Von Julia Jüttner
Hamburg - Der Mordfall Alina G. gibt der Stuttgarter Polizei Rätsel auf: Die Frau stammt ursprünglich aus einem kleinen Dorf im äußersten Südwesten Rumäniens - und aus ärmsten Verhältnissen. Jahrelang steht sie Tag für Tag in ihrer Heimat am Straßenrand, wartet auf Lkw-Fahrer, die sie in ihre Kabine hochklettern lassen und denen sie dort ihre Dienste anbietet. Aus purer Not habe Alina G. als Prostituierte ihr Geld verdient, sagt ein Ermittler. Doch es reicht nicht, um ihre sieben Jahre alte Tochter und den zehn Monate alten Sohn zu ernähren.
Die 31-Jährige lässt die Kinder bei ihrer Mutter und fährt Anfang 2008 nach Deutschland, um dort als Prostituierte zu arbeiten. In der Hoffnung, dort mehr Geld für ihre Familie verdienen zu können - obwohl sie weder Deutsch noch Englisch spricht. Sie landet in Karlsruhe. In einem einschlägig bekannten Internet-Portal inseriert sie. Ihren Freiern stellt sie sich unter dem Namen Lina vor und empfängt sie in einer Wohnung.
Alina G. will nur ein paar Wochen bleiben, dann weiterziehen - so lautet das Prinzip der reisenden Liebesdamen, die von Zuhältern angeheuert werden und nach kurzer Zeit die Stadt wechseln. "Diese Frauen sind ständig in Bewegung", sagt Wolfgang Hohmann, Leiter des Ermittlungsdienstes Prostitution, einer Sonderdienststelle der Polizei Stuttgart, SPIEGEL ONLINE. Kaum habe man sie in der Stadt registriert, seien sie schon wieder weg.
Im März zieht die junge Rumänin mit den rotgefärbten, schulterlangen Haaren nach Stuttgart. Dort findet sie kurzzeitig Arbeit in einem Hotel. Danach beginnt sie, in einer geräumigen Zweizimmerwohnung in einem herrschaftlichen Altbau in der Immenhofer Straße 4 am Österreichischen Platz als Prostituierte. An der Klingel steht "Hofer, 2. Etage". Freier verkehren in der sogenannten Modellwohnung ebenso diskret wie die Damen. Keiner der Nachbarn habe sich je beschwert, heißt es bei der Polizei.
Am 22. März öffnet Alina G. um 11.20 Uhr ihrem Mörder die Tür: Ein dunkelhaariger Hüne in blauer Daunenjacke, mindestens 1,90 Meter groß, Schuhgröße 47. Der Mann betritt den Flur, packt sein Opfer am Oberarm, reißt seine rechte Hand hoch und sticht mit einem Küchenmesser auf sie ein. Die Klinge seines Messers misst 25 Zentimeter, die Stiche sind laut Obduktion 26 Zentimeter tief. Der Täter muss mit voller Wucht agiert haben. Eine Überwachungskamera, vom Betreiber des Privatbordells installiert, zeichnet den brutalen Überfall auf.
Als Alina G. tot zusammensackt, geht der Täter ins Bad, wäscht sich die Hände, lässt das Messer dort liegen, zerrt die Kamera aus ihrer Verankerung - und flieht. Was er nicht ahnt: Die Bilder der Webcam sind längst auf einen Rechner übertragen worden.
Immer mehr Zuhälter sichern sich mit Webcams ab
Dass die Wohnungen, in denen Laufkundschaft verkehrt, mit Kameras überwacht werden, sei in der Szene mittlerweile üblich, sagt Hohmann. Immer mehr Betreiber griffen auf diese Sicherheitsmaßnahme zurück.
Mit der Veröffentlichung dieser Bildsequenzen, insgesamt machte die Kamera 19 Aufnahmen, hofft die Soko "Hofer" nun endlich auf einen Ermittlungserfolg. Das Video wird am Mittwochabend in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY...ungelöst" ausgestrahlt.
"Es wäre nicht das erste Mal, dass die bundesweite Veröffentlichung eines Falles zu einem Fahndungserfolg führt", sagt Moderator Rudi Cerne SPIEGEL ONLINE. "43 Prozent der Fälle, die in der Sendung vorgestellt werden, können danach aufgeklärt werden."
Der Aufruf im Fernsehen zeigt, dass die Ermittler nach einem letzten Strohhalm greifen. Denn der Fall ist ungewöhnlich: Bei kriminaltechnischen Untersuchungen wurde an der Klinge der Marke "Koch", einem gängigen Küchenmesser aus einem 6er-Block, die DNA des mutmaßlichen Täters festgestellt. Zudem liegen Tatwaffe und konkrete Bilder des Täters vor - dennoch bleibt der Fahndungserfolg aus.
Auch die mehr als 550 Speichelproben von Männern, die im Stuttgarter Rotlichtmilieu bisher auffällig geworden sind, wurden überprüft; mehr als 900 Spuren verfolgt - ohne Erfolg.
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