Von Annette Langer
Baltimore - Es gibt ein Homevideo auf YouTube, in dem zu sehen ist, wie der kleine Javon Ramkissoon auf dem Schoß seiner Mutter Ria sitzt und ein wild blinkendes Spielzeug an seine Lippen presst. Ein reizendes Kind, mit großen braunen Kulleraugen und vollem Haarschopf - aber ohne Aussicht auf ein langes Leben.
Anfang 2007 führte ein Mitglied der religiösen Gruppierung One Mind Ministries die Polizei in eine Baracke in Philadelphia. Dort fanden die Beamten einen grünen Koffer, darin die mumifizierte Leiche des Kindes.
Was im Laufe der Ermittlungen ans Tageslicht kam, war hanebüchen: Auf Geheiß der religiösen Fanatikerin Toni Sloan alias "Queen Antoinette" soll die in einem Sektenhaushalt lebende Mutter den Jungen von jeglicher Nahrungszufuhr abgeschnitten haben - so lange, bis er vollkommen dehydriert und abgemagert in ihren Armen starb.
Angeblich hatte sich der erst 16 Monate alte Junge zuvor geweigert, nach dem Tischgebet "Amen" zu sagen. Es ist bis heute unklar, ob Javon überhaupt sprechen konnte - Sektenführerin Sloan beschloss laut "Washington Post" dennoch, das Kind müsse "durch Fasten gereinigt werden". Niemand in dem Acht-Personen-Haushalt empörte sich gegen diese Maßnahme.
Wann genau Javon starb, ist ungewiss - die Angaben schwanken zwischen Dezember 2006 und Januar 2007. Sektenmitglieder berichteten später, man habe eine Weile für die Auferstehung des Kleinen gebetet. Sie habe wochenlang bei der Leiche ihres Sohnes gesessen, mit ihm geredet und für ihn getanzt, ab und zu versucht, ihm Wasser einzuflößen, sagte Ramkissoon der Nachrichtenagentur AP zufolge vor Gericht. Als die Wiederauferstehung ausblieb, habe man ihn in den Koffer gelegt und beim Umzug der Kommune mit nach Philadelphia genommen.
Ärzte sind böse, Marihuana ist gut
Die Lebensumstände von Ramkissoon waren laut "Washington Post" desolat, aber nicht dramatisch. Im September 2005 hatte die alleinerziehende Mutter ihren Sohn zur Welt gebracht - der Kindsvater saß da schon wegen versuchten Mordes in Untersuchungshaft. Zu Hause gab es laut Ramkissoon Probleme - der Stiefvater ging ihr auf die Nerven, die Mutter erzog den Enkel angeblich falsch.
In dieser Situation schien die Aussicht auf mietfreies Wohnen und kostenlose Kinderbetreuung in der Kommune offenbar verführerisch - so attraktiv, dass die fragwürdigen Regeln der "One Mind Ministries" in den Hintergrund traten: Regelmäßige Bibellektüre war Pflicht, das Tragen aller Farben außer Hellbraun, Blau und Weiß verboten. Bei Aufnahme in die Hausgemeinschaft wurden alle Dokumente vernichtet und der Kontakt zu Verwandten und Freunden unterbunden. Ärzte und Schulen waren verpönt, dafür wurde der Konsum von Marihuana als "Gottes Gras" wärmstens empfohlen.
Im Jahr 2006 stieß Ramkissoon zu der Sekte und verwandelte sich laut ihrer Mutter Seeta Khadan-Newton innerhalb kürzester Zeit in eine andere Person. Ihre Tochter sei "vollkommen emotionslos" gewesen und habe ihre Umarmung nicht mehr erwidert, berichtete die Großmutter des Opfers dem Nachrichtensender CNN. Seeta Khadan-Newton hatte sich vor dem Unglück um das Sorgerecht für Javon bemüht und laut eigener Aussage die Behörden informiert, dass das Kind in Gefahr sei - vergeblich.
"Evolutionär nicht zu begreifen"
Ihre Tochter Ria war längst Teil eines fiktiven Reiches voller Prinzen und Prinzessinnen, alle vereint im Glauben an Gott - und dem Gehorsam gegenüber ihrer Königin, "Queen Antoinette". Der Name One Mind Ministries war Programm für die sektenähnliche Hausgemeinschaft - hier, in der "Kirche der einheitlichen Gesinnung" waren alle Gehirne gleichgeschaltet.
Entsetzen löste die Gleichgültigkeit aus, mit der Ria Ramkissoon ihren Sohn vom Diesseits ins Jenseits beförderte. Instinkte wie Mutterliebe und Schutz der Familie schienen ausgeschaltet. "Ein solches Verhalten ist im Grunde unnatürlich und evolutionär nicht zu begreifen", sagt Sekten-Experte Michael Utsch von der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin. Es zeige aber auch, "was für unglaubliche Kräfte eine religiöse Botschaft auslösen kann".
In der Forschung wisse man noch immer wenig über dieses psychologische Phänomen. Als gesichert könne jedoch gelten, dass "die religiöse Sinnstiftung so zentrale Bereiche der Persönlichkeit stabilisiert und nährt, dass alle anderen Instinkte dem untergeordnet werden". Sekten wie die One Mind Ministries böten ihren Mitgliedern eine Struktur, in die sie sich schnell einordnen und dadurch Halt finden könnten.
"Seine Hautfarbe sah nicht gut aus"
Am Dienstag wurde das Urteil in dem bizarren Fall gesprochen. Hatten die Angeklagten während des Prozesses zunächst noch getuschelt und gekichert, so blieben sie nun stumm. Die Richter in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland befanden Sektenführerin Sloan des Mordes für schuldig. Ihre Tochter Trevia Williams, 22, und der gemeinsame Freund Marcus Cobbs, 23, wurden wegen Kindesmissbrauchs mit Todesfolge verurteilt. Das Strafmaß soll im Mai verkündet werden. Die Angeklagten müssen mit Haftstrafen von bis zu 60 Jahren rechnen.
Zu Beginn des Prozesses war Steven L. Bynum, Freund und Geliebter von Sloan, in den Zeugenstand getreten. Er berichtete laut "Baltimore Sun", er habe Ende 2006 oder Anfang 2007 "einen lauten Schrei" aus der Küche der Gemeinschaftswohnung gehört und gefragt, was passiert sei. Die Tochter der Sektenführerin, Trevia Williams, habe ihm erzählt, dass der kleine Javon partout nicht Amen sagen wolle.
Einige Tage später habe er das Kind in einem Laufgitter gesehen: "Seine Hautfarbe sah nicht gut aus. Er war wirklich blass. Er sah aus als habe er Gewicht verloren." Das Kind habe sich nur noch im Zeitlupentempo bewegt, so der Zeuge.
Bynum sagte, er habe die Mutter darüber aufgeklärt, dass "nirgendwo im Alten oder Neuen Testament steht, dass man sein Kind nicht füttern darf, weil es nicht Amen sagt." Ramkissoon sei daraufhin in Tränen ausgebrochen. Danach habe er das Kind nie wieder gesehen und vermutet, es lebe inzwischen bei den Großeltern.
"Gott näher durch Sex"
Als "Queen Antoinette" ihm dann gesagt habe, Javons Leiche liege in einem Koffer in einem Hotelzimmer, sei das "irgendwie vollkommen irre gewesen", zitiert die "Baltimore Sun" den Zeugen. Er habe die Polizei nicht alarmiert, weil er nicht gewusst habe, wie er das Ganze hätte erklären sollen. Sloan habe eine intime Beziehung mit ihm geführt, angeblich weil man "Gott durch Sex näher kommt". Die Anklage gegen Bynum wurde am Dienstag vergangener Woche fallengelassen.
Ramkissoon selbst hatte sich bereits im vergangenen Jahr des Kindesmissbrauchs mit Todesfolge für schuldig erklärt. Laut Staatsanwaltschaft wird sie in Kürze aus dem Gefängnis entlassen werden und sich in psychiatrische Behandlung begeben.
Sloan, Cobbs und Williams hatte auf juristischen Beistand verzichtet und sich vor Gericht selbst vertreten. In ihren Schlussplädoyers warfen die Angeklagten den Staatsanwälten und Medien vor, konspiriert zu haben, um sie verurteilen zu können. "Wir waren wie Aussätzige", sagte Sloan. "Diese Leute wollen irgendjemanden für den Tod des Kindes verantwortlich machen, also haben sie uns gewählt."
Mit Material von AP
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wenn man mit Halbwissen aufwartet, war natürlich Abraham. Das verlangte Opfer hätte er m. E. aber auf jeden Fall gebracht, wenn der Verantwortliche es nicht abgebrochen hätte. Es war ja Sinn und Zweck zu testen, wie weit zu [...] mehr...
Ich würde mal sagen, das fällt unter Die spinnen, die Amis. mehr...
Das war nicht Moses, sondern Abraham. Und Gott hat natürlich nicht verlangt, dass er seinen Sohn wirklich umbringen soll, sondern ihm letztendlich erlaubt, an Stelle seines Sohnes ein Schaf zu töten (im Andenken daran feiern wir [...] mehr...
als gläubiger Katholik würde er dies tun, als Protestant aber nicht. Protestanten glauben nicht so weit ich weiß an die Realpräsanz, sondern daran, dass das Abendmahl nur ein symbolischer Akt ist. mehr...
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