Von Barbara Hans
Hamburg - Eigentlich, so dachte man beim Deutschen Olympischen Sportbund, hatte man seine Hausaufgaben gemacht. Erst hatte man sich um das unleidige Thema Doping gekümmert, und dann, im Frühjahr, um sexuellen Missbrauch. Anlass waren die Pädophiliefälle in der katholischen Kirche, das Problem rückte nun auch in das Bewusstsein der Sportfunktionäre.
So nahm der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) auf Einladung der Bundesregierung am Runden Tisch zum Thema Missbrauch teil und veröffentlichte Ende März ein Positionspapier. Darin heißt es: "Emotionalität und Körperlichkeit von Spiel, Sport und Bewegung haben gerade für Kinder und Jugendliche eine hohe Bedeutung und Attraktivität. Die Kehrseite dieser Medaille ist, dass der Sport dadurch auch für potentielle Täter interessant ist."
Dabei hatten die Offiziellen vor allem Trainer und Betreuer im Blick, also Erwachsene. An Missbrauch von Jugendlichen durch Jugendliche dachte damals keiner.
Die Vorfälle im Ferienlager auf Ameland treffen die Verantwortlichen daher völlig unvorbereitet. Auf dem Camp, das vom Stadtsportbund Osnabrück organisiert worden war, sollen bis zu 13 Jugendliche sechs 13-jährige Jungen in einem Schlafsaal mit Gegenständen vergewaltigt haben. Das Entsetzen im DOSB ist groß, weil das Unwissen es ist.
Untätig weil unwissend?
Der Leiter des Feriencamps, Dieter Neuhaus, sagte im Interview mit SPIEGEL ONLINE, er habe zuvor noch nie etwas von der Sexualpraktik des sogenannten "Fistings" gehört ("fist" ist das englische Wort für Faust). "Und ich gehe davon aus, dass das auch für die Betreuer galt", so Neuhaus. Die Jugendlichen sollen gegenüber Erwachsenen im Camp von "Fisting" gesprochen haben - doch die Verantwortlichen interpretierten die Aussagen offenbar nicht als Hilferufe.
Die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob sie gegen einige Betreuer ein Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung einleitet. Denn diese - allesamt junge Erwachsene - unternahmen offenbar nichts, um die schweren Misshandlungen im Schlafsaal des Hauses "De Zilvermeeuw" zu stoppen und die Opfer zu schützen. Neuhaus führt die Untätigkeit auf Unwissenheit zurück. Er versucht nichts zu entschuldigen, aber er sucht nach einer Erklärung für das eigentlich Unerklärliche.
Das Problem: Wo es kein Wissen gibt, kann es auch keine Präventionsarbeit geben.
"Auf Norderney ist alles ganz anders als in Oberstdorf"
Zwar hat der DOSB Empfehlungen zum Umgang mit sexuellem Missbrauch verabschiedet - aber dies sind eben nur Vorschläge, die keinerlei bindenden Charakter für die Vereine haben. Der Sportbund ist in Deutschland föderal organisiert. Es gibt 16 Landessportbünde, 91.000 Turn- und Sportvereine und insgesamt 27 Millionen Mitglieder. Der Vorsitzende der Deutschen Sportjugend, Ingo Weiß, fasst das Problem so zusammen: "Auf Norderney ist alles ganz anders als in Oberstdorf."
Doch es ist nicht nur alles anders. Es ist oft gar nicht zu kontrollieren, was die Vereine in Oberstdorf und auf Norderney überhaupt machen - und wie sie ihre Betreuer und Trainer ausbilden. Oder sie für das Thema Missbrauch sensibilisieren. Der DOSB kann Vorschläge machen, doch befolgen muss sie niemand.
Vor allem jedoch haben sich die Verantwortlichen bislang nicht mit sexueller Gewalt befasst, die von Jugendlichen ausgeht. Es gibt keine Richtlinie, kein Positionspapier, das die Betreuer auf Ameland hätten kennen müssen.
