Golf von Aden
Piraten entführen niederländischen Frachter
Kein Tag ohne Kaperung: Im Golf von Aden haben Piraten einen Frachter aus den Niederlanden entführt. Mittlerweile liegen vor den somalischen Seeräubernestern 20 Handelsschiffe - die Lösegeldverhandlungen werden Monate dauern.
Berlin - Somalische Piraten haben erneut ein internationales Handelsschiff im Golf von Aden in ihre Gewalt gebracht. Die U.S. Navy, die in der Region mit mehreren Schiffen gegen Piraten vorgeht, bestätigte die neue Entführung. Demnach wurde die "MS Marathon" gegen 10.45 Uhr Ortszeit von Piraten angegriffen und gekapert. Der kleine Frachter gehört den US-Angaben zufolge einer niederländischen Reederei und fährt unter der Flagge der Antillen, einer ehemaligen niederländischen Kolonie.
"An Bord sind unseren Informationen nach 19 Crewmitglieder", sagte Marinesprecher Nathan Christensen SPIEGEL ONLINE per Telefon aus Bahrain, wo die US Navy ihren Stützpunkt unterhält. Die Nationalität der Geiseln wollte er nicht mitteilen. Ein westlicher Diplomat in Kenia bestätigte ebenfalls, dass er Hinweise auf die Verschleppung des Frachters erhalten habe.
Bei dem Schiff einer niederländischen Reederei handelt es sich um ein recht langsames Transportschiff mit einer Länge von knapp 80 Metern, das wegen seiner geringen Motorleistung und einer niedrigen Bordwand für die Piraten eine leichte Beute war. Die Umstände der neuen Entführung sind noch nicht ganz klar, den Ort konnte die U.S. Navy nicht genau angeben. Die Frage, ob die "Marathon" in einem beschützten Konvoi fuhr oder angemeldet war, blieb ebenfalls offen.
Mit der neuen Entführung haben somalische Piraten nunmehr mindestens 20 Handelsschiffe in ihrer Gewalt.
Erst am Mittwoch hatten Seeräuber den deutschen Frachter "MS Victoria" dreist aus einem Konvoi von Schiffen heraus entführt. Der Reisfrachter liegt mittlerweile vor einem von den Piraten kontrollierten Hafen von Nordsomalia.
Mit einem emotionalen Appell richtete sich nach der Kaperung die Ehefrau einer der elf rumänischen Crewmitglieder der "Victoria" an die Entführer. Sie gäbe, sagte sie im rumänischen Fernsehen, ihre Seele und ihr Herz, wenn die Kidnapper ihren Mann freiließen. Jeden Tag seit der Entführung betete sie für ihren Mann und die zehn anderen Geiseln.
Außer dem jüngst entführten deutschen Schiff liegen noch zwei weitere deutsche Frachter vor Somalia - die am 4. April entführte "Hansa Stavanger" und die "Patriot". In beiden Fällen laufen Lösegeldverhandlungen mit den Reedereien. Diese können oft Monate dauern.
An Bord der "Hansa Stavanger" befinden sich fünf deutsche Crewmitglieder.
Eine geplante Befreiungsaktion deutscher Elitepolizisten von der GSG 9 wurde vergangene Woche wegen zu hoher Risiken nach einer umfangreichen Planung abgesagt. Die Bundesregierung müht sich dieser Tage zu dementieren, dass es bei der Operation zwischen den beteiligten Behörden heftige Streits gegeben hat.
Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.
Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.
Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.
Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.
Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.
Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.
mgb
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