Aus Hildesheim berichtet Gisela Friedrichsen
Hildesheim - Der Vorsitzende Richter der 7. Kleinen Strafkammer des Landgerichts Hildesheim, Andreas Schlüter, sagte am ersten Verhandlungstag gegen Prinz Ernst August von Hannover einiges, was den Beteiligten hätte zu denken geben müssen.
Zum Beispiel kündigte er an, dass der, dem Lügen nachgewiesen würden, nicht nur mit einem blauen Auge davonkommen werde. Denn die Darstellungen der "Tat" in der Nacht vom 14. auf den 15. Januar 2000 am Strand von Kenia seien beim besten Willen nicht unter einen Hut zu bringen.
Der Prinz gibt seit dem Jahr 2000 zu, dem Hotelbetreiber Josef Brunlehner zwei Ohrfeigen ("one for the music and one for the light") versetzt zu haben, weil er sich von dessen Beachclub samt "Skyrose-Bestrahlung" belästigt und gestört gefühlt habe.
Brunlehner wiederum will von einer ganzen Gruppe Schwarzer, unter ihnen als einziger Weißer der Prinz, mit Knüppeln und "schweren Gegenständen" traktiert worden sein, bis er zu Boden ging. Dann habe sich der Prinz auf ihn gesetzt und mit einem Schlagring fast tot geprügelt.
Der Vorsitzende sinnierte zu Prozessbeginn aber auch über die Frage, ob ein solcher Aufwand - er meinte damit das mittlerweile dritte Strafverfahren um die Sache, die seit Mitte Juni nun in Hildesheim verhandelt wird - überhaupt noch gerechtfertigt sei. Denn schließlich gehe es "nur um zwei Ohrfeigen vor neuneinhalb Jahren".
Nur?
Es geht auch darum, ob man einem Prominenten ungestraft etwas anhängen kann in der Hoffnung auf eine saftige Entschädigung. Es geht darum, wie lange sich die Justiz - und die Öffentlichkeit - an der Nase herumführen lässt und vor allem, dass man es sich offenkundig auch leisten können muss, finanziell und psychisch, will man zu seinem Recht kommen.
Alles nur eine "Inszenierung"?
Der Rechtsweg des Ernst August von Hannover ist schier endlos lang. Er reicht von einer Verurteilung durch das Amtsgericht Springe über eine mildere Entscheidung des Landgerichts Hannover bis zu einem Wiederaufnahmeantrag, den das Landgericht Hildesheim - ausgerechnet die 7. Kleine Strafkammer des Herrn Schlüter - 2007 schließlich als unzulässig verwarf.
Dass die Entscheidung Schlüters nicht richtig war, musste er vom Oberlandesgericht Celle erfahren. Wie falsch sie tatsächlich war, erfährt er nun mit jedem Sitzungstag von neuem - eine Situation nicht ohne Peinlichkeit.
Denn inzwischen wurde nicht nur der angeblich Geschädigte Brunlehner, heute 65, genannt "Mombasa-Joe", als Zeuge vernommen - ein unvergesslicher Auftritt mit Tränen, unglaublich wortreichen Beteuerungen und dramatischen Schilderungen von Schockzuständen, Bewusstlosigkeit, furchtbaren Schmerzen ("Das spüre ich heute noch!"), blutig aufgeschwollenen Körperpartien, Knochenbrüchen und vor allem Todesangst - , sondern auch sein ehemaliger Geschäftsführer, Freund und Vertrauter Frank Neugebauer, 53.
Nach dessen Aussage, mit der sich das Gericht den ganzen Dienstag über befasste, fragt man sich, warum Brunlehners afrikanische Abenteuergeschichte nicht schon eher aufflog.
