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18.09.2009
 

Angriff auf Schule in Ansbach

Lehrer und Polizisten fordern Amok-Warnsystem

Die Bluttat von Ansbach hat eine Debatte über Schulsicherheit entfacht: Die Polizeigewerkschaft fordert ein Frühwarnsystem gegen Amokläufer - und warf der Regierung schwere Versäumnisse vor. Lehrer plädieren für spezielle Alarmsignale in Schulen, die vor Gewalttätern warnen.

Ansbach - Nach dem erneuten Amoklauf an einer Schule kritisiert die Deutsche Polizeigewerkschaft große Versäumnisse bei der Schulsicherheit. "Die schreckliche Tat von Ansbach belegt leider einmal mehr, dass Deutschlands Schulen keine sicheren Orte sind", sagte Gewerkschaftschef Rainer Wendt der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Wir brauchen endlich ein flächendeckendes Frühwarnsystem."

Trotz aller politischen Versprechen nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden fehlten aber nach wie vor Schulpsychologen und Sozialarbeiter, die Probleme frühzeitig erkennen könnten. "In jede Schule in Deutschland gehören mindestens ein Sozialarbeiter und ein Psychologe", forderte Wendt. "Die Landesregierungen müssen endlich ihre Hausaufgaben machen und massiv in die Schulsicherheit investieren, statt nach jedem Amoklauf mit Rufen nach schärferen Gesetzen von ihren großen Versäumnissen in der Schulpolitik abzulenken."

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, sprach sich für "flächendeckende Schulungen von Klassensprechern aus, um sie für mögliche Probleme und Außenseiter in ihren Klassen zu sensibilisieren". In den Schulen müsse man "eine Kultur des Hinsehens etablieren". Außerdem müsse die Zahl der Schulpsychologen in einem ersten Schritt verdoppelt werden. Derzeit müsse ein Psychologe im Schnitt 10.000 Schüler betreuen. "Das kann nicht funktionieren."


Trotz gegenteiliger Ankündigungen aus der Politik habe sich die Versorgungsquote in den vergangenen Jahren kaum verbessert, kritisierte Kraus. Mittelfristig müsse zudem jede der 42.000 deutschen Schulen auf einen Schulsozialarbeiter zurückgreifen können.

Angriff mit Brandsätzen und Axt

Der in Ansbach lebende Schüler Georg R. war am Donnerstagmorgen mit einer Axt, Messern und drei Molotow-Cocktails in das traditionsreiche Gymnasium Carolinum gestürmt.Jeweils einen Brandsatz warf der 18- Jährige in eine neunte und eine elfte Klasse im dritten Stock. Es gab mehrere Verletzte. Eine Elftklässlerin schwebte in Lebensgefahr, nachdem ihr der Täter mit der Axt auf den Kopf geschlagen hatte. Zudem erlitt eine Neuntklässlerin schwere Brandwunden.

Elf Minuten nach dem ersten Notruf überwältigten ihn Polizisten, nachdem sie R. mit fünf Schüssen aus einer Maschinenpistole getroffen hatten. Der Zustand des Täters galt zunächst als kritisch. Die Staatsanwaltschaft beantragte Haftbefehl wegen versuchten Mordes. In seinem Zimmer hätten die Ermittler Briefe gefunden, in denen von einer bevorstehenden Apokalypse die Rede war, berichtete der Bayerische Rundfunk.

Der junge Mann war zuvor noch nie strafrechtlich in Erscheinung getreten. Die Polizei will am Freitag Eltern, Mitschüler und Lehrer des 18 Jahre alten Täters vernehmen. Sollte der Abiturient gesundheitlich dazu in der Lage sein, werde auch er zu den Motiven und Hintergründen seiner Tat befragt, sagte ein Polizeisprecher.

"Schneller als in Winnenden"

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, plädiert mit Blick auf die Bluttat für Notfallpläne für Schulen. In einem Interview der Nachrichtenagentur ddp zeigte er Verständnis für die Forderung nach schärferen Sicherheitsvorkehrungen. So könnte beispielsweise im Falle zukünftiger Amokläufe über Lautsprecher ein verschlüsseltes Warnsignal abgegeben werden. Auch Videokameras seien denkbar. Das Wichtigste sei jedoch die Prävention bereits im Vorfeld einer Gewalttat.

Wenzel warnte davor, den Vorfall zu instrumentalisieren. Er forderte eine grundlegende Diskussion in Politik und Gesellschaft über die Rolle der Schule. Diese müsse mehr als eine Bildungseinrichtung sein, nämlich eine "Wohlfühleinrichtung".

Der BLLV-Präsident zollte den beteiligten Lehrern und Schülern in Ansbach großen Respekt. "Ich finde es vorbildlich, wie die Lehrer und Schüler reagiert haben." Wann die Schule wieder zum normalen Betrieb zurückkehren könnte, wollte er nicht prognostizieren. Allerdings könne er sich vorstellen, "dass es schneller geht als in Winnenden", sagte Wenzel.

Auch die Sicherheitsmaßnahmen am Carolinum dürften nun in der Diskussion stehen. Schüler hatten kritisiert, dass zwar ein Feueralarm zu hören gewesen sei, sie aber nicht über einen Amoklauf informiert wurden. "Nicht auszudenken ist, wenn Lehrer und Schüler die Klassenzimmer verlassen und dem Amokläufer ins Schussfeld geraten", teilte die innenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Helga Schmitt-Bussinger, mit. Ob im konkreten Fall richtig gehandelt worden sei, müsse anhand des Notfallplans der Schule überprüft werden.

amz/ddp/dpa

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"Amokläufe- wie können sie verhindert werden?" Durch ein freundlicheres Miteinander in der Schule? Ach nein, das ist zu naheliegend. mehr...

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Die verheerendsten Amokläufe

Amok

Der Begriff Amok kommt von dem malaysischen Wort "amuk" und bedeutet so viel wie "wütend" oder "rasend". Mehr auf der Themenseite...

17. September 2009: Ansbach

3. April 2009: Binghamton, USA

11. März 2009: Winnenden

10. März 2009: Alabama, USA

23. Januar 2009: Dendermonde, Belgien

23. September 2008: Kauhajoki, Finnland

7. November 2007: Jokela, Finnland

16. April 2007: Virginia, USA

12. Februar 2007: Amokläufe in Salt Lake City und Philadelphia, USA

20. November 2006: Emsdetten

2. Oktober 2006: Pennsylvania, USA

21. März 2005: Red Lake/Minnesota, USA

26. April 2002: Erfurt

27. März 2002: Nanterre, Frankreich

26. September 2001: Zug, Schweiz

8. Juni 2001: Osaka, Japan

20. April 1999: Littleton/Colorado, USA

24. März 1998: Jonesboro/Arkansas, USA

22. Mai 1997: Brasilien

28./29. April 1996: Tasmanien

13. März 1996: Dunblane, Schottland

23./24. September 1995: Toulon, Frankreich

16. Oktober 1991: Killeen/Texas, USA

Dezember 1989: Montréal , Kanada

18. Juli 1984: Kalifornien, USA

1. August 1966: Universität von Texas, USA

11. Juni 1964: Volkhoven bei Köln





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