Von Jörg Diehl und Julia Jüttner
Hamburg - Am Anfang war ein Gerücht. Es gebe auffallend viel Kokain in Hamburg, hieß es im Herbst des vergangenen Jahres. Die Preise purzelten, die Händler auf der Straße sprachen darüber und viele Polizisten spitzten die Ohren. "Irgendetwas ist im Gange", sagten sie sich.
Doch wer brachte die Massen an Schnee in die Stadt? Und wie?
Am Anfang war auch Routine, ein kleiner Fall, den die Spezialermittler für Organisierte Kriminalität (OK) des Hamburger Landeskriminalamts (LKA) eher zögerlich übernahmen. Es ging um eine kleine Combo, ein halbes Dutzend Männer, Deutsche und Türken, die mit Kokain handeln sollten. Nicht im großen Stil, ein paar Kilogramm bloß hier und da, aber immerhin.
Also hörten die Beamten Telefone ab, observierten Verdächtige, tagelang, wochenlang, bis sie am 11. November endlich zuschlagen konnten. Was später zunächst wie ein Zufallsfund der Bereitschaftspolizei aussah, war in Wirklichkeit ein geplanter Zugriff des LKA.
Und: Es sollte der Auftakt für einen beispiellosen Ermittlungserfolg sein, der mit dem größten Kokainfund in der Geschichte der Bundesrepublik endete.
Der Drogenhund schlug an
Beamte stoppten im Stadtteil Horn, es war genau um 18.55 Uhr, einen Opel Kombi. In einer Tasche des Beifahrers, eines 31-jährigen illegal in Deutschland lebenden Türken, lag das Kokain, 3,5 Kilogramm Stoff von bester Qualität, Drogenhund Mico schlug sofort an.
Der Fall nahm an Fahrt auf. Neue Querverbindungen offenbarten sich den Fahndern. "Uns war jetzt klar, dass die Lieferanten dieser Gruppe hier in der Stadt leben mussten", sagt OK-Chefermittler Thomas Menzel SPIEGEL ONLINE.
Alle Indizien deuteten in eine Richtung. Und so geriet im Dezember 2009 jene Gruppe ins Visier der Fahnder, die laut LKA schon Monate später einen Container mit 1,33 Tonnen Kokain ins Land schleusen und damit auffliegen sollte. Die Operation, von den Beamten "Burn-out" getauft, konnte beginnen.
Was hatte der Ex-Profi-Fußballer mit dem Kokain zu tun?
Später würde vor allem von Kevin H., 31, zu lesen sein, einem ehemaligen Profi-Fußballer, der auch bei Hansa Rostock gekickt hatte. Ein Hamburger Junge, behütet aufgewachsen im Stadtteil Billstedt. Laut Staatsanwaltschaft agierte er vorübergehend als eine Art "Geldverwalter des Drogenkartells". Er hortete demnach die Einnahmen, Hunderttausende Euro soll er zeitweise kontrolliert haben.
Der Mittelfeldregisseur mit der Rückennummer 10 galt in seiner sportlich-aktiven Zeit als diszipliniert, ehrgeizig, ein vorbildlicher Mannschaftsspieler, allgemein beliebt. Privat gab sich H. zurückhaltend, still, verlässlich. Einer, der nie im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen wollte, aber auf den man zählen konnte. Einer, der sehr an seinen Eltern und seinem Bruder hing.
Sein Umfeld suchte daher nach Erklärungen: Wie geriet ihr Kevin in ein Ermittlungsverfahren gegen eine Kokain-Bande?
"So etwas passt nicht zu ihm"
"Wenn das wirklich wahr ist, wusste er nicht, was er tat oder was die anderen auf dem Kerbholz hatten", sagt sein bester Freund Steffen Rische, der als Osteopath beim FC Hansa Rostock arbeitet. "So etwas passt nicht zu Kevin", meint auch Jörn Heinemann, Club-Boss des Hamburger Landesligisten Hamm United, für den H. zuletzt gespielt hat. Er kennt "den Jungen" seit mehr als 25 Jahren, dessen Vater ist sein Trauzeuge.
