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01.02.2010
 

Berliner Canisius-Kolleg

Schulleitung wusste früh von Missbrauch

Von Sven Röbel und Peter Wensierski

Canisius-Kolleg in Berlin: Erniedrigungen über sich ergehen lassenZur Großansicht
dapd

Canisius-Kolleg in Berlin: Erniedrigungen über sich ergehen lassen

Neue Entwicklung im Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg: Nach SPIEGEL-Informationen verdichten sich Hinweise, dass Schulleitung und Ordensführung der Jesuiten schon 1981 über die Vorgänge informiert waren. "Die Mauer des Schweigens gab es", räumte ein Geistlicher ein.

Berlin - Im Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg werden neue Details bekannt. Ein ehemaliges Opfer des beschuldigten Religionslehrers Peter R. berichtete dem SPIEGEL am Montag von "mehreren ausführlichen Gesprächen" im Jahr 1981 mit dem damaligen Rektor, in denen er ausführlich über die sexuellen Übergriffe ausgesagt habe.

Der Missbrauch habe sich demnach in einem Keller auf dem Schulgelände ereignet. Wiederholt habe der Geistliche den Schüler seinerzeit aufgefordert, vor seinen Augen zu masturbieren. "Wer schulisch weiterkommen wollte", so der Zeuge, habe solche Erniedrigungen über sich ergehen lassen müssen.

Karl Heinz Fischer, Rektor des Canisius-Kollegs zwischen April 1981 und Juni 1989, bestätigte dem SPIEGEL, dass ihm ein Schüler in der ersten Jahreshälfte 1981 von den strafbaren Praktiken R.'s berichtet hatte. Fischer habe daraufhin sofort seinen damaligen Vorgesetzten Pater Rolf Dietrich Pfahl, den damaligen Provinzial der Jesuiten-Provinz Norddeutschland, über die Vorwürfe in Kenntnis gesetzt. Dieser habe kurz darauf die Versetzung des beschuldigten Pädagogen angeordnet. Bereits nach den Sommerferien 1981, so Fischer zum SPIEGEL, sei Pater Peter R. nicht mehr im Unterricht eingesetzt worden.

"Mauer des Schweigens"

Pfahl war vor seiner Berufung zum Provinzial seit 1977 selbst Rektor des Berliner Canisius-Kollegs. Noch am vergangenen Freitag hatte er in der "Berliner Morgenpost" erklärt, von den Missbrauchshandlungen nichts gewusst zu haben. "Ich bin schockiert", zitierte ihn das Blatt, "hätte ich es vor dreißig Jahren gewusst, hätten wir sofort gehandelt."

Eine Strafanzeige gegen R. sei nach den Worten Fischers von ihm seinerzeit nicht erstattet worden. Die Disziplinargewalt habe damals beim Orden gelegen. "Die Mauer des Schweigens gab es", räumte Fischer gegenüber dem SPIEGEL ein.

Das Missbrauchsopfer berichtete, dass Religionslehrer R. - der für eine Stellungnahme am Montag nicht zu erreichen war - trotz der gegen ihn erhobenen Vorwürfe noch im Sommer 1981 eine Jugendreise mit Schülern des Canisius-Kollegs ins Ausland unternehmen konnte.

Nach Informationen des SPIEGEL hatte ein ehemaliger Schüler den Pater Peter R. 1986 in Göttingen mit einem Messer angegriffen und ihn leicht verletzt. Wenig später soll sich der junge Mann das Leben genommen haben.

"Ich bitte um Entschuldigung"

Inzwischen hat der deutsche Chef des Jesuiten-Ordens, Provinzial Stefan Dartmann, Opfer, Lehrer und Eltern für die Fälle sexuellen Missbrauchs am Canisius-Gymnasium um Verzeihung gebeten.

"Ich bitte um Entschuldigung für das, was von Verantwortlichen des Ordens damals an notwendigem und genauem Hinschauen und angemessenem Reagieren unterlassen wurde", hieß es am Montag in einer Erklärung. Dartmann war nach Berlin gereist, um vor Journalisten Stellung zu nehmen. Er dankte den Opfern, weil sie trotz belastender Erinnerungen ihre Stimme erhoben hätten.

An der Berliner Schule soll es zu 20 Missbrauchsfällen durch zwei Jesuiten-Patres gekommen sein. 1991 gestand ein Geistlicher dem Orden seine Taten. Der Missbrauchsskandal weitete sich unter anderem auch auf eine katholische Schule in Hamburg aus. Dort seien drei ehemalige Schüler betroffen, hieß es auf der Pressekonferenz am Nachmittag, im Jesuiten-Kolleg von St. Blasien in Baden-Württemberg seien es zwei Opfer gewesen.

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