Von Julia Jüttner
Hamburg - Jeffrey Hollahan ist der Erste, der von dem Fund erfährt. Die Polizei wollte den 51-jährigen Bankier persönlich informieren, dass ein Schuh seines vermissten Sohnes Devon aufgetaucht ist. Er sollte es nicht aus den Zeitungen erfahren, das war den Ermittlern ein Anliegen. Für sie ist der Schuh ein weiterer Beweis dafür, dass der Devon Hollahan nicht mehr am Leben ist. Für den Vater ist mit der Nachricht erneut ein Stück Hoffnung gestorben, dass sein Junge noch am Leben sein könnte, dass es für alles eine Erklärung gibt.
Seit der Nacht zum 21. November fehlte bis zum Fund des Schuhs jede Spur von Devon Hollahan. Der 22-Jährige, der in Prag als Englischlehrer arbeitete, war mit seinem Freund über Nürnberg nach Frankfurt am Main gefahren, um dort ein Konzert der Band "Portugal. The Man" zu besuchen. Die beiden Amerikaner sind mit einigen Bandmitgliedern befreundet. Nur für diese eine Nacht wollten sie nach Deutschland.
Nach dem Konzert in der "Batschkapp", einem Club in der Maybachstraße, feiern Devon Hollahan und sein Kumpel Josh Friedman mit ihren Musikerfreunden. Mit mehreren Taxis fahren alle - reichlich angetrunken - um weit nach Mitternacht in die Frankfurter Innenstadt zum Hotel Luxor, wo die Musiker eingecheckt haben. Devon Hollahan und Josh Friedman steigen ebenfalls dort aus, haben sich aber im Internet ein anderes Hotel in Bahnhofsnähe ausgesucht, jedoch dafür weder eine Buchung noch eine Reservierung vorgenommen.
Die beiden wollen zu Fuß in ihre Unterkunft, "Frankfurt Hostel" in der Kaiserstraße. Für Ortskundige ist es kein weiter Weg. Doch die beiden Amerikaner sind völlig orientierungslos. Nach einigen Irrwegen fragt Friedman nahe des Goetheplatzes Passanten nach dem Weg - als er sich umdreht, ist sein Freund Devon plötzlich verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt.
Passanten entdecken Devon Hollahan hilflos auf einem Gehweg
Josh Friedman findet allein den Weg ins Hotel. Devon Hollahan taucht bis zum Morgen nicht dort auf. Friedman hofft, ihn im Zug nach Prag zu treffen. Vielleicht ist Devon schon losgefahren, denkt er. Als er in Prag ankommt, hat er noch immer nichts von Devon Hollahan gehört, auch dort ist er nicht aufzufinden. Friedman meldet seinen Kumpel als vermisst.
Die Frankfurter Polizei ermittelt schnell, dass Devon Hollahan zuletzt um 4 Uhr gesehen wurde.
Zwei Passanten entdecken ihn auf einem Gehweg in der Großen Eschenheimer Straße nahe der barocken Hauptwache im Stadtzentrum: Er liegt da, die Augen geschlossen, und rührt sich nicht. Als sie ihn ansprechen, kann er sich nur schwer artikulieren, stammelt etwas in seiner Muttersprache. Die Passanten alarmieren den Rettungsdienst und reden beruhigend auf den jungen Mann ein. Als dieser das Wort "Emergency", Notfall, hört, springt er auf und rennt in die B-Ebene des terrassenförmig angelegten Hauptwache-Areals. Nach Erkenntnissen der Polizei ist dies das letzte Mal, dass Devon Hollahan lebend gesehen wurde.
Sein Verschwinden gehört nun zu den rätselhaftesten Vermisstenfällen, die der Frankfurter Polizei in den vergangenen Jahren untergekommen sind. Es werde zwar immer wieder nach Personen gesucht, sagt Polizeisprecher Karlheinz Wagner, aber im Fall Devon Hollahan habe es bis zum Schuhfund nicht den kleinsten Anhaltspunkt dafür gegeben, was geschehen sein könnte.
Dem Fall wurde auch deshalb in den Medien viel Beachtung geschenkt, weil Devons Vater Jeffrey Hollahan Vice President bei der US-Bank Morgan Stanley ist. Er lebt in einem noblen Viertel von Scottsdale im US-Bundesstaat Arizona und gilt als vermögend. Doch die Vermutung, Devon könne entführt worden sein, verflüchtigte sich schnell. Keine Lösegeldforderung erreichte den Millionär. Die Polizei bezog jedoch auch dieses Szenario in die Ermittlungen mit ein. "Wir konnten nichts ausschließen", sagt Karlheinz Wagner von der Frankfurter Polizei.
