Trier/Berlin - Bei der Beratungshotline für Opfer von sexuellen Übergriffen in katholischen Einrichtungen sind am ersten Tag 4459 Anrufversuche registriert worden. Insgesamt hätten die Seelsorger der katholischen Kirche lediglich 162 Beratungsgespräche führen können, die zwischen fünf Minuten und einer Stunde gedauert hätten.
Der Leiter des Arbeitsbereichs Beratungsstellen und Telefonseelsorge im Bistum Trier, Andreas Zimmer, räumte ein, mit einem "derartigen Ansturm" nicht gerechnet zu haben. Er bat um Verständnis dafür, dass aufgrund der Vielzahl der Anrufe nicht jeder durchgekommen sei.
Insgesamt gehen die Seelsorger bei den Anrufversuchen von rund tausend Einzelanrufern aus, da es wahrscheinlich sei, dass es viele Menschen mehrmals versucht hätten, teilte das Bistum am Mittwoch in Trier mit. In erster Linie hätten sich Opfer sowie Angehörige gemeldet.
Seit Dienstag kümmern sich geschulte Berater und Therapeuten unter der kostenlosen Nummer 0800-1201000 um Opfer von sexuellen Übergriffen in katholischen Einrichtungen. Wer seine Telefonnummer aber hinterlasse, werde auf jeden Fall zurückgerufen. "Die von Kritikern im Vorfeld der Einrichtung geäußerte Auffassung, diese werde nicht angenommen werden, weil es ein Angebot der katholischen Kirche selbst ist, hat schon die Resonanz des ersten Tages widerlegt", sagte Zimmer.
Missbrauchsfälle offenbar auch in DDR-Heimen
Unterdessen wurden zahlreiche Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen auch in staatlichen Heimen der DDR bekannt. Die Leiterin der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau in Sachsen, Gabriele Beyler, sagte dem Berliner "Tagesspiegel", bei ihr hätten sich bislang 25 ehemalige Insassen von DDR-Kinderheimen gemeldet, die von sexuellen Übergriffen durch Erzieher berichteten.
Einige weitere Berichte seien der Zeitung zufolge bei dem CDU-Bundestagsabgeordneten Manfred Kolbe eingegangen, in dessen Wahlkreis Torgau liegt. Beyler und Kolbe hatten unter dem Eindruck der bekannt gewordenen Missbrauchsfälle in Berlin und den alten Bundesländern kürzlich Betroffene aufgerufen, über entsprechende traumatische Erlebnisse in DDR-Heimen zu berichten.
Die bis jetzt bekannt gewordenen Fälle, in denen es um sexuellen Missbrauch an 6- bis 17-Jährigen in ganz unterschiedlichen Heimen geht, sind nach Ansicht Beylers nur die Spitze des Eisbergs. Insgesamt gab es in der DDR 474 staatliche Kinderheime. Davon waren 38 sogenannte Spezialkinderheime und 32 Jugendwerkhöfe, in denen jene Kinder verwahrt wurden, die als schwer erziehbar und verhaltensauffällig galten.
In einem Brief an Familienministerin Kristina Schröder (CDU) hatte Kolbe gefordert, Vertreter der Gedenkstätte Torgau am geplanten Runden Tisch zur Aufarbeitung der sexuellen Übergriffe zu beteiligen, der am 23. April zum ersten Mal tagen soll. Das Thema müsse gesamtdeutsch aufgearbeitet werden. "Es gibt keine Opfer erster oder zweiter Klasse", sagte Kolbe der Zeitung.
lgr/dpa/ddp/AFP
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