"Wir haben das Problem unterschätzt", bekennt Sportjugend-Chef Weiß. Man habe das Thema schlichtweg vernachlässigt. "Was den Kindern dort angetan wurde, ist eine Schweinerei." Nun sei es wichtig zu handeln.
Mehrstündiges Seminar zur Vorbereitung
Aber wie will er das machen? Wie will er es schaffen, die Vereine an der Basis für das Thema zu sensibilisieren?
Die Betreuer auf Ameland mussten keine Jugendleitercard vorweisen - den Qualifikationsnachweis für ehrenamtliche Mitarbeiter in der Jugendarbeit. Von den insgesamt 39 Erwachsenen, die unter der Leitung von Dieter Neuhaus für die insgesamt 170 Jugendlichen verantwortlich waren, hatten trotzdem 13 einen solchen Leiterschein. 15 Verantwortliche begleiteten die Fahrten nach Ameland bereits seit mehreren Jahren, acht weitere kamen von der Katholischen Fachhochschule Osnabrück, fünf von ihnen waren studierte Sozialarbeiter, drei Sozialhelfer. Drei weitere hatten keinen dieser Hintergründe.
Die Betreuer mussten eine dreistufige Vorbereitung durchlaufen. Neuhaus führte ein mehrstündiges Seminar durch, dann wurden die Erwachsenen auf die drei Gebäude aufgeteilt. Es folgten weitere Besprechungen mit der jeweiligen Teamleitung des Hauses und während der Freizeit schließlich eine Dienstbesprechung pro Tag.
"Den Begriff 'Fisting' kannte keiner"
Neuhaus hat bei Vorbereitungstreffen mit den Betreuern diskutiert, was zu tun und was zu lassen ist. "Es war klar, dass die Betreuer bei einem Blues nicht mit einer anderen Betreuerin tanzen, es war klar, dass keine Jungen in die Mädchenräume gehen. Aber den Begriff 'Fisting' kannte keiner", sagte er SPIEGEL ONLINE.
Es war nicht zuletzt die Naivität der Erwachsenen, die das Handeln der jugendlichen Täter ermöglichte. Während die Betreuer die Gefahr bei Jungen suchten, die in die Mädchenräume schleichen könnten, bewegten sich die Teenager auf anderen Ebenen. Die Taten, die sie begangen haben sollen, entlarven die Erwachsenen und deren Gutgläubigkeit.
Dabei ist sexuelle Gewalt unter Jugendlichen recht weit verbreitet. Es gibt Studien zu dem Thema und zahlreiche Experten. Es gibt Einrichtungen, die sich mit dem sexuellen Missbrauch in Institutionen befassen und die Verantwortlichen auch beraten. Es ist bekannt, dass erst der Rahmen den Tätern die Möglichkeit bietet, kriminell zu agieren, dass Machtstrukturen und Gruppendynamiken die Prozesse befeuern.
Doch dieses Wissen erreicht die Trainer und Betreuer in den Sportvereinen nur selten. Dabei ist gerade dieser Bereich gefährdet. "Sexuelle Gewalt ist in Sportvereinen weit verbreitet", sagt Ursula Enders, Leiterin und Gründerin der Beratungsstelle Zartbitter. In den - häufig männlich geprägten - Strukturen der Vereine geht es oft grob zu, der Ton ist rau, die Sitten sind es auch. Dies bereite den Weg für Grenzüberschreitungen, sagt Enders.
"Wir müssen unsere Naivität aufgeben"
Sportfunktionär Weiß wehrt sich gegen diese Darstellung. Er fürchtet einen Generalverdacht gegen alle Sportvereine - die doch auf das Engagement Ehrenamtlicher angewiesen seien. "Man darf weder auf den Sport noch auf die Kirche mit Knüppeln einschlagen und deren Arbeit kaputtmachen", sagt er. Der Sport sei ein Abbild der Gesellschaft, daher gebe es auch hier Fälle sexuellen Missbrauchs. Enders' Erklärung hält er für "zu einfach". "So etwas passiert unter Umständen auch im Konfirmandenunterricht oder bei Gemeinschaftsabenden der Pfadfinder."