Nach H.s Heimkehr aus Rostock habe sich, so erzählen es seine Kumpel, ein gewisser "Costa" bei ihm gemeldet. Ein alter Jugendfreund aus Billstedter Zeiten, ein sympathischer Kerl, der H. auch mal auf dem Platz in Hamburg-Hamm besucht habe. Bat er Kevin um einen verhängnisvollen Gefallen? Wollte H. ihn nicht enttäuschen oder lockte doch vor allem das schnelle Geld?
Nach Ansicht der Ermittler sollen die Hauptverantwortlichen des Rekordschmuggels jedenfalls andere gewesen sein:
• Der Gitarrist Pedro E. A., 35, aus Paraguay etwa, der schon seit einigen Jahren in Deutschland lebt und den Transport der Ware aus Asunción organisiert haben soll. Die Ermittler gehen davon aus, dass er sich im Auftrag von Hintermännern in Südamerika und Europa gezielt auf die Suche nach Partnern für die verbotenen Geschäfte gemacht hatte.
• Der wichtigste Kontakt des Paraguayers war demnach Ibrahim "Ibo" K., 31, aus dem Hamburger Stadtteil Eidelstedt. Er handelte laut Polizei schon seit geraumer Zeit mit Drogen, allerdings war er zuvor nicht mit großen Mengen aufgefallen. Seine mutmaßlichen Kompagnons Celal E., 29, und Constantin "Costa" F., 27, hätten schon früher mit ihm Geschäfte gemacht, heißt es in Ermittlerkreisen.
• Als Finanzverwalter der Bande fungierte neben Kevin H. laut LKA-Erkenntnissen Haci C., 28, in dessen Wohnung die Beamten sauber gebündelte 450.000 Euro und eine Geldzählmaschine fanden.
• Außerdem soll Kanber Ö., 31, zu der Gruppe gehört haben, die bei den Kriminalisten scherzhaft "Los Paraguayos" genannt wurde. Als die Beamten den 31-Jährigen in Eilbek festnehmen wollten, schoss sich ein 40 Jahre alter Polizist mit seiner Sig Sauer P225 versehentlich selbst ins Bein. Seine Kollegen konnten Ö. schließlich aus dessen Audi A 3 zerren.
Die Ermittler tasten sich heran
Die Fahnder erlebten eine heiße Zeit im bitterkalten Januar 2010. Wenn es stimmte, worüber die Verdächtigen - vorsichtig und konspirativ - an den ständig wechselnden Handys sprachen, musste es um Millionen gehen, um massenhaft Koks, das bereits verkauft worden sein sollte. Dreistellige Kilomengen, Dimensionen, in die die Hamburger Polizei niemals zuvor hatte vorstoßen können. "Wir waren elektrisiert", so der Leitende Kriminaldirektor Menzel.
Und klar schien auch: Es sollte Nachschub kommen, per Schiff, in einem Container aus Südamerika. "Wir brauchten diese Lieferung unbedingt", sagt Menzel, "sonst hatten wir nichts in der Hand."
Als Tarnung ihrer verbotenen Fracht hatte sich die Gruppe um den Gitarristen ausgerechnet Holzbriketts ausgeguckt, 22 Tonnen aus Spänen gepresste Scheite, in die später die insgesamt 1244 Koks-Pakete eingearbeitet wurden. Die Polizisten rechneten also: Transport, Zölle, Steuern, Lagerung. "Das hätte sich für Holz niemals rentiert", so Menzel.
Gewaltige Gewinnspanne
Die Gewinnspanne bei Kokain hingegen ist ungleich größer. Wie ein Szenekenner SPIEGEL ONLINE erklärte, bekommt ein kolumbianischer Bauer für ein Kilogramm Kokapaste etwa 800 Dollar, der Transport nach Deutschland wiederum kostet noch einmal bis zu 4000 Dollar. Hier werde der Stoff dann für etwa 35.000 Euro weiterverkauft und bringe - entsprechend gestreckt - den Dealern auf der Straße schließlich insgesamt 100.000 Euro ein. Ein einträgliches Geschäft.