"Der Joe hat uns verarscht"
Sollten noch weitere Zeugen bestätigen, dass Brunlehner weder halbtot geprügelt wurde noch schwerst verletzt in ein künstliches Koma versetzt werden musste, sondern dass eine groteske "Inszenierung" den prominenten "Täter" in Bedrängnis bringen sollte - Ernst August hätte allenfalls mit einer Verurteilung wegen einfacher Körperverletzung zu rechnen.
Dass er damit das beschädigte Image, das ihm die Medien gern attestieren, nicht los wird, versteht sich. Doch zumindest hätte er nur für das zu bezahlen, was er auch getan hat.
"Der Joe hat uns verarscht", beschrieb es der Zeuge Neugebauer drastisch. "Er hat uns allen was vorgemacht. Ich saß damals zu Hause bei seiner Frau in Mombasa, die fruchtbar weinte und Angst hatte um ihn. Es hieß ja, er habe schwere innere Verletzungen."
Auch er, Neugebauer, sei schockiert gewesen. Doch als der Klinikleiter ("ein seriöser Herzspezialist") mitteilte, Brunlehner habe außer ein paar Kratzern an der Brust und einer gebrochenen Rippe nichts Ernstes, "da fiel bei mir der Groschen". Diese Kratzer seien vermutlich entstanden, als Brunlehner im Anschluss an die Auseinandersetzung mit Ernst August sich ins Boot zu hieven versuchte; da sei eine Welle gekommen, so dass er vom "Käpt'n Ali" hineingezogen werden musste.
Brunlehner wies als Zeuge in Hildesheim Fragen, ob er die Presse an sein Krankenbett geholt habe, empört von sich. Neugebauer hingegen schilderte am Dienstag ausführlich, dass befreundete Journalisten schon Brunlehners Einzug ins Krankenhaus begleiteten. Er habe sie informiert, auf Wunsch Brunlehners. Er habe die Statements an die Presse weitergegeben, die im Hause Brunlehner verfasst wurden.
"Ich wusste, dass ich nicht die Wahrheit weitergebe. Als sein Sprachrohr habe ich seine Aufträge halt ausgeführt." Auch die Sache mit dem Schlagring "kam erst in der Klinik von Brunlehner, hundertprozentig". Zuvor habe niemand davon gesprochen. "Es gab mal einen, der hat sieben auf einen Streich erledigt", sagte Neugebauer über seinen früheren Freund, "aber der Joe, der setzt immer noch einen drauf!"
Ihn habe auch gestört, dass Brunlehner offenbar unmittelbar nach der "Tat" erst einmal mehrere Drinks in seiner Bar zu sich genommen habe, anstatt zur Polizei zu gehen, falls es sich um eine gravierende Attacke gehandelt haben sollte. "Aber er war mein Arbeitgeber. Ich hatte zu tun, was er mir anschaffte. Erst hatte ich keinen Grund, ihm nicht zu glauben, auch wenn er oft lügt und fantasiert und übertreibt."
Immer, wenn die Presse gekommen sei, habe sich Brunlehners Zustand auffällig verschlechtert. "Er wollte, dass man ihn als hilflosen Menschen sieht. Durch die Aufregung, die die Presseleute verursachten, sei er dann immer schwächer geworden."
"Mit der Atemmaske war das ebenso. Joe meinte, das sieht besser aus. Er wollte halt aussehen wie das Leiden Christi. Er war wie versessen darauf, dass der Prinz dafür zahlt. Richtig blechen sollte der, eine Million Dollar stand im Raum. Der Ali, der hat nur gelacht und gesagt, der Joe habe sich wohl beim Springen ins Boot ein bisschen wehgetan. Meine Einschätzung war: Das ganze ist ein Spiel, ein gut inszeniertes Theater."
Der Joe sei halt der König von Mombasa gewesen, bekannt wie ein bunter Hund. "Was hat da noch ein Prinz zu suchen?" In den kommenden Tagen werden weitere Zeugen aus Kenia gehört. Für welche Version werden sie sich entscheiden, als seine Angestellten?
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