Los Angeles - Vier Frauen mit vier Kaffeebechern, die zur besten Vormittagszeit aktuelle Themen besprechen und Prominente interviewen: Das Sendekonzept der US-Talkshow "The View" ist harmlos und sehr erfolgreich, Millionen Hausfrauen schauen täglich zu. Doch eine Diskussion um die Verhaftung des Oscarpreisträgers Roman Polanski hat der launigen Plauderrunde den Vorwurf schwerer Verharmlosung eingebracht.
Goldberg erklärte vor laufender Kamera, Polanskis Opfer, die heute 45-jährige Samantha Gailey, sei nicht vergewaltigt worden: "Ich weiß, es war keine Vergewaltigung-Vergewaltigung" ("I know it wasn't a rape-rape"), sagte sie. "Es war etwas anderes, ich glaube nicht, dass es richtige Vergewaltigung war."
Goldbergs Talkkolleginnen reagierten entsetzt, widersprachen ihr während der Sendung heftig. Co-Moderatorin Sherri Shepherd ließ über ihren Twitter-Account wissen: "Langer Tag bei 'The View'. Heiße Debatte über Polanskis sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen. Ein 45-jähriger Mann, der eine 13-Jährige mit Drogen und Alkohol gefügig macht und ohne ihre Zustimmung in sie eindringt, ist ein Vergewaltiger."
"Es geht mir um die Fakten"
Auch die amerikanischen Medien reagierten empört. "Mein Blutdruck steigt", schäumte Kolumnist Steve Lopez in der "Los Angeles Times". Im britischen "Guardian" warf die Kolumnistin Joan Smith Goldberg vor, eine Unterscheidung zwischen "echter" und "nicht wirklicher" Vergewaltigung sei "wahnwitzig". Im schlimmsten Fall sähen sich nun Menschen bestärkt, die meinten, einige Opfer von Vergewaltigungen seien selbst Schuld.
Goldberg selbst rechtfertigte sich am Donnerstag für ihre Aussage. "Ich wollte sichergehen, dass wir in der Show alle Fakten richtig benennen", erklärte sie in der jüngsten Aufzeichnung von "The View". "Wir müssen zwischen dem Haftbefehl in der Schweiz und den Anklagepunkten von damals unterscheiden", sagte Goldberg.
Die Schauspielerin verwies auf die Anklageschrift von 1978. Polanski wurde damals unter anderem der Vergewaltigung einer Minderjährigen, Unzucht, sexueller Perversionen und Verabreichung einer verbotenen Droge beschuldigt. Die Vorwürfe wurden jedoch wegen Polanskis Bitte um Einigung fallengelassen, die Anklage in "Beischlaf mit einer Minderjährigen" geändert. Er bekannte sich schuldig, sich für ungesetzlichen Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen zu interessieren. Dieser Vorwurf wog weniger schwer.
Petition für Freilassung
"All diese Anklagepunkte wurden fallengelassen", begründete Goldberg, "alle bis auf einen, den Polanski selbst eingestand. Dieser Anklagepunkt lautete nicht Vergewaltigung - das ist es, was ich sagen wollte. Uns sehen Millionen von Menschen zu, und ich wollte keine falschen Informationen verbreiten."
Polanski war Ende der siebziger Jahre vor der amerikanischen Justiz nach Frankreich geflohen. Er fürchtete damals, ein höheres Strafmaß zu erhalten als ihm der Richter versprochen hatte. Am Samstag war der Filmemacher in Zürich von der Schweizer Polizei festgenommen worden.
Bei einer Auslieferung in die USA drohen ihm bis zu 50 Jahre Haft.Viele Stars der Filmindustrie protestierten gegen die Verhaftung. Mehr als 100 Prominente unterschrieben ein Bittgesuch zur Freilassung des 'Rosemary's Baby'-Schöpfers, darunter Woody Allen, Martin Scorsese, Pedro Almodóvar, David Lynch und Paul Auster. In Deutschland stellte sich zuletzt der Regisseur Volker Schlöndorff hinter Polanski und klagte, der berühmte Kollege werde nur deshalb nach über 30 Jahren noch so unbarmherzig verfolgt, "weil er prominent ist".
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