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22.06.2009
 

Mordanschlag im Milieu

Hamburger Kiez-Größe angeschossen

Von Julia Jüttner

Mordanschlag im Hamburger Rotlichtmilieu: Ein Unbekannter hat auf einen stadtbekannten Zuhälter geschossen. Der 38-Jährige schwebt noch immer in Lebensgefahr. Die Polizei rechnet damit, dass der Täter erneut zuschlagen könnte.

Hamburg - Der Täter wusste wohl, dass sich Erdogan A. in dem Bordell "Atmos" aufhält. Er lauert ihm in der Dunkelheit auf, als der 38-Jährige am Samstag um 1.50 Uhr das als Saunaclub geführte Etablissement im Hamburger Süden verlässt, die Straße überquert und zu seinem VW Touareg geht. Der Unbekannte folgt ihm, zielt und schießt dem Türken schräg in den Rücken. Erdogan A. bricht vor seinem Auto lebensgefährlich verletzt zusammen. Der Täter flieht unerkannt.

Hamburger Reeperbahn: Erdogan A. gilt als bekannte Kiez-GrößeZur Großansicht
Getty Images

Hamburger Reeperbahn: Erdogan A. gilt als bekannte Kiez-Größe

Nach Polizeiangaben fiel nur ein einziger Schuss. Wollte der Schütze Erdogan A. töten? Sollte es nur ein Warnschuss sein?

Erdogan A. schwebt noch immer in Lebensgefahr. Er liegt nach einer Notoperation auf der Intensivstation im AK Harburg - schwer bewacht. Die Polizei rechnet damit, dass der Täter erneut zuschlagen könnte. "Inwieweit und mit wievielen Personen wir Herrn A. schützen, dazu machen wir keine Angaben", sagt Polizeisprecherin Ulrike Sweden.

Das "Atmos" ist ein 2500 Quadratmeter großer FKK-Saunaclub am Großmoorring im Gewerbegebiet in Hamburg-Harburg. Angestellte hörten den Schuss, alarmierten die Polizei und den Notarzt. Die Polizei geht bei der Tat von einem Milieuhintergrund aus. So erledigte zwar die Mordkommission die Tatortarbeit, die Ermittlungen leitet jedoch die Abteilung Milieudelikte des Landeskriminalamts (LKA 65). "Die Dienststelle verfolgt zahlreiche Spuren", sagt Sprecherin Sweden zurückhaltend.

Erdogan A. sei bislang "polizeilich mehrfach in Erscheinung getreten": Der 38-Jährige habe als Zuhälter gearbeitet und sei ebenso wegen anderer Milieudelikte sowie wegen Drogenhandels aufgefallen.

"Ich will 1,5 Millionen von diesen Ziegenhirten"

In der Szene ist Erdogan A., ein durchtrainierter und gefürchteter Kickboxer, seit mehr als zwei Jahrzehnten bekannt. In der Vergangenheit soll er im Dunstkreis von Musa A. agiert haben. Der 41-Jährige, genannt "Türken-Musa", gilt im Hamburger Rotlichtmilieu als Größe und als einer der Drahtzieher der "Gangster GmbH", einer Gruppe, die mit Gewalt Anteile am Rotlichtgeschäft eroberte.

"Türken-Musa", ein tätowierter Kampfsportler, wurde im Jahr 2000 zu einer Haftstrafe verurteilt und in die Türkei abgeschoben. 2007 kehrte er nach Hamburg zurück und forderte von ehemaligen Partnern seine Anteile am Rotlichtgeschäft zurück. Immer wieder drohte er offen mit einem Zuhälter-Krieg. Der "Hamburger Morgenpost" sagte er damals: "Ich will 1,5 Millionen von diesen Ziegenhirten. Die haben kein Herz, kein Hirn und keine Eier. Ihre Zeit ist abgelaufen."

Im Milieu erzählte man sich, verfeindete Albaner hätten einen Profikiller auf den Türken angesetzt. Schließlich kam es auch zu einer wilden Schießerei mit Maschinenpistolen im Hamburger Stadtteil Hammerbrook. Doch Musa A. blieb unverletzt.

Vielleicht rettete ihm auch die Polizei das Leben: Im März dieses Jahres wurde Musa A. im Hamburger Schanzenviertel verhaftet - mit 6000 Euro in bar in der Tasche und einer Ceska CZ 83, Kaliber 9-mm-Browning. Laut Ermittlern soll er eine 16-Jährige zur Prostitution gezwungen haben. Wegen Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung sitzt er derzeit in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess.

Hat Musa A. vom Gefängnis aus den Auftrag gegeben, Erdogan A. anzugreifen?

Erdogan A. soll sich im Jahr 2008 der verfeindeten Gegenseite angeschlossen haben, heißt es. Die Polizei zählt dazu Anhänger der berüchtigten Rockerbande Hells Angels und Angehörige einer albanischen Großfamilie.

Steckt dahinter das Motiv für den Mordanschlag auf Erdogan A.? War es ein Racheakt anderer ehemaliger Verbündeter?

Erdogan A. hielt sich nach Polizeiangaben eine knappe Stunde im "Atmos" auf. War ihm der Täter bereits davor gefolgt oder hatte er einen entscheidenden Tipp aus dem Club erhalten?

Einen Tatverdächtigen hat die Polizei bisher nicht. Die Kriminalpolizei sucht daher dringend Zeugen, die das Attentat auf Erdogan A. beobachtet haben oder weitere sachdienliche Hinweise geben können: Tel. 040 - 428 65 67 89

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