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05.07.2009
 

Straßenschlacht in Hamburg

Polizei beklagt neue Qualität der Gewalt

Die Randale im Hamburger Schanzenviertel begann früher und dauerte länger als Ausschreitungen in den vergangenen Jahren. Polizeivertreter beklagen ein höheres Aggressionspotential bei den Krawallmachern - doch auch die Beamten legten eine härtere Gangart ein.

Hamburg - Am Tag nach den heftigen Krawallen im Hamburger Schanzenviertel fällt die Reaktion der Polizei eindeutig aus: Ähnliche Szenarien wie in den letzten Jahren habe es auf den Straßen gegeben, sagte Polizeisprecher Ralf Meyer SPIEGEL ONLINE - doch in diesem Jahr seien die Randalierer "aggressiver und besser vorbereitet" gewesen. Nach einem Straßenfest hatten in der Nacht zum Sonntag heftige Ausschreitungen das Szeneviertel erschüttert. Nach Behördenangaben randalierten zeitweilig bis zu tausend Autonome und Jugendliche unweit des Autonomenzentrums "Rote Flora".

Die Deutsche Polizeigewerkschaft kritisierte die Gewaltbereitschaft der Randalierer scharf. Das Ausmaß der Krawalle sei unerträglich geworden, sagte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft, Joachim Lenders, in einem Radiointerview dem NDR. Die Politik müsse sich fragen, wie sie mit dem Straßenfest in Zukunft umgehe.

Bis in die Morgenstunden lieferten die Randalierer sich mit Polizisten Scharmützel: Die Protestierer warfen mit Steinen und Flaschen, die Polizei setzte Wasserwerfer ein. Insgesamt wurden nach Angaben der Polizei 67 Randalierer vorläufig festgenommen, 18 weitere wurden festgesetzt, "um eventuelle Straftaten zu verhindern", so Polizeisprecher Meyer. "Mit einer deutlich höheren Zahl von Festnahmen haben wir unsere Ziele erreicht", fügte er hinzu.

Die Randale habe länger gedauert als in den vergangenen Jahren und erst am frühen Sonntagmorgen geendet. Mehrere Beamte mussten nach Polizeiangaben mit Schnittverletzungen, Prellungen und Quetschungen im Krankenhaus behandelt werden, insgesamt seien 27 Polizisten verletzt worden.

Doppelt so viele Polizisten wie vor einem Jahr

In einigen Punkten machte die Polizei widersprüchliche Angaben. In der Nacht hatte es zunächst geheißen, Beamte hätten Knochenbrüche davongetragen - davon war am Sonntagmittag nicht mehr die Rede. Auch Molotow-Cocktails warfen die Randalierer entgegen ersten Angaben der Polizei nicht - bei zwei Verdächtigen aus Berlin fanden Beamte allerdings einen Rucksack, in dem ein Brandsatz mit Zeitschaltuhr steckte.

Zu der Zahl der verletzten Randalierer machten die Beamten keine Angaben, auch nicht dazu, wie viele von ihnen zum linksautonomen Spektrum gezählt werden können. Neben Autonomen waren unter den Randalierern auch einige Jugendliche, die sich offenbar den Krawallen anschlossen. Es habe auch in diesem Jahr wieder einige "erlebnisorientierte" Randalierer gegeben, sagte Polizeisprecher Meyer. Vertreter des Autonomenzentrums "Rote Flora" waren am Sonntag auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zunächst nicht erreichbar.

Die Polizei mag das hohe Gewaltpotential der Randalierer monieren - doch auch sie selbst war in diesem Jahr weit besser aufgestellt als in den vergangenen Jahren. Augenzeugen berichten, dass bereits am Nachmittag während Schanzenfestes mehr Polizisten in Kampfmontur in dem Szeneviertel unterwegs waren als in den Jahren zuvor.

Polizeisprecher Meyer bestätigte gegenüber SPIEGEL ONLINE eine "Verdoppelung der Einsatzkräfte in diesem Jahr", auch seien verstärkt Beamte in Zivil eingesetzt worden. Insgesamt war die Polizei mit mehr als 1800 Mann und fünf Wasserwerfern im Einsatz.

Das alljährlich stattfindende Schanzenfest ist nicht offiziell angemeldet, wird von der Stadt aber toleriert. Zwar setzte sich Hamburgs Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) für ein Verbot des bunten Treibens ein, sein CDU-Parteifreund und Leiter des zuständigen Bezirksamts Altona zeigt sich in der Frage allerdings moderat. Er setzte auf eine "qualifizierte Duldung".

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit eskalierte die Situation. Das bis dahin friedliche fest mutierte zur Straßenschlacht. Gegen 21.45 Uhr am Samstagabend gerieten zunächst vor dem Autonomenzentrum Vermummte und eine Gruppe Polizisten aneinander. Jugendliche in schwarzen Pullovern bewarfen die Beamten mit Flaschen und verschossen vereinzelt Signalmunition. Randalierer errichteten Barrikaden aus Mülleimern und Bauzäunen. Die Polizei rückte mit Schlagstöcken und Wasserwerfern vor. Vor einem Polizeirevier setzten Randalierer mit Signalmunition einen Streifenwagen in Brand.

Wut auf Kameras und Kommerz

Eine wirkliche Begründung für die Randale gibt es nicht. Alteingesessene Bewohner beklagen seit Jahren steigende Mieten und die Kommerzialisierung der ehemals linksalternativen Kultur im Schanzenviertel.

Für besonderen Unmut unter linksalternativen Anwohnern hatte im Vorfeld des Fests gesorgt, dass die Polizei in den vergangenen Wochen versteckte Überwachungskameras an Balkonen und hinter Fenstern in den Straßen des Viertels anbrachte. Häufig kommt es in den Straßen des Schanzenviertels zu Sachbeschädigungen an Fensterscheiben von Bars und Modegeschäften. Ziel der Überwachung sei es, "Täter auf frischer Tat zu ertappen", zitierte die Tageszeitung "taz" einen Sprecher der Hamburger Polizei.

Nach dem Schanzenfest kommt es aber seit Jahren immer wieder zu Ausschreitungen. Im vergangenen Jahr etwa wurden 18 Menschen verletzt, darunter 11 Polizisten, rund 50 Protestierende wurden festgenommen. Auch zu anderen Gelegenheiten ist das Viertel immer wieder Schauplatz von Krawallen. In diesem Jahr hatte es zuletzt am Abend des 1. Mai heftige Auseinandersetzungen zwischen Randalierern und Polizeibeamten gegeben.

Das Schanzenviertel ist ein beliebtes Hamburger Ausgehviertel. Ausschreitungen werden dort meist von zahlreichen Schaulustigen verfolgt. Im vergangenen Jahr etwa hoben Feiernde noch immer Geld aus einem Automaten ab, während Autonome die Bank bereits mit Pflastersteinen bewarfen.

cht/ssu/AFP/dpa/ddp

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