Von Julia Jüttner
Sie habe daran gedacht, ihrer Qual selbst ein Ende zu bereiten, gesteht Kampusch in dem Film. Doch ihr Wille, Kampfgeist zu entwickeln, sei größer gewesen. Auch baute sie Verständnis für ihren Entführer auf. "Ich habe ihm alles verziehen, sonst wäre ich zu sehr voll Hass und negativen Gefühlen gewesen und wäre psychisch und physisch zugrunde gegangen", erklärt sie. "Für dieses Fehlgeleitet-Sein kann der Mensch nichts." Priklopil habe ein Gewissen gehabt, er sei aufgrund "tiefer Verletzungen" so geworden wie er war. "Das hat in mir eine Art Mitgefühl, Mitleid erweckt."
Vielleicht waren es auch die wenigen Glücksmomente, die das Mädchen am Leben hielten. Wenn Priklopil sie zum Beispiel in der Nacht für fünf bis zehn Minuten in seinen Garten ließ. "Ich freute mich, die Hecke berühren zu dürfen, den Wind zu spüren." Als Andenken habe sie ein paar Zweige mit in ihr Verlies nehmen dürfen.
"Das war ja mein Zuhause"
Im Film betont Kampusch, dass sie nie Opfer eines Kinderpornorings oder von Sado-Maso-Praktiken geworden sei. Sie habe nur Kontakt mit Priklopil gehabt, den sie konsequent als "Täter" oder "Entführer" bezeichnet, seinen Namen nennt sie kein einziges Mal.
Sein Haus in Strasshof bei Wien konnte Kampusch kaufen, da sie Anspruch auf Schadensersatz hat und sich Priklopil das Leben nahm. Ihre Gefühle, als sie zum ersten Mal wieder in das Verlies zurückkehrte? "Das ist so, als würden Sie in ihr Jugendzimmer zurückkommen. Das ist so behaftet mit Erinnerungen. Das war ja mein Zuhause", sagt die gebürtige Wienerin bei der Filmvorführung in Hamburg. Anfangs habe sie sich gewundert, dass alle so schockiert waren. "Heute geht es mir genauso: Allein der Gedanke, dass ich da eingesperrt war, löst ein mulmiges Gefühl aus."
Das Kellerverlies will sie demnächst zuschütten lassen. "Ich überlege noch, was dann mit dem Haus geschehen soll", sagte die 21-Jährige. Priklopils Mutter habe ihren Anteil an sie abgetreten. Nach ihrer Flucht habe sie versucht, die Frau zu treffen. "Sie wollte das erst nicht, und ich habe das respektiert." Inzwischen sei Priklopils Mutter zu einem Gespräch bereit. "In den nächsten zwei Monaten soll ein Kontakt zustande kommen", sagte Kampusch.
Bereitwillig beantwortete sie in Hamburg alle Fragen - und hatte anscheinend doch vor allem ein Anliegen. Im Film konstatiert sie: "Ich löse bei vielen Menschen Aggressionen aus. Vielleicht, weil die Tat viele Aggressionen auslöste, und ich die einzige Überlebende bin. Ich wünsche mir, dass die Menschen einen normaleren Umgang mit mir hätten. Sie sollten sich mit mir freuen, dass ich das halbwegs gesund überstanden habe."
Doch gerade ihre Landsleute hätten sie feindlich behandelt, betonte Kampusch in Hamburg noch einmal. In Österreich schlage ihr viel Missgunst und Aggressivität entgegen. "Man sieht die Dinge in meinem Heimatland ganz anders, ich wollte das von einer anderen Seite betrachtet sehen", begründete sie die Zusammenarbeit mit dem NDR. Die Berichte über ihr Schicksal hätten bisher immer einen "Nachrichten-Wegwerf-Charakter" gehabt. Die Medien hätten "das Schreckliche nicht schrecklich sein lassen", sondern es noch schrecklicher machen wollen.
Ihr Traum: Schauspielerin sein - aber nicht in der Öffentlichkeit stehen
"Natascha Kampusch und ihre Mutter werden von den Österreichern durchs Land gescheucht", erklärte Drehbuchautor Reichard. Trotzdem behalte sie ihre Wohnung in Wien, es sei schließlich ihre Heimatstadt, sagte die 21-Jährige. Andere zu kritisieren und schlechtzumachen, "das ist so eine Wiener Mentalität". "Ich lebe zurückgezogen, zeige mich kaum in der Öffentlichkeit, außer dass ich öffentliche Verkehrsmittel benutze." Noch bis zum Ende des Jahres möchte sie nach eigenen Angaben ihren Mittelstufenabschluss in der österreichischen Schulausbildung erlangen.
Kampusch betonte, sie liebäugle wie einst als kleines Mädchen damit, Schauspielerin zu werden. Eine "Hollywood-Größe" jedoch habe für ihren Geschmack "zu viel Fassade". Auch kokettierte sie mit ihren Sangeskünsten, von denen sie in der Dokumentation eine kleine Kostprobe gibt, mit einer Strophe des Beatles-Songs "From me to you".
Auf die Frage, warum sich der Film über den Kriminalfall Kampusch auf die Gefangenschaft konzentriere und die erste Zeit in der Freiheit gänzlich ausspare, kündigte Drehbuchautor Reichard an, es werde einen zweiten Teil geben. Natascha Kampusch schmunzelte verlegen, als er das sagte. Normalität leben sieht anders aus. Einerseits. Andererseits beweist Natascha Kampusch damit, dass sie auch weiterhin nicht vorhat, ein Opfer zu sein, das sich wie ein Opfer verhält.
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finden sie auf : http://www.gutefrage.net/frage/was-ist-eigentlich-aus-natasche-kampusch-geworden so wie auch ein paar antworten. mehr...
Guten Tag. Als ich Ihren Beitrag las, ging mir ein ganz ähnlicher Gedanke durch den Kopf. Ich kann Frau Kampusch auch kein Mitgefühl "senden", vermutlich würde sie oder jemand in vergleichbarer Lage das auch nicht [...] mehr...
Nun rächt sich all der Medienrummel, da nun das Mädchen samt Namen bekannter ist als ein bunter Hund und ihr damit ein normales Leben in der Gesellschaft unmöglich geworden ist; ihr selbst kann man nach dem jahrelangen Martyrium [...] mehr...
Warum sollte ich scherzen? Ich stehe zu meinem "Mir doch egal". Mal ganz ehrlich, was bringt Frau Kampusch mein Mitgefühl, wenn sie niemals wissen wird, dass ich eventuell welches für Sie gehabt hätte? Oder wie kann [...] mehr...
Es ist unfassbar, was man hier zu diesem Thema zu lesen bekommt. "Inszeniert", "Mir doch egal", etc. Das meint ihr doch nicht im Ernst, oder? Der Mangel an Mitgefühl, Einfühlungsvermögen oder schlichtweg [...] mehr...
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