Aus Essen berichtet Julia Jüttner
Im Mai 2008 verliebt er sich in seine Arbeitskollegin Sabire, zieht mit ihr zusammen und gründet eine Familie. Dilek habe ihn bedroht, an seinem neuen Zuhause geklingelt und in die Sprechanlage gebrüllt: "Ich werde dich umbringen!" und "Los, wenn du ein Mann bist, kommst du jetzt runter!" Ali verständigte die Polizei. Ebenso, als er sich von Dileks Brüdern bedroht fühlt, die ihn mit einem Schlagstock angegriffen und mit wüsten Drohungen eingeschüchtert haben sollen: "Verlasse Deutschland - oder wir bringen dich um!"
Zornig schüttelt Dilek, auf der Anklagebank von zwei Verteidigern flankiert, den Kopf, als sie Ali T.s Version vor Gericht hört. Tränen der Wut steigen in ihr auf. Beharrlich bestreitet sie, dass sie oder ihre Familie ihm Gewalt angetan hätten. "Man hat mit ihm geredet, ja." Mehr angeblich nicht. Die Richter hören zwei absolut gegensätzliche Geschichten über eine Zweckehe.
Nur, was am 26. August geschah, darin ist sich das Ehepaar einig.
Es ist ein Mittwoch, ein schwüler Sommertag. Vor dem Amtsgericht Gelsenkirchen soll um 10.30 Uhr die Ehe der T.s geschieden werden. Ali hatte im Frühjahr 2009 eine entsprechende Klage eingereicht. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, den Kinderwagen schiebend, begegnet er um 10.15 Uhr auf einer Verkehrsinsel Dilek. Seiner Freundin schärft er noch flugs ein: "Wenn sie beim Vorbeigehen was sagt, sei bloß still!" Die beiden Parteien passieren einander schweigend, dann kehrt Dilek plötzlich um, zieht aus ihrer rechten Hosentasche eine durchgeladene Pistole. Als sie nur noch ein, zwei Schritte von Ali entfernt ist, schießt sie ihm in den Rücken.
Nach der Tat kauft sie Kleiderbügel bei Ikea
Eine Kugel trifft Ali im Oberkörper, er schreit wie von Sinnen und kann trotz der schweren Verletzung davonlaufen. Dilek hinterher. Sie schießt noch zwei Mal, verfehlt ihr Opfer jedoch. Ali kann sich in den Dönerladen seines Onkels retten. Dilek macht kurz vor dem Eingang kehrt und rennt zurück zu ihrem roten Opel Astra. Mit ihm fährt sie "nach Ikea", wie sie selbst sagt. Dort kauft sie Kleiderbügel aus Plastik und einen Kaffee. Sie trinkt ihn im Auto, raucht ein paar Zigaretten, fährt anschließend in die Essener Innenstadt, läuft durch die Fußgängerzone und schließlich zu ihren Eltern. Vor deren Haustür wird sie festgenommen.
Aus Angst habe sie sich die Pistole zugelegt. Ali habe sie in der Vergangenheit mehrfach mit einem Messer bedroht und angekündigt, er werde ihr oder ihrem Sohn etwas antun, wenn er ihretwegen zurück in die Türkei müsse. "Ich wollte niemanden verletzen, ihn notfalls nur abschrecken", beteuert Dilek. Als sie die Sicherheitsvorkehrungen im Amtsgericht erblickt habe, habe sie sich entschlossen, die Waffe zurück zu ihrem Auto zu bringen.
Der Anblick ihres Ehemanns und seines trauten Familienglücks und sein Blick, der "so demütigend und abwertend mir gegenüber war", der habe in ihr "etwas ausgelöst, das hat mich gekränkt", sagt sie und schluckt. Nur deshalb habe sie auf Ali geschossen und ihn verfolgt.
Versorgte sich Dilek T. mit einem Alibi? "Nein, nein, nein!"
Wer ihr die Pistole besorgte, will die Krankenpflegerin nicht sagen. Auch bestreitet sie, von jener Person den Gebrauch der Waffe erklärt bekommen zu haben.
Handelte Dilek wirklich im Affekt? Oder trug sie die Pistole ohne Holster in ihrer beigefarbenen Caprihose, weil sie sich rächen wollte? Der Vorsitzende Richter Labentz, ein erfahrener und einfühlsamer Jurist, hakt in der Befragung intensiv nach. Und auch er fragte, ob Dilek bei Ikea nur deshalb mit EC-Karte gezahlt habe, um für den Notfall ein Alibi zu haben. - "Nein, nein, nein!", antwortet Dilek T.
Ali T. leidet bis heute unter der Schussverletzung und ist deshalb noch immer krankgeschrieben, eine weitere Operation steht bevor. Im Prozess tritt er als Nebenkläger auf. Er nehme an diesem Prozess nicht "rachelüstern" teil, sagt sein Rechtsanwalt Lutz Mollenkott. "Er will das nur hinter sich bringen, nach seiner Zeugenaussage wird er deshalb auch nicht mehr im Gericht erscheinen."
Ein weiterer Grund dürfte sein, dass Ali T. weiterhin Angst um sein Leben hat. Während des Verfahrens ist er in einem Zeugenschutzprogramm, allein am Montag wurde er von acht Zivilbeamten geschützt. Er ist mit seiner Familie nach Hagen gezogen, um den Menschen, von denen er sich bedroht fühlt, aus dem Weg zu gehen. Wie lange er unter Polizeischutz leben muss, ist noch unklar. Heinz-Walter Lindemann, Verteidiger von Dilek T., hält diese Maßnahmen "für völlig unbegründet": "Ich sehe keinen Anlass, einen Anschlag auf ihn zu befürchten."
Als Dilek T. im Gerichtssaal abgeführt wird, begegnet ihr Blick dem ihrer jüngeren Schwester, die im Zuschauerraum sitzt. Dann beginnen beide Frauen zu weinen.
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Danke! Das ist der übliche Umgang mit anderen Meinungen. Gut so. Weitermachen. mehr...
Wie wahr! Das waren damals halt echt noch Zeiten, als die linke Intelligenz unter sich war. Da konnte noch wirklich diskutiert werden. Weil man sich eben, ganz anders als heut', einfach einig war! Von wegen, da wär so ein [...] mehr...
Im print-SPIEGEL gibt es eine Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte". Ich schlage vor die neue Rubrik "Ein Bericht und sein Hintergrund" zu etablieren. Ein gutes Beispiel zur Einführung könnte dieser [...] mehr...
Oh, die arme, arme Frau, ich bin so froh, dass wenigstens Sie mit ihr Mitleid haben. - WER in Deutschland, wer in einem mitteleuropäischen Land würde denn so fragen: ---Zitat--- Im Frühjahr 2007 fragt eine Türkin aus [...] mehr...
Ich weiss, ich weiss, Sie wollen was von mir hören. Würde ich auch gern tun. Wenn ich wüsste, dass ein Austausch mit Ihnen irgend einen Sinn macht! mehr...
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