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23.04.2010
 

Brautgeld in Berlin

"Es handelt sich eindeutig um Menschenhandel"

Für 15.500 Euro sollen kurdischstämmige Eltern in Berlin ihre 15-jährige Tochter verkauft haben - an die Familie ihres zukünftigen Ehemannes. Eine gängige Praxis, mitten in Deutschland, erklärt Frauenrechtsexpertin Myria Böhmecke im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

SPIEGEL ONLINE: Frau Böhmecke, in Berlin sollen kurdischstämmige Eltern ihre Tochter Jasmin nach der islamischen Eheschließung für 15.500 Euro an die Familie des Ehemannes verkauft haben. Mittlerweile hat sich die 15-Jährige, die nun schwanger ist, von ihrem Mann getrennt, er soll sie geschlagen haben. Ist es eine Ausnahme, dass in muslimischen Familien in Deutschland Brautgeld gezahlt wird?

Böhmecke: Nein, das ist nach meiner Erfahrung nicht unüblich. Genaue Zahlen sind aber schwierig zu ermitteln, weil die zwangsverheirateten Mädchen, die sich bei "Terre des Femmes" melden, oft nicht wissen, ob Geld für sie geflossen ist. Die Familie des Bräutigams zahlt das Geld unter anderem als Kompensation für die Arbeitskraft, die der Familie der Braut verlorengeht, wenn die Frau aus dem Haus geht.

SPIEGEL ONLINE: Kann Brautgeld Frauen auch helfen - etwa wenn sie sich von ihrem Mann trennen?

Böhmecke: Ursprünglich war das Brautgeld, die sogenannte "Mahr", bei islamischen Eheschließungen tatsächlich als Absicherung für die Frau gedacht, im Falle einer Scheidung. Die Frauen haben von dem Geld oft Goldschmuck gekauft. Mittlerweile kommt es aber häufig nur ihrer Familie zugute.

SPIEGEL ONLINE: Die Berliner SPD-Politikerin Bilkay Öney zeigte sich zutiefst erschrocken über den Fall von Jasmin. "Eine Braut zu verkaufen, ist tabu in Europa. An so etwas mag ich gar nicht denken, das gibt es nicht einmal in der Türkei", sagte sie. Ist diese Einschätzung realistisch?

Böhmecke: Das ist eine vollkommene Fehleinschätzung. Zwangsehen sind in der Türkei immer noch sehr verbreitet - und häufig fließt dann wohl auch Geld. Dass ein Mädchen minderjährig verheiratet wird, passiert ebenfalls häufig, auch wenn die Gesetze der Türkei das ebenso verbieten wie in Deutschland. Die Eheschließung passiert dann im Rahmen einer religiösen Eheschließung - sobald das Mädchen volljährig ist, wird die Ehe auch "offiziell" geschlossen. Übrigens findet eine Geldzahlung nicht nur in islamischen Gesellschaften statt, auch in Indien zum Beispiel fließt bei der Heirat eine häufig sehr hohe Summe.

SPIEGEL ONLINE: Jasmins Familie schien gut integriert. Der Vater des Mädchens arbeitet bei der Feuerwehr, einer der Brüder ist Polizist. Das scheint den Fall umso schwerer nachvollziehbar zu machen.

Böhmecke: Nein. Es gibt nicht unbedingt einen Zusammenhang zwischen den gängigen Merkmalen guter Integration und dem Bewusstsein für Frauenrechte. Bei der "Terre des Femmes"-Einzelfallhilfe rufen sehr häufig Mädchen an, die vorbildlich integriert scheinen, perfekt Deutsch sprechen, in die Schule gehen.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich überhaupt rechtlich gegen ein Brautgeld vorgehen? Die Familien könnten ja behaupten, man habe einfach die ärmere Familie unterstützt, damit die Hochzeit finanziert werden kann.

Böhmecke: Der Fall der 15-Jährigen in Berlin ist schon deshalb rechtswidrig, weil es sich um eine Minderjährige handelt. Zudem hat die Familie des Mannes ja nach den Berichten der "Bild" und der "BZ" offen behauptet, sie habe das Mädchen gekauft. Es handelt sich also ganz eindeutig um Menschenhandel.

SPIEGEL ONLINE: Ein Notar soll angeblich bescheinigt haben, dass das Sorgerecht für die 15-Jährige auf die Familie des Mannes übergeht - hat das vor Gericht Bestand?

Böhmecke: Nein. Wenn das Sorgerecht geändert wird, müssten das Jugendamt und das Familiengericht eingeschaltet werden. Das wäre dann ein völlig anderer Fall.

SPIEGEL ONLINE: Jasmin sagt, sie habe freiwillig geheiratet, weil sie verliebt war. Ändert das den Fall aus Ihrer Sicht?

Böhmecke: Nicht wirklich. Es ist in Deutschland aus sehr sinnvollen Gründen verboten, dass Minderjährige heiraten, eben weil sie die Tragweite dieser Entscheidung nicht einschätzen können. Der Fall von Jasmin zeigt genau das: Ihr Mann soll sie geschlagen haben, sie hat ihn nach sehr kurzer Zeit wieder verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen fordern Sie?

Böhmecke: In Schulen muss mehr Aufklärung stattfinden. Es muss Schulungen für Lehrer geben und für Mitarbeiter des Jugendamts. Im Fall von Jasmin ist sehr viel schiefgelaufen. Das Mädchen ist den Berichten zufolge nicht mehr regelmäßig zur Schule gegangen. So etwas darf nicht passieren - es müssen Überprüfungen stattfinden. Es ist ein Skandal, dass ein Mädchen mitten in Deutschland unbemerkt verschachert werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Fälle von Zwangsehen haben Sie im letzten Jahr registriert?

Böhmecke: Bei "Terre des Femmes" haben sich in den vergangenen drei Jahren über 500 Frauen und Mädchen gemeldet, die von einer Zwangsehe bedroht waren oder von Gewalt im Namen der "Ehre". Ein Drittel dieser Frauen hat schon Morddrohungen bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert mit Frauen, die zur Eheschließung bereits in andere Länder, etwa die Türkei, verschleppt wurden?

Böhmecke: Sie sind in den meisten Fällen für uns verloren, zumindest, wenn sie nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben. Handy und Pass werden ihnen meist abgenommen. Und die türkischen Behörden haben kaum Interesse, sich bei Zwangsheiraten einzumischen - am wenigsten in dörflichen Gegenden.

Das Interview führte Anna Reimann

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Die neuesten Beiträge:
04.05.2010 von brunnets: Sittenrechte vs. öffnetliches Recht des Gastlandes

Ich denke hier handelt es sich um eine traditionelle Auslegung die im Ursprungsland auslegbar wäre/ist. Aber 1. Selbst in der heutigen Türkei ist dieser Rechtsgebrauch verboten und 2.) Es ist und bleibt eine der Regeln des [...] mehr...

04.05.2010 von Betonia: **

Auf Hurra-Rufe kann getrost verzichtet werden. Aber die Gesetze des Aufenthaltslandes sind einzuhalten. Ohne Wenn und Aber. Verstöße sind zu ahnden, ohne mildernde Umstände aufgrund von Ethnie. So sollte es sein. mehr...

25.04.2010 von Emil Peisker: Kurden sind keine Türken

Na, Beyazid, endlich mal eine Klarstellung! Ich pflichte Ihnen bei. Früher hieß es doch immer, das seien Bergtürken. Nun sollten die Kurden als eigene Ethnie aber auch schnell die gleichen Rechte in Bildung, Politik und [...] mehr...

25.04.2010 von Beyazid: Kurden und nicht Türken.

Das sind immer noch Kurden, ein kleiner aber feiner Unterschied, Sie Ignorant! mehr...

25.04.2010 von haltetdendieb:

In Deutschland wagt niemand, weder Richter noch Gesetzgeber, ein Gesetz gegen muslimische kulturelle Gepflogenheiten zu verabschieden. Das könnte doch noch rassisistisch und islamophob klingen....Dann schon Gesetze gegen die nur [...] mehr...

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Myria Böhmecke, geboren 1973, ist Leiterin des Referats "Gewalt im Namen der Ehre" von Terre des Femmes e.V. Sie arbeitet seit 2001 bei der Menschenrechtsorganisation, war von 2001 bis 2008 für das Referat "Einzelfallhilfe" zuständig und hat in diesem Tätigkeitsbereich vor allem Mädchen und Frauen beraten, die von Gewalt betroffen sind. Von 2004 bis 2006 leitete sie die bundesweite Kampagne von "Terre des Femmes" zum Thema "Nein zu Verbrechen im Namen der Ehre".






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