ThemaKriminalitätRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
17.12.2009
 

Versuchter Mord

Gericht lässt mutmaßliche Mai-Randalierer frei

Von Sonja Bechtold

Mai-Krawalle in Berlin: "Das Verfahren dauert schon viel zu lange"Zur Großansicht
DPA

Mai-Krawalle in Berlin: "Das Verfahren dauert schon viel zu lange"

Zwei Schüler sollen bei Krawallen am 1. Mai in Berlin einen Molotow-Cocktail geworfen und eine Passantin schwer verletzt haben. Das Duo steht seit September wegen versuchten Mordes vor Gericht, jetzt dürfen die beiden jungen Männer nach Hause - vorerst.

Berlin - Nach fast acht Monaten Untersuchungshaft sind die Yunus K., 20, und Rigo B., 17, wieder in Freiheit. Die Richterin hob an diesem Donnerstag den Haftbefehl gegen die jungen Berliner mit der Begründung auf, dass aus ihrer Sicht momentan kein dringender Tatverdacht mehr bestehe. Nicht nur bei den Angeklagten herrschte daraufhin große Erleichterung: Das Publikum im vollbesetzten Saal klatschte begeistert, die Verhandlung musste für zehn Minuten unterbrochen werden.

Vor der Tür des Gerichtssaals warteten etliche ehemalige Mitschüler und Freunde. Mit einer derartigen Nachricht hatte an diesem 16. Verhandlungstag wohl kaum jemand gerechnet. "Ich kann das jetzt nicht glauben", sagte der frühere Waldorfschüler Yunus K., der im Gefängnis sein Abitur gemacht hat, als er vor der Saaltür einem Freund in die Arme lief.

Die Anteilnahme war von Anfang an groß: Zahlreiche Unterstützer der beiden hatten jeden einzelnen Prozesstag auf einer extra eingerichteten Internetseite dokumentiert und kommentiert. Für Yunus und den Waldorfschüler Rigo wurden Mahnwachen, Kundgebungen und sogar ein Benefizkonzert in Berlin veranstaltet.

Ungewollte Unterstützung

Ungewollte Unterstützung bekamen Yunus K. und Rigo B. auch von den Berliner Autonomen. Obwohl sich die Angeklagten und ihre Familien von jeglicher Gewalt distanziert hatten, stilisierte sie die mutmaßlich gewaltbereiten Szene zu Opfern der Behördenwillkür. Die Berliner Antifa warb auf ihren Internetseiten für Yunus und Rigo, auch wenn denen das vor Gericht womöglich schaden könnte.

Die Vorwürfe gegen die beiden sind massiv: versuchter Mord und schwere Körperverletzung. Noch nie in der langen Folge von Krawallen und Gewalt am 1. Mai in Berlin wurden mutmaßliche Randalierer wegen versuchten Mordes angeklagt. Bisher steht nur fest: Jemand hat am Abend des 1. Mai aus einer Menge heraus einen Molotow-Cocktail auf eine Gruppe Polizisten geworfen. Dabei erlitt eine Passantin schwere Verbrennungen am Rücken.

Die Verteidigung wertete die Aufhebung des Haftbefehls als deutliches Zeichen dafür, dass das Gericht die Angeklagten am Ende freisprechen könnte. Dafür könnte auch sprechen, dass die Kammer Zweifel an der Objektivität zweier Belastungszeugen erkennen ließ. Sie wollen Yunus K. und Rigo B. am 1. Mai als Molotow-Werfer erkannt haben. Das Gericht schloss jedoch offenbar eine Verwechslung nicht mehr aus.

Schon seit ihrer Verhaftung bestritten die Angeklagten sämtliche Vorwürfe vehement. Die Verteidigung forderte seit Beginn des Prozesses am 1. September, das Verfahren einzustellen. Ebenso hatten die Anwälte bereits mehrfach Anträge auf Haftaussetzung gestellt und immer wieder bemängelt, dass zu wenige Verhandlungstage angesetzt worden seien.

"Das Verfahren dauert schon viel zu lange. Normalerweise muss im Durchschnitt zweimal pro Woche verhandelt werden. In unserem Fall kommen wir im Durchschnitt nicht mal auf einen Verhandlungstag pro Woche", so Verteidigerin Christina Clemm. Dadurch habe sich die U-Haft von Yunus K. und Rigo B. fast acht Monate hingezogen. Auch wenn die beiden Weihnachten nun zu Hause verbringen könnten, sagte Clemm: "So etwas kann man nie wieder gut machen."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 16 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
25.12.2009 von Diomedes: Ein umgekehrtes Weimar... II

Es ist ein ziemlicher Unfug zu behaupten, dass Gewalt ungerechtfertigt sei, zumal in einem Staat, der sowohl ein Heer zu seiner Verteidigung gegen innere wie äußere Feinde unterhält, eine Polizeitruppe einsetzt und zudem seinen [...] mehr...

19.12.2009 von BillBrook: .

Auch Rechte werden nicht verurteilt, wenn sie nicht schuldig sind. Noch gar nicht gewusst? Im Übrigen offenbaren Sie hier ein äusserst zweifelhaftes Verhältnis zum Rechtsstaat. Wenn einer eine Tat nicht begangen hat, dann ist [...] mehr...

19.12.2009 von Ingmar E.: Die folgenden Fehler traten bei der Verarbeitung auf:

Schaum abwischen. Die Rechten, bzw. besoffene Schläger die sich selbst für Nazis halten, haben in Deutschland erheblich mehr Menschen auf dem Gewissen. Aber was ist schon so ein erschlagener Obdachloser im Vergleich zur [...] mehr...

19.12.2009 von Diomedes: Ein umgekehrtes Weimar...

Galt in Weimar der Spruch, dass der Feind rechts stehe, so gilt in Bonn und nun auch in Berlin: Der Feind steht links! – und es wäre einmal an der Zeit, dass der Staat dem Straßenterror der faschistoiden Antifaschisten, der [...] mehr...

18.12.2009 von DeGe_Richter: Die neuen Leiden des jungen Rigo

Und Ihnen fehlt ganz offensichtlich Erfahrung mit körperlichen Verletzungen. Meinen Glückwunsch, aber leite Sie daraus nicht ab, dass die daher einfach abheilen. Dass diese Frau nicht dauernd in Tränen ausbricht wie [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles aus der Rubrik Justiz
alles zum Thema Kriminalität

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP