Von Julia Jüttner
Hamburg - Drei Stunden lang stellte sich Christian den Fragen eines Vernehmungsbeamten im Polizeipräsidium Bielefeld. Detailliert beschrieb der 16-Jährige, wie er im Frühsommer 2009 von vier Mitgefangenen im Alter von 15 bis 20 Jahren in der Justizvollzugsanstalt Herford malträtiert und erniedrigt wurde - und wie sie ihn dazu aufforderten, sich aufzuhängen.
Die Foltervorwürfe beschäftigen derzeit die Staatsanwaltschaft Bielefeld. Der unmenschliche Übergriff war nur durch Zufall publik geworden: In einem Prozess gegen Christian im August 2009 vor dem Jugendschöffengericht in Detmold hatte ein Mitgefangener als Zeuge ausgesagt und darum gebeten, das Gericht möge den 16-Jährigen nicht zurück ins Jugendgefängnis nach Herford schicken, da er laut Staatsanwaltschaft dort "drangsaliert" werde.
Erst daraufhin habe der 16-Jährige zugegeben, von Mitgefangenen gefoltert worden zu sein. Nach Ende des Verfahrens wurde der auffällig gewordene Jugendliche in ein Erziehungscamp nach Ostanatolien gebracht. Für die Vernehmung am Dienstag flogen ihn Beamte nun extra von der Türkei nach Deutschland.
Die Befragung habe Christian stark beansprucht, sagt sein Rechtsanwalt Peter Wüller aus dem westfälischen Halle. "Ihm war es mehr als peinlich und unangenehm, zu erzählen, was ihm widerfahren ist." Sein Pflegevater, der seine Aufgabe als Vormund ernst nehme und gewissenhaft ausführe, habe ihm beigestanden. Und doch habe sich der Junge zu den intimen Erniedrigungen erst geäußert, als er mit dem Vernehmungsbeamten und seinem Anwalt alleine war.
Das Gespräch wurde mit einer Videokamera aufgezeichnet. Am Freitag wird Christian noch einmal alle Vorwürfe einem Richter schildern müssen und sich den Fragen der Rechtsanwälte stellen, die die mutmaßlichen Täter vertreten. Diese Maßnahme dient dazu, dass jener Richter als Zeuge vor Gericht aussagen kann, sollte Christian in einem möglichen Prozess nicht persönlich erscheinen können.
"Los, häng' dich weg!"
Der Teenager aus Herzebrock-Clarholz im Kreis Gütersloh hat nach Angaben seines Anwalts und seines Pflegevaters in der Vernehmung am Dienstag seine Aussagen bestätigt, die er bereits im August 2009 vor dem Amtsgericht Detmold gemacht hatte.
Ausführlich habe Christian beschrieben, wie er drei Tage lang misshandelt worden sei. Unter anderem habe er eine Gardine zu einer Kordel zusammendrehen müssen, diese sei ihm dann von einem seiner Mitgefangenen um den Hals gelegt worden. "Ich sollte mich mit der Gardine aufhängen", gab der Teenager zu Protokoll. "Los, häng' dich weg!", hätten ihm die Häftlinge befohlen. Als er sich geweigert habe, hätten sie ihn mit einem Stuhlbein vergewaltigt. Außerdem hätten sie eine Scheinhinrichtung inszeniert, in deren Verlauf sie vortäuschten, sie besäßen Rasierklingen, mit denen sie ihm den Hals durchschneiden würden.
In der JVA hätten Beamte die Verletzungen des Häftlings nicht bemerkt, sagte der Leiter der JVA Herford, Friedrich Waldmann. Zudem habe ihn irritiert, dass sich Christian keinem Mitarbeiter anvertraut habe. "Hier herrscht ein Klima, bei dem der Opferschutz sehr angenommen wird." Dass sich eine vergleichbare Tat nun in seinem Haus, in dem 350 Gefangene im Alter von 14 bis 24 Jahren untergebracht sind, abgespielt haben soll, hält Waldmann für "unwahrscheinlich".
Rechtsanwalt Wüller sagte, er sehe keinen Grund, warum sein Mandant lügen sollte. Christian besitze nicht die "Geistesleistung, sich eine solche Geschichte auszudenken und diese nach Monaten exakt so wiederzugeben, wie sie sich zugetragen hat". Der Junge habe sich anstrengen müssen, die Chronologie zu rekonstruieren. Auch das belege, dass sich Christian an die Fakten halte.
Menschen wie Christian - "für abartige Spielchen die idealen Opfer"
"Ich kann nicht sagen, was ihn mehr angestrengt hat - die Vernehmungssituation oder der Inhalt der Vernehmung", resümiert Wüller. In jedem Fall habe sich Christian sichtbar geschämt, die demütigenden Details offenzulegen. Seinem Pflegevater, zu dem er ein enges, freundschaftliches Verhältnis pflege, habe er sich nur teilweise anvertraut. "Von der Vergewaltigung hat er mir gegenüber nichts erwähnt", sagt der Pflegevater. "Christian ist lernbehindert, hat reichlich Defizite. Menschen wie er sind für abartige Spielchen hinter Gittern die idealen Opfer."
Christian, ein schmächtiger, stiller Junge, war im Frühjahr 2009 aus einem Gütersloher Erziehungsheim weggelaufen und hatte vergeblich versucht, bei einer Freundin im Kreis Lippe unterzukommen. Er kroch in einem Gewächshaus unter und beging elf Einbrüche, um sich Essen zu besorgen - deswegen kam er in Untersuchungshaft nach Herford.
"Wir durften ihn alle 14 Tage für eine Stunde besuchen - ohne irgendwas in der Tasche", sagt sein Pflegevater. Christian, der fünf Geschwister und keinen Kontakt zu seinen leiblichen Eltern habe, habe "eine Odyssee an Pflegefamilien hinter sich". Er verstehe nicht, wie ein "minderbemittelter Jugendlicher wie Christian mit Gefangenen, die weniger zart besaitet sind als er, ohne Aufsicht von Zelle zu Zelle gehen kann", sagt der Pflegevater.
Zu den Übergriffen soll es bei jenem sogenannten "Zellenumschluss", bei dem sich die Gefangenen gegenseitig in ihren Zellen besuchen dürfen, gekommen sein.
Unter Beschuss: Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter
Er habe "noch zahlreiche Zweifel" an dem geschilderten Tathergang, sagte Rechtsanwalt Carsten Ernst aus Bielefeld, der einen der vier Beschuldigten vertritt. Dieser 17-Jährige bestreite die Vorwürfe.
Rechtsanwalt Martin Lindemann aus Bad Oeynhausen vertritt den jüngsten der vier mutmaßlichen Folterer. "Mein Mandant hat bisher noch keine Angaben zum Sachverhalt gemacht - ihn weder bestätigt noch dementiert", sagte er. "Die JVA Herford an den Pranger zu stellen halte ich für den schlechtesten Weg, diesen Fall aufzuarbeiten." Völlig "überzogen" sei es auch, das Verfahren zu einem Politikum "hochzukochen".
Die SPD-Opposition im Düsseldorfer Landtag forderte am Dienstag einen "umfassenden und schnellen Bericht" von Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter, nachdem im November 2006 der sogenannte "Foltermord" an Hermann H. in der JVA Siegburg für bundesweites Entsetzen gesorgt hatte: Drei junge Häftlinge hatten den 20-Jährigen stundenlang gequält, erniedrigt und schließlich umgebracht. Sie wurden wegen Mordes zu Strafen von zehn, 14 und 15 Jahren verurteilt.
Christians Pflegevater will den Fall seines Zöglings ebenfalls nicht zum Politikum gemacht haben. "Was bringt es den Opfern, wenn die Ministerin nun zurücktritt? Die Gefängnisse müssen ihre Häftlinge nach Charakter und Gefährlichkeitsgrad zusammenlegen, nur dann kann so etwas nicht passieren."
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Gerade das halte ich für Mär - wie schon die Römer so treffend sagten: "Des menschen Wolf ist der Mensch." Da viele Menschen, die sich einigermassen an unsere Regeln halten, von diesem Thema eh keine Ahnung haben, [...] mehr...
...ist das nicht normalität in deutschen knästen !?!?! wer schaut denn schon hinter die kulissen in solchen "einrichtungen" wäre mal zeit für einen untersuchungsausschuss oder ein paar gezielt eingesetzte [...] mehr...
zu den Kosten in den USA: http://www.tagesspiegel.de/politik/international/US-Gefaengnisse;art123,2485560 Wenn zur Freiheitlich demokratischen Grundordung "...Arbeitspflicht , permanente Überwachung und harte Bestrafung [...] mehr...
Und danke fuer den Beitrag. Was aber bleibt ist die Verantwortung des Staates Mittel und Personal zur Verfuegung zu stellen um den im Gesetz festgelegten Resozialisierungsauftrag zu erfuellen und in von ihm kontrollierten [...] mehr...
Das gehört doch zum JVA - Sport: derartige Drangsalierungen durch Gefängnisgangs nicht systematisch zu unterbinden und darüberhinaus noch die Eltern, die teilweise über 4 und 5 Stunden zu einem knapp kalkulierten Besuchstermin [...] mehr...
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