Von Annette Langer
Hamburg - Sie nannten ihn "den Kommandeur", "den Ozelot" oder schlicht "Barbie": 14 Monate lang fahndete die mexikanische Bundespolizei nach Édgar Valdez Villarreal, einem der ganz Großen im Big Business des Drogenhandels. Am Dienstag ging der Gangster den Ermittlern im zentralmexikanischen Lerma ins Netz.
Informationen der US-Geheimdienste und Aussagen von Ex-Komplizen hätten die Polizei auf die Spur von Valdez gebracht, sagte ein Sprecher der Bundespolizei am Dienstag. Demnach hatte "Barbie" sein Haus in Acapulco nach zehn Jahren verlassen und sich in eine Wohnsiedlung nahe Mexiko City zurückgezogen, so Kommissar Facundo Rosas. Hier wurde er zusammen mit vier Komplizen erwischt.
Ohne Gegenwehr ließ sich der 37-Jährige festnehmen. Ein wenig zerknirscht, aber mit gewohnt unschuldig dreinblickender Miene präsentierte sich Valdez in einem tannengrünen Polo-Shirt mit der Aufschrift "London" den Fernsehkameras - ein gutmütiger Boxtrainer mit raspelkurzem Haar, so der erste Eindruck.
Sein blondes Haar verhalf dem korpulenten Banditen einst zu seinem Spitznamen "Barbie". Und wie die gleichnamige Plastikpuppe war auch er auf dem besten Wege, zum Mythos zu werden - geliebt und gehasst, aber vor allem gefürchtet.
Rund eine Tonne Kokain soll Valdez den Ermittlungbehörden zufolge pro Monat durch Mexiko geschleust haben. Sein Revier umfasste den Großraum Mexico City, Acapulco und Cuernavaca im Bundesstaat Morelos. Hier unterhielt der Mafioso ein gut funktionierendes Netzwerk, das von korrupten Beamten protegiert wurde.
Dem nationalen Sicherheitsrat zufolge unterhielt "Barbie" exzellente Verbindungen zu kriminellen Banden in Süd- und Mittelamerika, soll unter anderem den Kokainschmuggel über den internationalen Flughafen der Hauptstadt koordiniert haben. Laut mexikanischen Medienberichten wird Valdez zudem verdächtigt, den Anschlag auf Paraguays Fußballstar Salvador Cabañas organisiert zu haben. Der Stürmer war im Januar in einer Bar in Mexiko-Stadt in den Kopf geschossen worden.
"Der kaltblütigste Killer von allen"
Wenn es ans Morden ging, daran, Rechnungen mit Feinden zu begleichen, dann soll der Blondschopf laut Aussagen von Wegbegleitern der kaltblütigste Killer gewesen sein. Seine Stellung im Narko-Geschäft war exponiert, sein Tätigkeitsbereich umfangreich: "Barbie" war nicht nur Revolverheld, Auftragsmörder und Weggefährte der berüchtigten Gebrüder Beltrán Leyva. Er wollte die Kartellbosse auch beerben.
Im Dezember wurde Arturo Beltrán von Soldaten getötet, kurz darauf entbrannte innerhalb der Organisation ein blutiger Kampf um die Nachfolge. Valdez setzte sich an die Spitze einer Splittergruppe, die sich "Vom Südpazifik" nannte. Mit Héctor Beltrán, dem Bruder seines Ex-Chefs, lieferte er sich nun Auseinandersetzungen, die an Brutalität kaum zu überbieten waren. In Cuernavaca und Guerrero wurden Dutzende Menschen geköpft, erhängt oder erschossen. Viele Leichen wiesen Folterspuren auf und wurden zur Abschreckung an öffentlichen Orten für jederman sichtbar deponiert. Ende 2009 soll Valdez laut Angaben des Sicherheitsministeriums die Kontrolle über das Kartell am Pazifik übernommen haben.
Die mexikanischen Behörden schreiben "Barbie" Dutzende Morde an mutmaßlichen Rivalen und deren Helfern zu. "Ich glaube, er hat selbst keine Ahnung, wie viele Menschen er getötet hat", sagte ein anonymer Informant dem US-Fernsehsender ABC im Mai dieses Jahres.
Wer sich einen Überblick darüber verschaffen will, wie Valdez die vergangenen Jahre verbrachte, kann sich bei YouTube den "Corrido de la Barbie" anhören - eine jener berühmten Narko-Balladen, die das Leben der mexikanischen Mafiosi zum Mythos verklären.