Als die Gruppe schließlich Anfang des Jahres Container im Zwei-Wochen-Rhythmus nach Hamburg einschiffte, lagen die Ermittler längst auf der Lauer. Immer wieder ließen sie die Stahlbehälter röntgen, immer wieder hörten sie anschließend vom Zoll: Sorry, wir haben nichts gefunden!
Geduld war gefragt.
Dabei standen die Beamten unter großem Erfolgsdruck: Sie hörten rund 70 Telefone ab, teilweise mit bis 300 Gesprächen pro Tag, die allesamt aufgezeichnet, ausgewertet und protokolliert werden mussten. Und die intensiven Observationsmaßnahmen gegen die Gruppe verschlangen teilweise fünfstellige Summen am Tag.
1,33 Tonnen Kokain
Doch es kam der Montag, es kam jener 12. April 2010, an dem sich die Mühen der Ermittler auszahlen sollten. In einem der seltenen Fällen, in denen die Polizei schon im Vorhinein von einem so gigantischen Drogenschmuggel wusste, griffen 200 Beamte im Hafen zu, durchsuchten Wohnungen in Hamburg, in Schleswig-Holstein, in Nordrhein-Westfalen, nahmen die Verdächtigen fest und beschlagnahmten Hunderttausende Euro. Und natürlich das Kokain, 1,33 Tonnen, versteckt zwischen Holzbrickets, in einem Container aus Paraguay, wie die Fahnder es erwartet hatten.
Man kann sich vorstellen, wie die Polizisten an diesem Tag gefeiert haben.
Doch wie wurden aus Eidelstedter Ganoven Rekordschmuggler? Wer sind die Hintermänner der Gruppe, gegen die im Ausland noch ermittelt wird? Und weshalb geriet Kevin H., der sich nach dem Ende seiner Fußballerkarriere zum Steuerfachangestellten umschulen ließ und mit seiner Freundin ein kleinbürgerliches Leben lebte, in die Fänge der Koks-Mafia?
"Vielleicht war er blauäugig und wurde reingelegt?", mutmaßt ein Vertrauter. Und einer seiner engsten Freunde sagt SPIEGEL ONLINE: "Kevin hat nicht nur einen weichen Kern, sondern auch eine ganz weiche Schale." Er habe sich - abseits des Platzes - wohl auf ein Spiel eingelassen, das zu groß für ihn gewesen sei und das er schon bald nicht mehr habe kontrollieren können.
Den Drogenschmugglern drohen jetzt bis zu 15 Jahre Haft.
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Ihre obigen Ausführungen sind aber keine äusserst problematischen Biographien. In denen finden sich nämliche Punkte von körperlicher und psychische Gewalt, fehlende Würdigung und Wertschätzung (natürlich nicht [...] mehr...
Vom Rauchen wegzukommen ist meiner Meinung nach wesentlich schwieriger als vom Kiffen (ich rauche leider auch noch). Gerade beim Rauchen hat sich die Routine noch wesentlich mehr in das Leben eingeschlichen als beim Kiffen. Man [...] mehr...
Sie missverstehen das Wesen der Sucht. Eine Sucht muss nicht starke körperliche Entzugserscheinungen vorweisen. Die Sucht entsteht im Kopf, und es ist vor allem die psychische Abhängigkeit, die es schwer macht, mit dem Habit [...] mehr...
Das sehe ich bei Cannabis eben nicht so. Ich kenne auch Leute aus meinem Bekanntenkreis, die alle ihre Probleme dem Marihuana zuschreiben. Die Sache dabei ist aber meiner Meinung nach eher, daß sie es als Ausrede für ihre eigene [...] mehr...
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