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27.11.2009
 

NS-Kriegsverbrechen

Die lange Schonzeit für Klaas F.

Von Jörg Diehl

Klaas F. mit seiner Frau in Ingolstadt (2009): Den Kopf eingezogenZur Großansicht
Arnold Karskens

Klaas F. mit seiner Frau in Ingolstadt (2009): Den Kopf eingezogen

Er versteckt sich schon lange nicht mehr und wird doch verschont: Der mutmaßliche Kriegsverbrecher Klaas F. lebt seit Jahrzehnten unbehelligt in Ingolstadt. Während manche seiner Ex-Kameraden im hohen Alter noch vor Gericht stehen, hat der 87-Jährige nichts mehr zu befürchten.

Hamburg - Klaas F. und seine Frau, jaja, das seien freundliche Leute, sagt die leutselige Nachbarin am Telefon, "etwas zurückhaltend" zwar, aber "sehr anständig". Sie gingen viel spazieren, hätten drei Söhne - und führen einen roten Audi. "Er hat da ja früher gearbeitet, im Büro", weiß die Dame noch und bestimmt dann: "Alles Weitere soll Ihnen der Herr persönlich sagen."

Doch Klaas F. schweigt. Eine schriftliche Anfrage von SPIEGEL ONLINE ließ der inzwischen 87-Jährige bislang unbeantwortet. Er wird seine Gründe haben.

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum führt den Rentner auf der Liste der zehn meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher an Position fünf. Ein niederländisches Gericht hatte F. 1947 wegen mehrfachen Mordes im Zweiten Weltkrieg zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Doch der frühere Nazi-Kollaborateur floh mit Kumpanen aus dem Gefängnis und entkam über die Grenze nach Deutschland.

"Ich empfinde das als Skandal"

Seit den sechziger Jahren lebt der ehemalige Verkäufer für Herrenoberbekleidung, der im holländischen Haarlem geboren wurde, nun in einem Mehrfamilienhaus in Ingolstadt. Während sich andere mutmaßliche NS-Täter wie Heinrich Boere, 88, und Iwan Demjanjuk, 89, noch im hohen Alter für die ihnen zur Last gelegten Gräueltaten vor Gericht verantworten müssen, hat F. von der deutschen Justiz nichts mehr zu befürchten.

"Ich empfinde das nicht mehr als Ungerechtigkeit, sondern als Skandal", empört sich Arnold Karskens, Vorsitzender der niederländischen Stiftung "Untersuchung Kriegsverbrechen", gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Der hat jahrzehntelang den Kopf eingezogen und scheint damit tatsächlich durchzukommen. Für die Angehörigen seiner Opfer muss das unerträglich sein."

Das sah auch Sabine Leutheusser-Schnarrenberger so, als sie bloß bayerische FDP-Chefin war. "Ich fordere, dass jetzt endlich von Seiten der Generalstaatsanwaltschaft oder von Seiten der zuständigen Ämter auf Bundesebene geprüft wird, was man machen kann, um entweder eine Auslieferung zu erreichen oder ein Verfahren in Deutschland einzuleiten", sagte die Politikerin noch im Juli.

Inzwischen ist die Juristin zwar auch Bundesministerin der Justiz, in der Angelegenheit F. aber trotzdem vollkommen machtlos, wie ein Sprecher ihres Hauses SPIEGEL ONLINE sagte. "Die Situation ist bedauernswert, aber die Ministerin kann daran nichts ändern", so Ulrich Staudigl. Die bayerische Justiz habe die Gelegenheit verpasst, "Bewegung in die Sache zu bringen". Nun sei es zu spät.

Klaas F. scheint davongekommen zu sein - und Deutschland blamiert.

Freiwillig zur Waffen-SS

Aus niederländischen Gerichtsunterlagen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, geht hervor, dass sich F. bereits im Juli 1940 freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte.

Jedoch wurde "schnell deutlich", wie F. nach dem Krieg in einem Verhör behauptete, "dass man nach Beendigung der Ausbildung der SS einverleibt wurde. Ich wollte das nicht." Er habe sich geweigert, den Eid "auf den 'Führer'" abzulegen und sei nach nur wenigen Monaten in der SS-Standarte "Westland" in die Niederlande zurückgeschickt worden.

Dort schloss sich F., dessen Vater und Bruder ebenfalls glühende Nationalsozialisten waren, der Weerbaarheidsafdeling an, der dortigen SA. Für 18 Gulden die Woche diente er dem niederländischen Obernazi Anton Adrian Mussert als Leibwächter und empfahl sich damit für höhere Aufgaben. F. "hat sich als pflichtbewusster und verlässlicher Mitarbeiter erwiesen", notierte ein Vorgesetzter, wie aus den Dokumenten hervorgeht. "Alkoholmissbrauch und/oder Schulden" lägen bei ihm - "soweit bekannt" - nicht vor.

