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13.04.2010
 

Missbrauch an der Odenwaldschule

"Einem Menschen im feinen Zwirn hat man das kaum zugetraut"

Odenwaldschule im hessischen Heppenheim: "Gewalt generiert neue Gewalt"Zur Großansicht
DPA

Odenwaldschule im hessischen Heppenheim: "Gewalt generiert neue Gewalt"

Lehrer vergingen sich an Schülern, die quälten dann ihre Klassenkameraden: Die Leiterin der Odenwaldschule, Magarita Kaufmann, spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über den Zyklus des Missbrauchs, den Prozess der Aufklärung - und die Macht ihres Vorgängers Gerold Becker.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kaufmann, vor einigen Tagen wurde bekannt, dass Schüler Ihrer Einrichtung auch von Mitschülern sexuell misshandelt worden sein sollen. Warum kommen diese Vorwürfe erst jetzt, mehrere Wochen nach den ersten Enthüllungen, ans Licht?

Margarita Kaufmann: Wir haben unsere Aufmerksamkeit zunächst auf die Missbrauchsfälle durch Lehrer gerichtet. In manchen Berichten wurden diese anderen Vorfälle sozusagen am Rande erwähnt. Gleichzeitig habe ich mich immer wieder gefragt, ob die ehemaligen Schüler durch ihre Erlebnisse auch traumatisiert wurden. Schließlich ist es kaum vorstellbar, dass Erlebnisse von sexualisierter Sprache und auch Gewalt in Schulen und Internaten nicht Spuren hinterlassen. Und dann erhielten wir eben solche Berichte.

SPIEGEL ONLINE: Warum aber haben sich die mutmaßlichen Geschädigten erst an Ostern gemeldet? So viele Wochen, nachdem die jahrelangen Missbrauchsfälle erstmals thematisiert worden sind?

Kaufmann: Vielleicht ist Missbrauch durch Gleichaltrige auch deshalb ein noch größeres Tabu, weil die Betroffenen die Täter unter Umständen noch kennen. Ein Schüler hat aber gesagt, ihm sei es wichtig, das zu thematisieren, weil er verhindern will, dass die ehemaligen Schüler ihrerseits Übergriffe begehen. Das Erschreckende ist ja, - und davon ist auszugehen -, dass Gewalt neue Gewalt generiert.

SPIEGEL ONLINE: Therapeuten halten es für erwiesen, dass missbrauchte Menschen häufig selbst Übergriffe begehen.

Kaufmann: Ein Altschüler, der mehrfach über Jahre missbraucht worden ist, hat mir geschildert, wie er sich als Erwachsener im Zaum halten musste, um nicht selbst übergriffig zu werden. Er bemühte sich immer, Situationen zu vermeiden, in denen er mit Kindern in Kontakt gekommen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es ihm heute?

Kaufmann: Er hatte das Glück, dass er wohlhabende Eltern hatte, die ihm mehrere Therapien finanziert haben.

SPIEGEL ONLINE: Vier Schüler haben Suizid begangen.

Kaufmann: Einen direkten Zusammenhang mit dem Missbrauch an der Schule herzustellen, wäre eine Mutmaßung. Wir wissen von einem Schüler, dass er Opfer von Missbrauch geworden war. In anderen Fällen scheinen Drogen eine Rolle gespielt zu haben. Wir wissen heute aber, dass Missbrauch noch vor wenigen Jahren und erst recht in den siebziger und achtziger Jahren kein Thema war, über das man sprechen konnte: Das gilt für die Eltern der Betroffenen, für die Lehrer, aber auch für die Polizei, die Politiker und auch für die Medien. Wir haben alle nicht zugehört.

SPIEGEL ONLINE: Ein ehemaliger Direktor, der systematisch Kinder missbraucht hat, ein Lehrer, der zugeschaut haben soll, wie ein Jugendlicher misshandelt wurde - was geht in Ihnen vor, wenn Sie sich vergegenwärtigen, dass die Verantwortlichen vielleicht nicht zur Verantwortung gezogen werden?

Kaufmann: Es besteht wirklich die Gefahr, dass alles verjährt ist. Aber was sollen wir als Schule tun? Wir können nur aufklären. Das Hauptanliegen der Altschüler ist nach meinem Wissen nicht in erster Linie die Bestrafung der Täter vor Gericht, sondern dass die Schule endlich zu dem steht, was geschehen ist.

SPIEGEL ONLINE: Bestätigen die Geschehnisse an der Odenwaldschule, die Sie nun aufzuarbeiten haben, Sie in Ihrer Skepsis gegenüber der Reformpädagogik?

Kaufmann: Das hat nichts miteinander zu tun. So wenig wie der Missbrauch in katholischen Kirchen mit dem Zölibat zu tun hat. Nein, die Aufarbeitung ist eine Aufgabe, der sich die Schule heute stellt, und mit ihr tut es ja offensichtlich auch die Gesellschaft. Ich habe in den letzten Wochen oft daran gedacht, - auch wenn die Verbrechen nicht miteinander zu vergleichen sind - wie in der Nachkriegszeit mit dem Holocaust umgegangen wurde. Damals haben auch Leute an einen Alleintäter Hitler geglaubt, Menschen, die direkt neben dem Bahnhof gelebt haben, wollten die Züge mit den Deportierten nicht gesehen haben. Der Mensch kann offenbar sehr gut verdrängen, wenn er entschlossen ist, das zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Hat man an der Odenwaldschule weggeschaut?

