Aus Erlangen berichtet Simone Utler
Doch vielleicht wollte auch niemand so genau hinschauen. Der Ärztemangel trifft auch Erlangen - Bewerber wie E. sind selten. "Solche Menschen gibt es wirklich, die in dem Alter all dies geschafft haben - und das sind natürlich genau die, die wir haben wollen", sagt der Leiter der Chirurgischen Klinik, Werner Hohenberger, heute.
Er hatte das letzte Wort bei der Einstellung von E., lässt Kritik aber an sich abperlen: So etwas sei schon hundertfach geschehen und werde auch weiterhin passieren. Wichtig sei, so Hohenberger, dass die Kontrollmechanismen der Klinik funktioniert hätten. "Es ist nichts passiert." E. habe bei Operationen die Haken gehalten, sicher habe er auch mal operiert - aber immer unter Aufsicht. "Für mich ist er ein krankhafter Hochstapler - aus, vorbei. Er ist hochgradig pathologisch und hat möglicherweise eine enorme kriminelle Energie."
Ab Januar 2007 durchläuft E. die zweijährige Grundausbildung in der Chirurgie. Wie alle anderen nimmt er an Visiten teil, ist für die Aufnahme von neuen Patienten zuständig und sammelt erste Erfahrungen im OP.
Das nötige Handwerkszeug lernt E. Man fange in der Chirurgie nach dem Studium bei Null an, so sei die Ausbildung auch aufgebaut, sagt er. Jedem einigermaßen Begabten könne man Chirurgie innerhalb von drei Jahren beibringen, sagt Hohenberger. Und: "E. ist nicht negativ aufgefallen."
Selbstbewusst und souverän
Dass er ständig Angst aufzufliegen hat, kann E. gut überspielen. Er wirkt selbstbewusst und souverän. In der Klinik erscheint er stets in blütenweißem Kittel, seine Stifte akkurat in der Brusttasche angeordnet. Er macht einen aktiven und freundlichen Eindruck, wird der Leiter der Gefäßchirurgie später im Prozess als Zeuge erklären. E. habe die ihm während des Studiums aufgetragene Doktorarbeit "zielstrebig" durchgeführt und einen medizinischen Sachverstand erkennen lassen, "welcher für Studenten seines angegebenen Semesters im klinischen Alltag üblich ist".
E. selbst hält sich für den besseren Mediziner: Während der Oberarzt die Kranken mit ihrer Diagnose bezeichne, nenne er sie beim Namen. Und nach Feierabend spielt er mit einer Patientin Karten. Dass er bei seinen Einsätzen als Begleitarzt für Krankentransporte, die er seit März 2007 für die Malteser absolvierte, Menschenleben gefährdete, weil er bei möglichen Komplikationen auf sich allein gestellt gewesen wäre, erwähnt er nicht.
Zu seiner Stelle als Assistenzarzt gehört es auch, einen Kurs für operationstechnische Assistenten zu geben. E. polarisiert mit seinen blumigen Erzählungen und dem prallen Lebenslauf wie kaum ein Dozent. Jüngere sind von den Erlebnissen beeindruckt, Frauen auch von dem attraktiven Äußeren und dem Charme des inzwischen geschiedenen E. Andere stören sich an der Vita des "Dr. med. Dr. rer. oec. E.".
Auch bei einem Notfallkurs in Berchtesgaden fällt E. auf - nicht nur wegen seines schwarzen BMW Coupés. Auch andere junge Ärzte kommen in Sportwagen und Ralph-Lauren-Hemden, aber E. stellt seine Fragen besonders laut und versucht, vor allem die Frauen im Kurs zu beeindrucken, wie ein Teilnehmer berichtet. Dieser wird hellhörig, als der fast gleichaltrige E. erzählt, er sei Gefäßchirurg. Auf der Website der Uniklinik Erlangen stellt er fest, dass E. erst Assistenzarzt ist. Ein Aufschneider, ein Großmaul, denkt er sich und geht der Sache nicht weiter nach.
"Ein Versuch, den Schein aufrechtzuerhalten"
Ja, sie haben sich ein bisschen gewundert, dass ein so junger Arzt schon so viel erreicht haben wollte, sagt ein Kollege, der E. vom Rettungsflugdienst kennt. Der sei eben einfach schlauer, habe er sich gedacht.
Im Dezember 2007 wird E. von den Ärzten in Erlangen sogar zu einem der Delegierten in der Bayerischen Landesärztekammer gewählt. Doch Doktor Münchhausen wird übermütig.
Er setzt einen von ihm angefertigten Stempel, der ihn als Gefäß-, Thorax- und Viszeralchirurg ausweist, unter seine Privatrezepte und erzählt Kollegen zufolge immer wildere Geschichten: Er betreue in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung ein Projekt in Afrika, sei Verantwortlicher bei einer Flugrettung und müsse eigentlich gar nicht arbeiten, weil sein Vater Millionär sei.
Einem wird das irgendwann zuviel: Im Februar 2008 zeigt jemand E. bei der bayerischen Ärztekammer an - anonym.
Der falsche Arzt wird vom Dienst suspendiert. Er nimmt Schlaftabletten, wird rechtzeitig gefunden. Aber selbst das und eine polizeiliche Vorladung können E. nicht stoppen: Mit seinen gefälschten Zeugnissen bewirbt er sich bei knapp einem Dutzend Praxen und Unternehmen um Jobs. Er reist außerdem ins thüringische Sonneberg und gaukelt dort vor, mit einem Millionenerbe eine Privatklinik eröffnen zu wollen. Mit der Bürgermeisterin sucht er einen Bauplatz, bei der Sparkasse bringt er einen Kredit auf den Weg - mit einem gefälschten Kontoauszug. "Das war ein Versuch, den Schein aufrechtzuerhalten. Völliger Blödsinn", so E.
Dreieinhalb Jahre Haft und ein Buch
Am 7. Juli wird ihm dann das Handwerk gelegt: Die Kripo nimmt ihn in seiner Wohnung fest. Die gefälschten Dokumente finden sich nicht nur auf Computer und Laptop - sie schmücken auch eine Wand.
Wegen Urkundenfälschung, Betrugs und Missbrauchs von Titeln wird E. im November 2008 zu drei Jahren Haft verurteilt, im Berufungsverfahren im August 2009 bekommt er sogar ein halbes Jahr mehr aufgebrummt. Die Haft ist ausgesetzt, bis das Urteil rechtskräftig ist.
Mit seinen Eltern und seiner Freundin hat er sich ausgesöhnt, sein Verhalten der vergangenen Jahre kann er aber immer noch nicht befriedigend erklären. Vieles sei nicht logisch gewesen, so E., aber eines sei sicher: Aus Habgier habe er das nicht gemacht. Als Händler habe er früher knapp 3500 Euro netto verdient, als Assistent im ersten Jahr gerade mal 1800 Euro. "Geltungsbedürfnis werfe ich mir schon vor."
Der 30-Jährige ist weiterhin überzeugt, ein guter Arzt gewesen zu sein. Stolz kramt er aus einem Ordner das Programm eines Chirurgenkongresses hervor, auf dem seine Doktorarbeit vorgestellt wurde, und rühmt sich damit, dass aufgrund seiner Forschungen an der Klinik Erlangen weniger Beine amputiert würden.
Und E. hat Zukunftspläne: Er will Medizin studieren. Mit dem Abitur hat er bereits begonnen, außerdem ein Buch geschrieben, knapp 300 Seiten über Fälle aus dem Klinikalltag.
Es soll Missstände im Gesundheitssystem anprangern.
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