Wien - Auf einem Militärgelände in Graz haben österreichische Behörden mindestens zwei Massengräber identifiziert, in denen Nazi-Opfer verscharrt wurden. Das Innenministerium will nun mit den Eigentümern des Grundstücks besprechen, ob die Leichen exhumiert werden sollen, wie ein Sprecher am Freitag mitteilte. Die Gräber liegen unter einem Sportplatz.
Unter den Opfern sind vor allem KZ-Häftlinge. Sie wurden von der SS kurz vor dem Eintreffen sowjetischer Streitkräfte ermordet, um Zeugen der Naziverbrechen aus dem Weg zu räumen. Zur Identifizierung der Gräber wurden Luftaufnahmen herangezogen, die während des Krieges von US-Bombern aus gemacht worden waren. Auf den Fotos sind offene Gräber und Leichen zu sehen.
Die Kaserne wurde kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges errichtet und von der SS benutzt. Heute ist sie im Besitz der österreichischen Bundeswehr, dem Bundesheer. Im April 1945 ermordete die SS dort kurz vor Kriegsende rund 220 Menschen, die Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene oder ungarische Juden waren.
Nach Recherchen einer vom Verteidigungsministerium beauftragten Forschergruppe wurden zwischen 149 und 219 Zwangsarbeiter, Widerstandskämpfer und Kriegsgefangene in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs auf dem Kasernengelände ermordet. Um die Taten zu vertuschen, seien die meisten Leichen wenig später von einem Bombenkrater in ein nahegelegenes Massengrab gebracht worden. Im Mai 1945 wurden dort 142 Leichen gefunden. Die restlichen bis zu 80 könnten in dem neu entdeckten Grab liegen. Die Identifizierung der Leichen ist jedoch nach Angaben der Forscher schwierig, da nur noch von sieben bisher unentdeckten Opfern Namen bekannt sind.
Im Zuge ihrer neuen Forschungen unter anderem in US-Archiven sind die Historiker auch auf die Namen von zwei am Verbrechen maßgeblich beteiligten und bisher unbekannten mutmaßlichen Tätern gestoßen. Die beiden Männer - ein SS-Obersturmführer und ein Mitglied der Waffen-SS - sollen sich nach Deutschland abgesetzt haben und könnten noch am Leben sein. Das Justizministerium hat Ermittlungen dazu aufgenommen.
In Graz sperrten die Behörden das Gelände inzwischen ab, das Innenministerium wird die Ausgrabungen leiten. Verteidigungsminister Darabos betonte die moralische, ethische und politische Verantwortung zur Aufarbeitung der NS-Geschichte: "Auch wenn es vielleicht manchen in Österreich nicht gefällt, so haben wir doch eine Mitschuld zu tragen." Man werde nicht ruhen, bis alles geklärt sei.
ffr/apn/dpa/AFP
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