Kaufmann: Einzelne Schüler sind zu Lehrern gegangen und haben zumindest angedeutet, was ihnen widerfahren ist. Aber man hat ihnen nicht unbedingt geglaubt. Das wissen wir ja auch von Eltern, die ihren Kindern diese Geschichten nicht geglaubt haben. Es stellt sich ja die Frage, was ein Kind gegen einen geschätzten und respektierten Erwachsenen sagen kann? Der Schulleiter...

SPIEGEL ONLINE: Gerold Becker, auf den sich ein Großteil der Anschuldigungen konzentriert...

Kaufmann: ...war ja hochverehrt in allen möglichen Gremien. Einem Menschen in feinem Zwirn wird so etwas ja generell kaum zugetraut. Und noch heute sagen ehemalige Kollegen: Er hatte doch auch gute Seiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten das für zynisch?

Kaufmann: Das kann ich nicht anders sagen. Es gab ein Mädchen, das über den Missbrauch von Schulkameradinnen berichtet hat, ihr wurde nicht geglaubt. Sie musste stattdessen von der Schule gehen, weil Becker alles daran gesetzt hat, dass der Spieß umgedreht wird. Das Mädchen wusste zu viel über ihn. Das Mädchen hatte seinen einflussreichen Vater informiert und dieser hatte sich mit Becker in Verbindung gesetzt. Daraufhin erhielt der Vater einen Brief, in dem das Mädchen des Drogenkonsums beschuldigt wurde, sie musste die Schule ohne Abschluss verlassen. Als Schulleiter konnte Herr Becker sicher Maßnahmen ergreifen, um sich selbst vor zu vielen Mitwissern zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Das war also kein Einzelfall?

Kaufmann: Ein Junge, der sich Becker dauerhaft entzogen hat, wurde geschnitten, von schulischen Aktivitäten ausgeschlossen, bis er schließlich ohne Abschluss von der Schule gehen musste. Das ist nur schwer zu ertragen: ein Kind wird missbraucht, und am Ende wird ihm noch die Schuld dafür gegeben, dass es sein Leben nicht mehr in den Griff bekommt. Das ist unglaublich.

SPIEGEL ONLINE: Müssen sich nicht auch manche Eltern Vorwürfe machen?

Kaufmann: Der Junge, von dem ich gerade sprach, hat sich seinen Eltern anvertraut. Er wurde von ihnen nicht geschützt, weil sie ihm nicht glauben konnten oder wollten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nach all dem, was vorgefallen ist, auch Forderungen, die Einrichtung zu schließen?

Kaufmann: Wir stehen im ständigen Kontakt mit dem Sozial- und dem Kultusministerium. Die Forderung müsste dann ja von einer offiziellen Stelle kommen. Und von dort erfahren wir viel Unterstützung und gute Zusammenarbeit.

Das Interview führte Christoph Ruf

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13.04.2010 von dimetrodon109: Hinweise

Sicher gab es Hinweise, aber was bringen diese Hinweise in einem System, das sich selber schützt, weil es sich erhaben fühlt. Gegen Herrn Becker etwas zu sagen war aussichtslos, er war mit der Familie des Alt-Bundespräsidenten [...] mehr...

13.04.2010 von harinowa: Bessere Recherche bitte

Zitat Spiegel Online: "Therapeuten halten es für erwiesen, dass missbrauchte Menschen häufig selbst Übergriffe begehen." Leider ein Gerücht, mit dem viele missbrauchte Menschen zu kämpfen haben. Die Tatsache, dass [...] mehr...

13.04.2010 von gunman: Unwürdiges Verhalten?

Diese ganze Niedtracht, Perversion, Machtmißbrauch usw. als "unwürdiges Verhalten" zu beschreiben, ist schon Teil des "Aufklärungsprozeßes" gell? mehr...

13.04.2010 von sitiwati: was soll die

Aufregung, es kommt doch eh nix dabei rauss, die Clans, ob sie nun ein Kreuz oder eine bunte Fahne vor sich hertragen, halten zusammen und je höher es in die VIP Etagen geht, um so dichter sind die Reihen geschlossen ! mehr...

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Zur Person

REUTERS
Margarita Kaufmann
wurde 1955 in Abtsgmünd (Baden-Württemberg) geboren. Die Pädagogin unterrichtete an verschiedenen Gymnasien und war in der Erwachsenenbildung tätig. Mitte der neunziger Jahre wechselte sie zur Unesco nach Paris. Von 2001 bis 2007 war sie Kulturdezernentin in Friedrichshafen am Bodensee. Seit Oktober 2007 ist Kaufmann Leiterin der reformpädagogisch orientierten Odenwaldschule in Oberhambach, einem Stadtteil von Heppenheim (Hessen).

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N.I.N.A. e.V.

Zornrot e.V.

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