ThemaNadja BenaissaRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
16.08.2010
 

Prozess um No-Angels-Sängerin

"Ich hatte einfach tierische Angst"

Aus Darmstadt berichtet Gisela Friedrichsen

Warum verschwieg sie ihren Sexpartnern, dass sie HIV hat? Gleich am ersten Verhandlungstag im Prozess gegen Nadja Benaissa kreiste alles um die entscheidende Frage. Die No-Angels-Sängerin zeigte Reue und versuchte, ihr Verhalten zu erklären - in den Augen ihres mutmaßlichen Opfers eine Farce.

Als Nadja Benaissa den Gerichtssaal 3 des Darmstädter Gerichts betritt, sieht es fast aus, als führe ihr Verteidiger Oliver Wallasch ein Kind an der Hand zu seinem Stuhl. Benaissa, in schlichter dunkellila Baumwollbluse, Jeans, flachen Schuhen und mit zum Pferdeschwanz gebundenem Haar, tritt nicht auf wie ein Popstar aus der Glitzerwelt des Musikbusiness, sondern als eine in sich gekehrte, sanfte, junge Frau, die sich ihrer Verantwortung, gegebenenfalls auch ihrer Schuld, durchaus bewusst ist und ihrem früheren Leben gründlich abgeschworen hat.

Das ist er also, der mit Spannung erwartete Prozessauftakt gegen die No-Angels-Sängerin. Seit diesem Montag steht die 28-Jährige vor dem Jugendschöffengericht Darmstadt. Sie ist der gefährlichen Körperverletzung in einem Fall und in vier weiteren Fällen der versuchten gefährlichen Körperverletzung angeklagt. Sie soll mit mehreren Männern geschlafen haben, in zwei Fällen als Jugendliche beziehungsweise Heranwachsende, ohne darauf hinzuweisen, dass sie mit HIV infiziert ist. Einen ihrer Sexualpartner, einen 34-jährigen Künstlerbetreuer aus Frankfurt am Main, der in dem Prozess als Nebenkläger auftritt, soll sie im Jahr 2004 mit dem HI-Virus angesteckt haben.

Warum verschwieg Benaissa ihre Krankheit - obwohl sie doch gewusst haben musste, dass sie die Männer durch ungeschützten Sex anstecken konnte? Diese Frage steht im Zentrum des Prozesses. Um sie zu klären, trägt Benaissas Verteidiger zunächst eine Erklärung in Benaissas Namen vor, in der die Anklagevorwürfe zwar zugegeben, aber auch mit einer Erklärung versehen werden, wie es dazu gekommen sei: ein Schnelldurchgang durch ein Leben mit einigen Höhe-, aber auch vielen Tiefpunkten.


Nadja Benaissa wuchs in Langen bei Frankfurt am Main zusammen mit einem Bruder bei ihren Eltern auf. "Mit 12, 13", sagt sie auf Fragen des Vorsitzenden Dennis Wacker, "geriet ich an falsche Freunde und auf die schiefe Bahn. Ich wurde drogensüchtig, trank Alkohol und konsumierte Marihuana. Mit 14 war ich cracksüchtig. In die Schule konnte ich nicht mehr zurück. Meine Eltern versuchten zwar, mich zu retten, aber es gelang nicht. Zwei Jahre lang lebte ich auf der Straße, bis ich mit 16 schwanger wurde. Da hörte ich sofort mit den Drogen auf." Sie sei damals, trotz aller Bedrängnis, glücklich gewesen, dass "dieser Alptraum ein Ende" hatte. Denn die Drogensucht sei "schlimmer als alles andere" gewesen.

Doch dann begann für die Jugendliche ein Leben, das sie fast zu zerreißen drohte: Anlässlich einer Vorsorgeuntersuchung im dritten Schwangerschaftsmonat erfuhr sie im Jahr 1999, mit HIV infiziert zu sein. "Meine ganze Sorge galt nun meinem ungeborenen Kind", berichtet sie. "Ärzte versicherten mir, die Ansteckungsgefahr sei äußerst gering, wenn ich diszipliniert lebte und meine Medikamente regelmäßig einnähme." Daher habe sie die Krankheit Freunden und Bekannten gegenüber verschwiegen. "Ich sah keinen Anlass, die Krankheit öffentlich zu machen, da ja ein Ausbruch nicht zu erwarten war." Eine Ärztin habe ihr zwar erklärt, sie habe allenfalls noch acht Jahre zu leben, aber andere Mediziner hätten sie beschwichtigt.