Einmalige Suchaktion nach einem Vermissten in Frankfurt am Main
Als Jeffrey Hollahan vom Verschwinden seines Sohnes erfährt, macht er sich mit seiner Schwester Beth umgehend auf den Weg nach Frankfurt am Main. Beth hat Bekannte in Deutschland, die der Familie bei der Suche nach Devon helfen. Devons Mutter und andere Verwandte folgen. Jeffrey Hollahan entwirft ein Flugblatt und initiiert eine aufwendige Suche nach seinem Sohn.
Tausende der Farbkopien verteilt er an Passanten, klebt sie an U-Bahn-Stationen, Laternenmasten und Haltestellen, heftet sie an Hauswände und Ladentüren, legt sie in Kneipen und Supermärkten aus. Auf den Flyern sieht man zwei Fotos seines Sohnes, einem lebensfrohen jungen Mann mit rötlichen Haaren, der ab und zu einen Fünf-Tage-Bart trug. Auf Deutsch und auf Englisch bittet der Vater die Bevölkerung um Hilfe bei der Suche nach dem verschwundenen Sohn.
Die Polizei leiste "großartige Arbeit", betonte Jeffrey Hollahan demonstrativ. Er wolle sich auch nicht einmischen, aber "etwas dazu beitragen, dass Devon gefunden wird". Er sei sich sicher, dass etwas passiert sein müsse, das Devon nicht beeinflussen konnte. "Er war nicht depressiv, er nahm keine Drogen, und er ist viel gereist, er kommt mit fremden Menschen und in fremder Umgebung gut klar."
Jeffrey Hollahan sucht sein Kind auch übers Internet. Es gibt Beiträge bei YouTube und über Twitter sowie in zahlreichen Blogs. Parallel dazu fahndet die Polizei nach dem jungen Amerikaner, arbeitet mit den amerikanischen und tschechischen Behörden zusammen. Eine Hundertschaft durchsucht Grünanlagen und Parks, Taucher überprüfen Seen und den Main. Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe finden lediglich das einzige Gepäckstück des 22-Jährigen: Der blaugraue Rucksack liegt in der Nähe der Taunusanlage auf dem Boden. Devon muss ihn auf seiner Flucht verloren haben.
"Die Suche geht weiter", sagt Devons Vater
Darin befinden sich Bücher der Schule, an der unterrichtete, sowie Kleidung und eine Digitalkamera. Die Öffentlichkeitsfahndung über "Aktenzeichen XY...ungelöst" bleibt erfolglos.
Ein Spürhund kann schließlich den letzten Weg von Devon Hollahan rekonstruieren: Er führt von dem Gehweg, auf dem er kurzzeitig lag, einige hundert Meter bis zum Mainufer. "Dort verliert sich die Spur." In einem Abfallcontainer an der Staustufe Griesheim habe man am Freitag einen Schuh gefunden. Dieser stamme mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von Devon Hollahan.
Die Ermittler gehen davon aus, dass der vermisste Bankierssohn einem Unfall zum Opfer gefallen ist: "Wir vermuten, dass er mit allergrößter Wahrscheinlichkeit betrunken in den Main gestürzt und dabei ums Leben gekommen ist", so Wagner. Es gebe weder Hinweise auf einen Selbstmord noch auf eine Straftat. Trotz intensiver Suche auch mit Hilfe der Taucher sei aber im Main Hollahan bisher nicht gefunden worden. "Die Leiche kann angesichts der derzeitigen niedrigen Wassertemperaturen irgendwo auf dem Grund hängengeblieben sein", sagte Wagner. Der Strom habe in jener Novembernacht auch höheres Wasser geführt und eine hohe Fließgeschwindigkeit gehabt. Es sei sogar denkbar, dass die Leiche des 22-Jährigen über die Staustufen hinweg in den Rhein gespült worden sei.
Jeffrey Hollahan will die Hoffnung auch nach dem Fund des Schuhs nicht aufgeben. "Die Suche geht so lange weiter, bis wir seine Leiche gefunden haben", sagte der Manager der Nachrichtenagentur AP.
Auf einem Plakat, das Jeffrey Hollahan in Frankfurt aufgehängt hat, sieht man seinen Sohn auf dem Konzert in der "Batschkapp". Devon trägt eine graue Kappe, er wirkt unbeschwert und prostet lachend dem Fotografen mit einer Bierflasche zu. Es entstand wenige Stunden vor seinem Verschwinden.
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