Aus Leipzig berichtet Gisela Friedrichsen
Verteidiger Heise hat schon den Mörder von Mitja, Uwe K., vor dem Leipziger Gericht vertreten. Er ist ein erfahrener Strafverteidiger und weiß, wie und was vor Gericht erörtert werden soll. Es geht ihm vor allem darum, dass V. nach Jugendstrafrecht verurteilt wird, das als Höchststrafe für Mord zehn Jahre Freiheitsentzug vorsieht. Er erklärt anstelle des Angeklagten, dass V. den Eltern seines Opfers im Juni einen Brief geschrieben habe, der aber ungeöffnet zurückkam. V.s Worte hätten sicher nur "kleine Kraft", aber es sei wichtig gewesen für den Angeklagten, sie zu formulieren, sagt der Verteidiger.
"Bevor Sie Daniel V. kennenlernen", fährt der Verteidiger in Richtung der Kammer fort, "er hat Veränderungspotential. Wenn einer sich noch ändern kann, dann er! Ich trete dafür ein, dass er Hilfe bekommt und nicht verdammt wird."
Dann lässt er seinen Mandanten einige Worte sagen. "Als Erstes möchte ich mich entschuldigen bei der Familie, über die ich so viel Leid gebracht habe", sagt V. mit zittriger Stimme. "Ich möchte mich entschuldigen dafür, dass ich nicht früher die Kraft gefunden habe, mich zu stellen. Und ich möchte mich bei der Öffentlichkeit entschuldigen, die ich in Angst und Schrecken versetzt habe."
"Ich war ein ungewolltes Kind", sagt V. leise
Er sei von einer alleinerziehenden Mutter und der Großmutter aufgezogen worden; der Vater habe ihn nicht haben wollen. "Ich war ein ungewolltes Kind", sagt V. Sein Hobby sei Hockeyspielen gewesen. Auch Schwimmen und Volkstanz habe ihn interessiert. Doch dazu habe die Zeit gefehlt.
Die Tat hatte der Polizei zunächst Rätsel aufgegeben. Denn die Ermittler kamen bald zu der Überzeugung, der Fundort sei wohl nicht der Tatort. Doch niemand hatte bemerkt, dass und von wem das tote Mädchen dort abgelegt worden war.
V. wird von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, das Kind bei sich zu Hause missbraucht, dann aber, als es schrie und sich wehrte, brutal geschlagen und schließlich erwürgt zu haben. Die Anklage bewertet dies als Mord, begangen aus niedrigen Beweggründen und zur Verdeckung des sexuellen Übergriffs. V. hat an Michelle zwar nicht den Geschlechtsverkehr vollzogen, ist aber mit seinen Fingern in sie eingedrungen. Er hat sie massiv geschlagen, ihr mit einem Trichter Alkohol eingeflößt, hat sich auf sie gesetzt und immer wieder gewürgt.
Die Leiche soll er dann zwei Nächte lang in einer Abstellkammer im Zwischengeschoss des Treppenhauses verborgen haben, ehe er sie zum Fundort brachte. Dies war ihm trotz des großen Polizeiaufgebots gelungen, das zu dieser Zeit die Gegend durchkämmte.
Daniel V. ging zur Polizei und verstrickte sich in Widersprüche
Fast sieben Monate lang tappten die Ermittler im Dunkeln. Sie arbeiteten sich durch 1700 Hinweise aus der Bevölkerung, sie überprüften an die 250 einschlägig vorbestraften Sexualtäter in Leipzig und Umgebung. Erst als dies alles kein Ergebnis brachte, wurde das unmittelbare Umfeld Michelles noch einmal genauer unter die Lupe genommen. Die Polizei bat zum Speicheltest - und wer nicht kam, sollte zu Hause aufgesucht werden. So auch Daniel V.
Am 8. März, einige Stunden vor dem Besuch der Polizei und 202 Tage nach der Tat, erschien er mit seiner Mutter bei einer Polizeidienststelle und gab an, mit dem Verbrechen zu tun zu haben: Ein Unbekannter habe ihm einen Plastiksack überlassen und gebeten, diesen zu entsorgen. Er habe den Sack geöffnet und darin das tote Mädchen entdeckt. Stunden später, und nachdem er sich in Widersprüche verwickelt hatte, gestand V. die Tat.
Als vaterlos aufgewachsenem Kind habe V. das männliche Element in der Erziehung völlig gefehlt, sagt Verteidiger Heise über seinen Mandanten. Über Sexualität sei in dem Frauenhaushalt nie gesprochen worden. Warum er aber eine solche Tat begangen habe, könne sich V. bis heute selbst nicht erklären.
Nach der Festnahme V.s herrschte in Leipzig Erleichterung; endlich, so die Hoffnung, sei die Bedrohung durch einen frei umherlaufenden Sextäter vorbei. Diese Hoffnung trog. Im Juli verschwand die neunjährige Corinna aus Eilenburg, einer 17.000 Einwohner zählenden Stadt nordöstlich von Leipzig. Auch sie wurde an einem Gewässer gefunden, am Mühlgraben, einem Nebenarm der Mulde, in einen Sack verpackt - vergewaltigt und umgebracht. Als Tatverdächtigen nahm die Polizei vier Tage später einen 39 Jahre alten geschiedenen Mann fest. Der Prozess gegen ihn wird voraussichtlich Ende dieses Jahres stattfinden.
Ob der Rechtsmediziner dann wieder Fotos eines vergewaltigten Kindes auf Großleinwand vorführen darf?
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