Obwohl Benaissa auf die Abendrealschule ging und dort Klassenbeste war, warf sie kurz vor dem Abschuss alles hin. Zusammen mit einer Freundin machte sie 2000 beim Casting für eine Band mit, neugierig zu erfahren, "wie Profis auf mich reagieren". Sie kam hervorragend an.

Schulabschluss? Nein. Berufsausbildung? Nein.

Doch der Erfolg blendete sie. Innerhalb weniger Tage mussten Entscheidungen getroffen werden: "Es war nichts mehr wie vorher", berichtet Benaissa. "Eine Rieseneuphorie, ein Hype!" Sie musste sich von ihrer Tochter trennen, die Band war häufig unterwegs. Dazu die Angst, dass jemand von ihrer Infektion erführe. Ganz wohl sei ihr dabei nicht gewesen. "Aber ich dachte, ich muss es durchziehen. Zeit zum Nachdenken blieb nicht. Es gab nur die Arbeit", rekapituliert sie vor Gericht.

"Haben Sie einen Schulabschluss?" fragt der Vorsitzende.

"Nein."

"Eine Berufsausbildung?"

"Nein."

"Also freischaffende Künstlerin?""

"Ja."

Sie sei bald wieder in schlechte Kreise geraten, sagt Benaissa, habe sich "runterziehen lassen von Alkohol und ausgelassenen Partys". An die HIV-Infektion habe sie kaum noch gedacht. Je mehr die öffentliche Aufmerksamkeit wuchs, desto stärker habe sie dieses unangenehme, mit Scham und Todesangst besetzte Thema in den Hintergrund gedrängt. Dazu die vielen Berater, die sich, als die No Angels Erfolg hatten, um die jungen Frauen scharten. Es ging um nichts anderes mehr als um Erfolg. "Ich hatte die Vorstellung: Ich kann die Infektion nicht öffentlich machen, ohne die Karriere der Band zu beschädigen", sagt Benaissa vor Gericht. Das Management habe es genauso gesehen, zumal in der Öffentlichkeit eine solche Infektion stets als gleichbedeutend mit dem Ausbruch von Aids verstanden werde.

"Ich suchte nach einer festen Beziehung", sagt Benaissa. "Ich suchte einen Mann, der auch meine Tochter akzeptiert und von ihr akzeptiert wird. Aber dann merkte ich, dass das fast unmöglich ist." Sie ging flüchtige Beziehungen ein, über Verhütung sei nicht gesprochen worden. "Meine Partner waren da sehr sorglos."

"Ich kann ganz gut verdrängen, wenn es ums Überleben geht"

Auch der Nebenkläger, den Benaissa infizierte, kümmerte sich ihrer Aussage zufolge nicht um die potentiellen Folgen ungeschützten Geschlechtsverkehrs. "Ich wurde nie gefragt, ob ich verhüte", sagt sie. Warum sie die Infektion verschwiegen habe, will der Richter wissen. "Ich weiß nicht", sagt sie, "ich hatte einfach eine tierische Angst." Sie habe es auf der Zunge gehabt, aber nicht herausgebracht.

Ende 2004 gab es in der Musikszene erste Gerüchte über Benaissas Infektion. Sie habe gehofft, der sieben Jahre ältere Künstlerbetreuer bekomme davon Wind. Doch dem war offenbar nicht so. Vor Gericht gesteht Benaissa nun unumwunden: "Ich habe Fehler gemacht. Ich hatte eine Verantwortung. Ich habe das Risiko verdrängt. Ich habe nicht gewollt, dass sich jemand bei mir ansteckt. Ich hätte mit dem Thema verantwortungsvoller umgehen müssen." Es tue ihr unendlich leid, dass sich der Mann bei ihr angesteckt habe.