Das ist Teil des Problems: Natürlich gibt es Missbrauch auch in anderen Kontexten, in 80 bis 90 Prozent der Fälle findet er aber im sozialen Nahfeld statt. Zur effektiven Präventionsarbeit gehört daher eine genaue Analyse der Strukturen, in denen sich die Jugendlichen befinden.
Weiß spricht häufig von der "gläsernen Sporthalle". Es ist ein schöner Begriff für eine utopische Situation, in der Kinder ihren Eltern freimütig von merkwürdigen Verhaltensweisen der Trainer berichten, Eltern mit in die Trainingsstunden gehen und potentielle Täter erst gar nicht zu solchen werden - weil sie in diesem transparenten Umfeld eine sofortige Enttarnung fürchten müssten.
In den meisten Fällen besteht ein Vertrauensverhältnis zum Täter
Doch die Realität sieht anders aus. "Wir müssen beim Thema Missbrauch unseren paradiesischen, naiven Zustand aufgeben", sagt Julia von Weiler, Psychologin und Geschäftsführerin von Innocence in Danger. Sie hat sich intensiv mit den Strukturen befasst, die einem Missbrauch zugrunde liegen - und hat unter anderem auch mit der Odenwaldschule zusammengearbeitet.
Innocence in Danger fordert, dass das Thema sexuelle Gewalt in die Ausbildung zur Kinder- und Jugendarbeit integriert wird, dass Betreuer für die Dynamiken geschult werden. "Sie müssen wissen, was sie tun, wenn sich ein Kind an sie wendet. Sie müssen wissen, an wen sie sich selbst wenden können. Und sie müssen für Alarmsignale sensibilisiert werden."
Häufig trauen sich Kinder nicht, über den Missbrauch zu sprechen, denn in den meisten Fällen besteht ein Vertrauensverhältnis zum Täter. Mädchen und Jungen fassen das Geschehen nicht in Worte, doch sie äußern es nonverbal. "Es ist verständlich, dass die Betreuer auf Ameland mit der Situation überfordert waren", sagt Weile. "Aber es darf eigentlich nicht so sein."
Sportfunktionär Weiß kennt die Erwartungen, die nun an den DOSB gerichtet werden. Er kontert mit Formulierungen wie "Der Sport muss die Kinder fit machen". Das klingt gut, doch es sagt wenig aus - und ändert nichts.
Auf anderen Social Networks posten:
dass früher mehr übergriffe stattfanden bleibt wohl zu beweisen...zumal ihrer aussage nach das totschweigen und wegsehen früher gängiger war als heute (?). und dass man sich mit dem kleinen prozentsatz,wie SIE ihn nennen, [...] mehr...
Was wollen Sie noch? Ich habe doch davon gesprochen, dass solche Übergriffe heute, im Gegensatz zu früher, Ausnahmen sind, also keine Normalität. Andererseits sind sie nie ganz zu verhindern, und dies vor allem dann nicht, wenn [...] mehr...
lieber dion... mal wieder wird ein zitat aus dem kontext gerissen und auf den eigentlichen inhalt meines beitrages nicht eingegangen. langsam fühlt man sich hier wie im reichstag... "unsere" politiker sind [...] mehr...
Wenn Sie mich vorführen wollen, dann muss ich Ihnen mitteilen, dass ich das Spiel als beendet betrachte. MfG. Rainer mehr...
Sie sprechen hier von Erziehung, während zuvor von strafrechtlichen Konsequenzen für Kinder die Rede war, die selbstverständlich abzulehnen sind, weil Kinder eben nicht strafmündig sein können. ---Zitatende--- Strafmündigkeit [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Justiz | RSS |
| alles zum Thema Sexueller Missbrauch von Kindern | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH