Von Sonja Bechtold
Berlin - Nach fast acht Monaten Untersuchungshaft sind die Yunus K., 20, und Rigo B., 17, wieder in Freiheit. Die Richterin hob an diesem Donnerstag den Haftbefehl gegen die jungen Berliner mit der Begründung auf, dass aus ihrer Sicht momentan kein dringender Tatverdacht mehr bestehe. Nicht nur bei den Angeklagten herrschte daraufhin große Erleichterung: Das Publikum im vollbesetzten Saal klatschte begeistert, die Verhandlung musste für zehn Minuten unterbrochen werden.
Vor der Tür des Gerichtssaals warteten etliche ehemalige Mitschüler und Freunde. Mit einer derartigen Nachricht hatte an diesem 16. Verhandlungstag wohl kaum jemand gerechnet. "Ich kann das jetzt nicht glauben", sagte der frühere Waldorfschüler Yunus K., der im Gefängnis sein Abitur gemacht hat, als er vor der Saaltür einem Freund in die Arme lief.
Die Anteilnahme war von Anfang an groß: Zahlreiche Unterstützer der beiden hatten jeden einzelnen Prozesstag auf einer extra eingerichteten Internetseite dokumentiert und kommentiert. Für Yunus und den Waldorfschüler Rigo wurden Mahnwachen, Kundgebungen und sogar ein Benefizkonzert in Berlin veranstaltet.
Ungewollte Unterstützung
Ungewollte Unterstützung bekamen Yunus K. und Rigo B. auch von den Berliner Autonomen. Obwohl sich die Angeklagten und ihre Familien von jeglicher Gewalt distanziert hatten, stilisierte sie die mutmaßlich gewaltbereiten Szene zu Opfern der Behördenwillkür. Die Berliner Antifa warb auf ihren Internetseiten für Yunus und Rigo, auch wenn denen das vor Gericht womöglich schaden könnte.
Die Vorwürfe gegen die beiden sind massiv: versuchter Mord und schwere Körperverletzung. Noch nie in der langen Folge von Krawallen und Gewalt am 1. Mai in Berlin wurden mutmaßliche Randalierer wegen versuchten Mordes angeklagt. Bisher steht nur fest: Jemand hat am Abend des 1. Mai aus einer Menge heraus einen Molotow-Cocktail auf eine Gruppe Polizisten geworfen. Dabei erlitt eine Passantin schwere Verbrennungen am Rücken.
Die Verteidigung wertete die Aufhebung des Haftbefehls als deutliches Zeichen dafür, dass das Gericht die Angeklagten am Ende freisprechen könnte. Dafür könnte auch sprechen, dass die Kammer Zweifel an der Objektivität zweier Belastungszeugen erkennen ließ. Sie wollen Yunus K. und Rigo B. am 1. Mai als Molotow-Werfer erkannt haben. Das Gericht schloss jedoch offenbar eine Verwechslung nicht mehr aus.
Schon seit ihrer Verhaftung bestritten die Angeklagten sämtliche Vorwürfe vehement. Die Verteidigung forderte seit Beginn des Prozesses am 1. September, das Verfahren einzustellen. Ebenso hatten die Anwälte bereits mehrfach Anträge auf Haftaussetzung gestellt und immer wieder bemängelt, dass zu wenige Verhandlungstage angesetzt worden seien.
"Das Verfahren dauert schon viel zu lange. Normalerweise muss im Durchschnitt zweimal pro Woche verhandelt werden. In unserem Fall kommen wir im Durchschnitt nicht mal auf einen Verhandlungstag pro Woche", so Verteidigerin Christina Clemm. Dadurch habe sich die U-Haft von Yunus K. und Rigo B. fast acht Monate hingezogen. Auch wenn die beiden Weihnachten nun zu Hause verbringen könnten, sagte Clemm: "So etwas kann man nie wieder gut machen."
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