Doch sollten sich die Vorwürfe, die Benaissa sich nun macht, nicht auch ihre damaligen Partner machen? Hätten nicht auch sie sich verantwortungsvoller verhalten müssen? Der Slogan "Gib Aids keine Chance" taucht seit vielen Jahren auf Plakatwänden, in Gesundheitsbroschüren und Fernsehspots auf. Auf Unwissenheit kann sich mittlerweile niemand mehr berufen. Wer keine Lust auf ein Kondom hat - handelt der nicht auf eigenes Risiko?

"Sie haben doch gewusst, dass ein, zwei Kontakte reichen, um jemanden anzustecken", hält der Vorsitzende der Angeklagten vor. Sie nickt. "Es ist damals so viel Schlimmes passiert, dass ich einen Vorhang davor zog", sagt sie. "Ich wollte nicht mehr daran denken. Ich kann ganz gut verdrängen, wenn es ums Überleben geht. Jetzt aber weiß ich, dass man Dinge verarbeiten muss."

"Ich? Ich soll mit der da Kontakt aufnehmen?"

Und was sagt das mutmaßliche Opfer? Der Künstlerbetreuer schildert als Zeuge und Nebenkläger vor Gericht, wie schlecht es ihm seit 2007 gehe und wie elend er sich fühle, seit er weiß, dass Nadja Benaissa ihn angesteckt habe.

Ob er mal mit ihr Kontakt aufgenommen habe, fragt der Vorsitzende. "Ich? Ich soll mit der da Kontakt aufnehmen?" Er streift sie mit Blicken. "Bin ich etwa in der Bringschuld?" Benaissas Tante habe ihn damals über die Infektion ihrer Nichte aufgeklärt. "Wenn die mir das nicht gesagt hätte - ich wäre dumm gestorben!", empört sich der Mann. "Ich hätte ja Tausende Frauen anstecken können!" Er sei mit ehemaligen Sexpartnerinnen zum Arzt gegangen, damit diese sich testen lassen. "Wissen Sie, wie unangenehm das ist?", fragt er den Vorsitzenden, woraufhin Verteidiger Wallasch Benaissas Geständnis erwähnt.

"Alles andere wäre ja auch lächerlich", antwortet der Künstlerbetreuer abfällig. Er sei in seiner "kompletten Lebensqualität eingeschränkt", zudem seien seine Einnahmen um die Hälfte zurückgegangen. "Ich brauche nur eine Infektion zu bekommen - und das war's dann."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 421 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
05.09.2010 von rafkuß: Rache an die ungerechte Welt....

Sie sollten schon wissen, dass sich "Engelchen" sehr wahrscheinlich durch ihre Drogensucht infiziert hat. Ergo: Das war dann eher Rache an ihrer eigenen Unbedarftheit, an einer ungerechten Welt also. Aber ob sie [...] mehr...

05.09.2010 von Fleckensalz: wie bitte ?

soso...dumm und verantwortungslos ist doch vor allem derjenige,der HIV-positiv ist und es seinem Partner nicht sagt..dann ist jeder test überflüssig..oder haben sie einfach den inhalt des leitartikels vergessen ? mehr...

29.08.2010 von Fleckensalz: fahrlässig und einfältig

lieber dale_gribble, zuerst dachte ich, ich lese nicht richtig... diese krankheit IST extrem gefährlich und kann immernoch nicht tatsächlich geheilt werden. was der medikamentenmix, den ein infizierter zu sich nehmen muß, [...] mehr...

26.08.2010 von nichtWeich: Bewährung?

Für Körperverletzung mit Todesfolge! Also bei allem Respekt.....aber das geht garnicht. Und die Verbände, die hier einen Freispruch fordern leben gänzlich ausserhalb jeglichen Verantwortungsbewusstseins. Diese Dame hat [...] mehr...

20.08.2010 von DanielaMund: Ich will aber gar keinen Titel angeben! Wirklich nicht!

Die Männer sind zwar selbst schuld, wenn sie ohne Kondom mit ihr schlafen - sie könnte ja auch mit HIV infiziert sein, ohne es zu wissen. Aber: Sie *hat* gewusst, dass sie mit HIV infiziert ist, sie hatte die Pflicht, auf Sex [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles aus der Rubrik Justiz
alles zum Thema Nadja Benaissa

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP