Von Annett Meiritz und Sven Röbel
Berlin - Die Betreiber von SchülerVZ zeigen ihre Bestürzung per Blogeintrag: "Heute erreichte uns die folgende traurige Nachricht. Der Tatverdächtige, der versucht hatte, von uns 80.000 Euro zu erpressen, hat sich in der JVA Plötzensee das Leben genommen", schreiben sie. "Wir kennen keine Hintergründe und bedauern diese Entwicklung zutiefst. Allen Angehörigen sprechen wir unser Beileid aus." Die Internetgemeinde ist schockiert über den Selbstmord eines 20-jährigen Programmierers aus Erlangen, Hunderte Twitter-Meldungen widmen sich dem Fall.
Die SchülerVZ-Betreiber haben die Kommentarfunktion zu ihrem Eintrag deaktiviert, "um jeglichen Spekulationen zu Ursachen und Hintergründen - die uns nicht bekannt sind - ebenso keinen Platz einzuräumen wie Beleidigungen und Verleumdungen".
Empört zu sein, dazu hätten die SchülerVZ-User allen Grund: Der 20-Jährige hatte sensible Daten von mehr als einer Million Mitglieder des sozialen Netzwerks SchülerVZ geklaut. Damit versuchte er nach Angaben der Staatsanwaltschaft, von dem Netzwerkbetreiber VZ, der auch die populären Plattformen StudiVZ und MeinVZ unterhält, Geld zu erpressen. Auf SchülerVZ tauschen sich Kinder und Jugendliche mit Freunden aus und laden Fotos hoch. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen insgesamt rund 15 Millionen Mitglieder.
Vor elf Tagen war der junge Mann dann wegen des Verdachts auf Datenklau und Erpressung in U-Haft genommen worden. Die Polizei hatte ihn am 20. Oktober in den Firmenräumen der VZ-Netzwerke in Pankow festgenommen - nach einer Erpressungsaktion.
Am Samstag nahm er sich in seiner Gefängniszelle das Leben. Aus Justizkreisen heißt es, es habe keine Hinweise auf Suizidabsichten gegeben. SPIEGEL-ONLINE-Informationen zufolge war er in Einzelhaft. Fremdverschulden oder einen Unfall schließen die Ermittler aus.
Erst 20.000, dann 80.000 Euro
Die Betreiber hatten über das Blog Netzpolitik.org von der Datenklau-Aktion erfahren und mit dem Mann Kontakt aufgenommen. Sie arrangierten einen persönlichen Termin, trafen ihn in ihrem Berliner Büro. Es stellte sich heraus, dass er auch Daten von StudiVZ- und MeinVZ-Teilnehmern gesammelt, aber noch nicht veröffentlicht hatte. Die Mitarbeiter forderten den Hacker auf, alle Daten zu löschen. Dazu gehören Namen, Geschlecht, Alter, besuchte Schulen und Fotos von minderjährigen Nutzern.
Doch dann forderte der Mann im Gegenzug für das Vernichten des sensiblen Materials plötzlich 20.000 Euro, dann erhöhte er auf 80.000 Euro - ansonsten werde er die Daten nach Osteuropa verkaufen, hatte er der Geschäftsleitung nach deren Angaben gedroht. Daraufhin schaltete diese die Polizei ein.
Der Verdächtige sei den Behörden bereits "aus anderen Zusammenhängen bekannt", hieß es nach Bekanntwerden der Festnahme. Bei seiner Vernehmung gestand der Mann die Erpressung; da nach Angaben einer Sprecherin der Berliner Staatsanwaltschaft Fluchtgefahr bestand, wurde Haftbefehl erlassen.
Im Internet Hacker-Fähigkeiten demonstriert
Unklar ist, warum sich der Hacker überhaupt in die Geschäftsräume der Firma begeben hat - um dann das Risiko einer Erpressung auf sich zu nehmen. Das spontane Erhöhen des Geldbetrags könnte ein Indiz für eine Handlung aus dem Affekt sein.
Der Programmierer aus Bayern hatte sich bereits im Vorfeld alles andere als diskret verhalten. Für den Datenklau im großen Stil benutzte der 20-Jährige einen selbstgeschriebenen Crawler. Dabei handelt es sich um ein kleines Software-Programm, das sich mit den normalen Login-Daten des mutmaßlichen Täters in SchülerVZ einloggt und die angezeigten Daten abgreift.
Bereits im Mai 2009 demonstrierte er seinen Crawler auf YouTube. Als "matt56444" veröffentlichte er ein wenige Sekunden kurzes Video, das Nutzerdaten von Schüler-VZ durchrauschen lässt, unterlegt mit Reggae-Beats. "Ein von mir entwickelter Bot für das sVZ bzw. mVZ", steht im Erklärungstext darunter. "Ich probiere das gesamte VZ zu crawlen und werde dann eine grafische Auflistung generieren lassen", kündigte er damals an.
Am Samstagmorgen wurde der junge U-Häftling gegen sechs Uhr im Haus 9 der Berliner JVA leblos aufgefunden. Er hatte sein Bettlaken in Streifen gerissen, sich damit am Fensterkreuz erhängt. Einen Abschiedsbrief hinterließ er nicht.
Auf anderen Social Networks posten:
Immer schön ehrlich bleiben, lieber Spiegel. Von Datenklau keine Spur. Der Junge hatte einen Crawler programmiert und ganz legal alle öffentlich zugänglichen Daten gesammelt. Ob anschließend eine Erpressung erfolgte (aber womit [...] mehr...
Ist zwar auch nur eine Vermutung von mir, aber ich könnte mir vorstellen, dass der junge Mann an Realitätsverlust litt und das Ganze für ein virtuelles Spiel hielt. Erst als er sich im Knast wiederfand, hat er begriffen, dass [...] mehr...
Diese Geschichte ist sehr traurig, aber ich glaube nicht, dass die U-Haft der Grund für den Selbstmord war. Ich habe eher den Eindruck, dass der arme Junge schon von vornherein psychisch nicht ganz stabil war, vielleicht an [...] mehr...
Der 20-Jährige hatte sensible Daten von mehr als einer Million Mitglieder des sozialen Netzwerks SchülerVZ geklaut. Damit versuchte er nach Angaben der Staatsanwaltschaft, von dem Netzwerkbetreiber VZ, der auch die populären [...] mehr...
führen höchstens solche Beiträge. Um Missverständnisse zu vermeiden, sicher ist der Suizid dieses Jungen tragisch. Das er in U-Haft war, war aber sein eigenes Verschulden, basierend auf seiner eigenen Entscheidung. Ebenso wie [...] mehr...
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