F. brachte es demnach bis zum Wachtmeister der Staatspolizei. Im September 1944 wurde er schließlich dem Sicherheitsdienst der SS in Groningen zur Unterstützung zugeteilt. Nach Aussagen verschiedener früherer Kameraden soll F. in dieser Zeit mehrere niederländische Widerstandskämpfer exekutiert haben. Im März 1946 gestand er seinen Vernehmern, bei einer Hinrichtung im Durchgangslager Westerbork "einen der Festgenommenen erschossen zu haben".

Ausbruch zu Weihnachten

Nach 1945 verurteilte ein niederländisches Gericht Klaas F. deshalb erst zum Tod, später dann zu einer lebenslangen Haftstrafe. Doch seine Gefangenschaft dauerte nicht allzu lange. Am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1952 flohen F. und sechs weitere verurteilte NS-Verbrecher während einer Filmvorführung - gezeigt wurde "Der Himmel auf Erden" mit Heinz Rühmann, Hans Moser und Theo Lingen - aus dem Gefängnis in Breda.

Bei Ubbergen überquerten sie die niederländisch-deutsche Grenze. Das Amtsgericht Kleve verdonnerte die Männer zwar Tags darauf wegen illegaler Einreise zu einer Strafe von jeweils zehn Mark, doch ein Justizangestellter schenkte ihnen das Geld und legte sogar noch etwas für die Weiterfahrt drauf. "Beim Gericht, das waren alles Kameraden", erinnerte sich einer der Kollaborateure 1997 im "Stern".

Wiederum zwei Tage später suchten die niederländischen Behörden in Deutschland um die Auslieferung der Flüchtigen nach - ohne Erfolg. Bonn lehnte unter Berufung auf einen Führererlass aus dem Jahr 1943 ab, demzufolge alle Angehörigen der Waffen-SS automatisch deutsche Staatsbürger waren. Doch wollte F. sich nicht geweigert haben, den Eid auf den "Führer" abzulegen? Gehörte er demnach überhaupt zweifelsfrei der SS an? Die Fragen blieben unbeantwortet.

1957 verzichtete dann das Landgericht Düsseldorf auch noch auf die Eröffnung eines Verfahrens gegen die Geflohenen. Begründung: Die Beweislage sei zu dünn. Für F. war es der Persilschein, den er gebraucht hatte. Er zog nach Ingolstadt und lebte ein kleinbürgerlich-braves Leben im Wirtschaftswunder-Deutschland.

"Berge von Material"

Im Jahr 2003 beantragte die niederländische Regierung auf Druck der Opferfamilien, dass F. die 1947 gegen ihn verhängte lebenslange Freiheitsstrafe nun in Deutschland verbüßen sollte. Doch das Landgericht Ingolstadt, für den früheren SS-Mann inzwischen zuständig, erklärte das Begehren für unzulässig. Schließlich habe eine deutsche Instanz - nämlich das Düsseldorfer Landgericht 1957 - F. in derselben Sache als entlastet angesehen.

Daraufhin schaltete sich die nordrhein-westfälische Zentralstelle für NS-Verbrechen ein, wie deren Leiter Ulrich Maaß SPIEGEL ONLINE sagte. Den Dortmunder Fahndern sei es schließlich gelungen, in Deutschland und den Niederlanden "Berge von Material" gegen F. zusammenzusuchen. Eine neuerliche Anklage wäre auf dieser Basis vielleicht möglich gewesen, so Maaß.

Doch die zuständige Staatsanwaltschaft München I, der Maaß die Dokumente 2006 übersandte, war anderer Ansicht. Demnach erschoss F. seine Opfer in der Überzeugung, gültige Todesurteile gegen Widerstandskämpfer zu vollstrecken. Das Mordmerkmal der niederen Beweggründe sei ihm nicht nachzuweisen gewesen, so Behördensprecher Thomas Steinkraus-Koch, man habe zu Gunsten des Schützen von Totschlag ausgehen müssen. Und der sei 1990 verjährt.

Sollten nicht neue Beweise auftauchen, die einen Mordverdacht begründeten, sei die Sache für die deutschen Ermittler damit abgeschlossen. Die Generalstaatsanwaltschaft habe die Einstellung des Verfahrens wiederholt und zuletzt noch im Mai 2008 bestätigt. Die fünf Leitzordner des Falls Klaas F., so der Münchner Staatsanwalt, lägen jedenfalls schon wieder im Archiv.

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30.11.2009 von ddorfer:

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30.11.2009 von mohojan:

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