel bei der EU-Mission reden. "Eine totale Überwachung gibt es nicht", sagt ein deutscher Offizier, "dafür fehlen uns schlicht die Mittel." Was er meint, belegen schon die Zahlen: So ist der Schutzraum der Mission ungefähr achtmal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Unter EU-Flagge patrouillieren in den Gewässern aber nur ganze neun Schiffe, von denen nicht alle ständig im Einsatz sind. Auch mit den Kräften der von den USA geführten "Task Force 151" können die internationalen Schutzkräfte so gar keine komplette Überwachung gewährleisten.
Und auch der Feind schläft nicht. Die Militärs registrieren, durchaus mit leichtem Respekt vor den Piraten, wie diese ihre Taktiken anpassen, um weiter erfolgreich zu sein. Griffen die Seeräuber beispielsweise bisher vorzugsweise früh morgens an, attackierten sie die "MS Victoria" am späten Nachmittag. Es gibt mittlerweile belegbare Hinweise, dass die Bewaffneten an Bord der primitiven Holz-Skiffs durchaus Verbindungsleute an Land haben, die sie zumindest mit frei zugänglichen taktischen Informationen der Schutzflotte aus dem Internet versorgen. So kriegen sie praktische Tipps, um ohne Gefahr agieren zu können.
Eine Frachterentführung, so jedenfalls die Annahme der Militärs, wurde sogar mehr oder minder aus London gesteuert. Der Grad der Organisation wurde auch beim Angriff auf das Kreuzfahrtschiff "MS Melody" vor einigen Tagen deutlich. Offenbar aus dem Internet hatte sich ein Komplize der erfolglosen Angreifer die Satellitentelefonnummer des Schiffs besorgt. Kurz nach der ersten Attacke meldete er sich beim Kapitän des Passagierschiffs und gab sich als Offizier eines internationalen Kriegsschiffs aus. Angeblich um die "MS Melody" zu schützen, wollte er deren Position haben. Zum Glück roch der Kapitän den Braten schnell.
Wie der Kampf gegen die Piraten weitergehen soll, ist einigermaßen ungewiss. Aufgerüstet mit rund 50 Millionen Dollar Lösegeld, das die diversen Reedereien im vergangenen Jahr zahlten, dürfte weder den jungen Männern auf den Skiffs noch den Drahtziehern in Somalia, Dubai und dem Jemen die Lust an den Kaperungen vergehen. International gibt es zwar Überlegungen, die internationale Schutztruppe unter dem Dach der Nato zu versammeln und das Schutzgebiet auszuweiten. Doch auch der Zusammenschluss behebt ein altes Problem nicht: Kaum einer der Teilnehmer will oder kann mehr Schiffe entsenden.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Justiz | RSS |
| alles zum Thema Kampf gegen moderne Piraten | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH