München - Unter Tränen haben Holocaust-Überlebende am Montag im Mordprozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk von der Deportation ihrer Eltern und Geschwister ins Vernichtungslager Sobibór berichtet. Demjanjuks Wahlverteidiger Ulrich Busch bestritt ihnen das Recht zur Aussage, löste mit Fragen zur "Judenpolizei" Empörung aus und forderte schließlich seinen Kollegen Günther Maull auf, sein Mandat niederzulegen.
Das Schwurgericht lehnte die Anträge auf Einstellung des Verfahrens und Freilassung Demjanjuks ab und vertagte die Verhandlung bis Dienstag.
Sofort anschließend rief Wahlverteidiger Busch den Pflichtverteidiger Maull lautstark auf: "Gehen Sie raus aus dem Verfahren, wenn Sie meinen, dass nur der Richter Recht hat!" Sein Kollege sei ja "staatsanwaltlicher als der Staatsanwalt". Maull sagte daraufhin, er werde sein Mandat weiter wahrnehmen.
Der 89-jährige Demjanjuk nahm am dritten Prozesstag zunächst im Rollstuhl sitzend, ab Mittag jedoch in einem Bett unter einer Decke liegend und mit geschlossenen Augen an dem Prozess teil. Er ist angeklagt, als Wachmann im Vernichtungslager Sobibór 1943 beim Mord an 27.900 Juden geholfen zu haben.
Der 87-jährige Nebenkläger Philip Jacobs aus Amsterdam sagte vor Gericht, seine Eltern und seine 21-jährige Verlobte Ruth seien im Juli 1943 von Westerbork deportiert und sofort nach ihrer Ankunft in Sobibór vergast worden. "Ich habe die Liebe meines Lebens verloren", sagte Jacobs weinend. Seine 23-jährige Schwester sei in Auschwitz, seine Freunde im KZ Mauthausen umgebracht worden. "Ich peinige mich oft mit dem Gedanken, warum ich am Leben geblieben bin, warum ich meine Familie allein gelassen habe", sagte der 87-Jährige.
"War nach Ihrem Eindruck die Judenpolizei schlimmer als die Nazis?"
Der 83-jährige Robert Cohen sagte, er habe im Sammellager Westerbork Strohmatratzen stopfen müssen, während seine Eltern und sein Bruder nach Sobibór gebracht wurden. "Ich wollte auch deportiert werden. Wir waren sehr naiv damals. Ich dachte, ich würde meine Familie dann wiedersehen", sagte Cohen, der später Auschwitz überlebte.
Mehrere Nebenkläger berichteten, dass sie als Kleinkinder bei nichtjüdischen Familien versteckt worden waren, bevor ihre Familien abgeholt wurden. Viele überlebten den Holocaust bei wechselnden Familien unter immer neuen Namen. Max Degen aus Amsterdam erinnerte sich, wie er als Sechsjähriger "in einen Koffer gesteckt, über eine Mauer geschmissen" und so gerettet wurde. Seine Eltern und sein dreijähriger Bruder dagegen wurden in Sobibór vergast.
Demjanjuks Verteidiger Busch beantragte, die Nebenkläger nicht weiter als Zeugen zu hören, weil sie nichts zur Aufklärung beitragen könnten. Empörung rief er hervor, als er einen Überlebenden hartnäckig nach dem Verhalten jüdischer Ordner in Westerbork befragte: "War nach Ihrem Eindruck die Judenpolizei schlimmer als die Nazis?" Er habe das gelesen.
Auf Nachfragen des Gerichts und der aufgebrachten Anwälte der Nebenkläger nannte er aber keine Quelle. "Wenn Sie's googeln, finden Sie's", sagte Busch. Den Tod von 3,3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen verglich er mit dem Massenmord an den Juden. "Leider wird über diesen Holocaust von der Nachkriegsjustiz in Deutschland der Mantel des Schweigens und Vergessens gehüllt", sagte Busch.
Schon am ersten Prozesstag hatte er mit der Gleichsetzung Demjanjuks und der jüdischen KZ-Häftlinge als Opfer der Nazis für Empörung gesorgt. Rund 40 Holocaust-Überlebende nehmen als Nebenkläger an dem Prozess teil. Demjanjuk bestreitet, in Sobibór gewesen zu sein. Wichtigstes Beweismittel der Staatsanwaltschaft sind sein Dienstausweis und Listen der SS für die als Kriegsgefangene rekrutierten KZ-Wachmänner. Das Urteil soll im Mai verkündet werden.
jjc/APD
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Danke, KC, dass Sie ihm das mal klargemacht haben. mehr...
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