Aus München berichtet Thomas Gautier
München - Die Straße, in der Edeltraut B. lebt, liegt nicht weit entfernt von zwei der modernen Wahrzeichen Münchens: Im Stadtteil Milbertshofen stehen die Rundtürme der BMW-Werke, die kühn geschwungenen Bögen des Olympiastadions.
Die Seniorin lebt allein in ihrer Wohnung in Milbertshofen, einem Problemviertel, das sich der untere Mittelstand mit Arbeitern und Sozialhilfeempfängern teilt. Ein paar Einfamilienhäuser halten hier fast trotzig die Stellung im Schatten von Wohnsiedlungen.
Nur ihre Nichte schaute hin und wieder nach Edeltraut B., und am Montagnachmittag klingelten zwei 13-Jährige an ihrer Tür, einer der beiden ein Nachbarsjunge, den die Seniorin kannte.
Er kaufte gegen etwas Taschengeld vier Monate lang für sie ein - doch am Rosenmontag hatten sich die beiden gestritten: Der Junge soll Edeltraut B. heftig gegen das Bein getreten haben. Sie brach den Kontakt zu ihm daraufhin ab, zeigte den Vorfall aber nicht an.
Nun war der Junge wieder da, in Begleitung seines gleichaltrigen Freundes. Vielleicht erkannte Edeltraut B. die beiden an der Tür auch nicht sofort, sie leidet seit einigen Jahren an Demenz. Was sich dann in der Wohnung der 83-Jährigen abgespielt haben soll, schilderte die Polizei bei einer Pressekonferenz in München.
Die Ermittler rekonstruieren den Tathergang folgendermaßen: Die 13-Jährigen zwangen Edeltraut B. demnach, Schnaps zu schlucken - als sie sich wehrte, rammten sie ihr den Flaschenhals in den Mund. Sie schmierten ihr Rasierschaum ins Gesicht, spritzten ihr Maggi in die Augen und traten ihr mehrere Male in den Leib. Ihr Martyrium, so die Ermittler, währte lang: "Wir gehen von mehreren Stunden aus", sagte Kriminaldirektor Frank Hellwig von der Münchner Polizei.
"Verstört", aber bei Bewusstsein
Ein Schüler, so schildert es die Polizei, urinierte auf die am Boden liegende Seniorin. Mit Urin sollen sie auch die halbleere Schnapsflasche gefüllt und den Inhalt dann über Edeltraut B. ausgegossen haben. Dann soll einer der beiden 13-Jährigen zu einer Parfumflasche gegriffen und der 83-Jährigen den Inhalt ins Gesicht gesprüht haben. Am Ende sollen die Jungen der wehrlosen Frau in den Oberkörper getreten haben.
Die Polizei stützt sich bei der Schilderung des Tathergangs auf die Aussagen eines der Jungen, der sich wiederum nach der Tat der Mutter seines Freundes anvertraute.
Diese wartete am Tattag schon seit geraumer Zeit auf ihren Sohn - da sah sie dessen Freund auf der Straße vor ihrer Wohnung. Er soll als erster die Wohnung Edeltraut B.s verlassen haben. Gegenüber der Mutter seines Freundes packte er aus - und zwar "relativ spontan", wie Frank Hellwig sagt.
Um 20.45 Uhr wählte die Mutter den Notruf und gab der Polizei die Adresse der alten Frau durch. Als Polizisten bei Edeltraut B. klingelten, lag sie laut Hellwig "verstört", aber bei Bewusstsein, am Boden und konnte mit einer Hand die Tür öffnen.
Der mutmaßliche Haupttäter wurde schnell gefunden. Die Polizei ortete ihn über sein Handysignal in der Fraunhoferstraße im Zentrum der Stadt.
Beamte verhörten beide Jungen noch am Montag erst in Anwesenheit ihrer Eltern, am Dienstag und Mittwoch dann im Polizeipräsidium. Bis jetzt sagen die Jungen nichts zu ihrem Motiv, schieben sich aber gegenseitig die Schuld zu.
"Absolut nichts zur Tat gesagt"
Auch die Rentnerin kann der Polizei wenig helfen. Sie liegt noch im Krankenhaus, leidet an einer Hornhauterosion und einer Bindehautreizung. Ob sie Spätfolgen befürchten muss oder gar erblinden könnte, können die Ärzte derzeit nicht sagen. Ihre Nichte ist laut Polizei bei Edeltraut B. und wird sich in den nächsten Tagen um sie kümmern.
Der mutmaßliche Haupttäter ist seit frühester Kindheit verhaltensauffällig und wurde deshalb schon früher von Psychologen ambulant behandelt. Auch im Münchner Jugendamt kennt man die Schulfreunde gut: Sie waren in der Vergangenheit öfters von zu Hause weggelaufen. Einer der Jungen darf jetzt weiterhin bei seinen Eltern bleiben, der Verhaltensauffällige wird aber in einem psychiatrischen Krankenhaus behandelt, zu seinem eigenen Schutz. Ermittler Hellwig zufolge habe er seiner Mutter einst gedroht, sich umzubringen, sollte er in ein geschlossenes Heim kommen.
Die Polizei sucht jetzt vor allem nach einem Motiv. "Die beiden haben absolut nichts zur Tat gesagt", sagt Frank Hellwig. Die Polizei hat die Handys der Schüler beschlagnahmt, um zu überprüfen, ob sie ihre Gräueltaten gefilmt haben.
Strafrechtliche Konsequenzen hat die Tat jedoch nicht. In ihrem Alter sind die beiden Jungen noch strafunmündig und müssen nicht vor Gericht. Sie haben nichts anderes zu fürchten als Fragen von Jugendamt, Ärzten und Psychologen, sagt Frank Hellwig. "Das war's dann auch."
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