Zu fröhlich-folkloristischen Akkordeonklängen werden Fotos gezeigt - vom "Ozelot" selbst, der weintrinkend das Leben genießt, und von Jesús Malverde, dem Schutzpatron der Drogenhändler. Bilder von riesigen Blutlachen, Leichen und abgeschlagenen Köpfen. Von konfiszierten Drogen, vergoldeten Maschinenpistolen und glutäugigen Totenköpfen. Es ist dieser Kult ums organisierte Verbrechen, eine ganze Narko-Kultur, die den Kartellen immer neue Adepten und Legionäre zuführt, junge Menschen ohne berufliche Zukunft, die es attraktiv und cool finden, Teil einer Bande zu sein.
Vom Footballstar zum Drogenbaron
Valdez' Leben hätte eine klassische US-amerikanische Erfolgsgeschichten werden können: Im texanischen Laredo wurde er am 11. August 1973 als Spross einer Mittelstandsfamilie geboren. In der Schule avancierte der korpulente Blonde schnell zum Footballstar. Doch bereits als 19-Jähriger wurde er zum ersten Mal mit Marihuana erwischt. Valdez ging nach Mexiko und kam dort schnell mit verschiedenen Drogenbossen in Kontakt. Er soll ein enger Vertrauter des flüchtigen Super-Bosses Joaquin "El Chapo" Guzman vom Sinaloa-Kartell gewesen sein, zeitweilig sogar verantwortlich für dessen Sicherheit. Später avancierte Valdez zum Chef der Auftragskiller des mächtigen Drogenkartells der Gebrüder Beltrán Leyva. Er galt bald als einer der 25 meistgesuchten Kriminellen des Landes.
Im Mai hatte das US-Bezirksgericht in Atlanta Anklage erhoben, weil er in den Jahren 2004 bis 2006 tonnenweise Kokain aus Mexiko in die USA geschmuggelt haben soll. Die Behörden setzten eine Belohnung von zwei Millionen Dollar für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Bosses führen. Die mexikanische Regierung versprach eine ähnlich hohe Summe. Bisher ist nicht klar, ob Valdez an die Vereinigten Staaten ausgeliefert werden soll.
Die Festnahme - Fahndungserfolg, Etappensieg oder PR-Coup?
Regierungssprecher Alejandro Poire sprach angesichts der Festnahme von einem "äußerst bedeutenden Schlag gegen das organisierte Verbrechen". Präsident Felipe Calderón selbst verkündete den Fahndungserfolg über Twitter und nannte Valdez "einen der meistgesuchten Verbrecher in Mexiko und im Ausland".
Calderón steht angesichts der desolaten Sicherheitslage im Land und seinem bisher wenig effektiven Kampf gegen die übermächtigen Drogenkartelle unter Zugzwang. Während seine Unterstützer nach der Festnahme "Barbies" von einem bedeutenden Erfolg sprechen, sehen andere allenfalls einen Etappensieg:
"Dies ist sicherlich eine wichtige Verhaftung, die kurzfristig Druck von Calderón nehmen wird", sagte ein Sicherheitsexperte der Nachrichtenagentur Reuters zufolge. "Bis Barbies Killer eingesperrt sind und seine Bande zerschlagen ist, ist es jedoch nur ein Teilerfolg", so der Spezialist. Dabei aber könnte der "Ozelot" hilfreich sein - so er denn gedenkt zu reden. "Barbie ist für die Ermittler eine sehr wichtige Informationsquelle in Sachen 'El Chapo'", sagte Raul Benitez, Professor an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko, am Dienstag. Erst im Juli hatten mexikanische Soldaten einen weiteren Drogenbaron, Ignacio "Nacho" Coronel vom Sinaloa-Kartell, getötet.
Zwar werden immer wieder Kriminelle festgenommen oder bei Auseinandersetzungen erschossen, seit Calderón bei seinem Amtsantritt im Dezember 2006 der Drogenkriminalität den Kampf ansagte. Und mit Sicherheit kann die Festnahme von "Barbie" als PR-Coup für die Regierung gewertet werden. Dennoch regiert sowohl unter den Sicherheitskräften als auch in Politik und Justiz weiter die Bestechlichkeit.
Laut "Transparency International" lag Mexiko im vergangenen Jahr auf Rang 89 von 140 auf dem weltweiten Korruptionsindex - zusammen mit Ländern wie Ruanda oder Malawi. Allein im Jahr 2007 zahlten mexikanische Bürger demnach umgerechnet knapp 1,6 Milliarden Euro Schmiergelder - jeder Haushalt berappt damit rund acht Prozent seines Einkommens für die "Mordidas", die Bestechungsgelder. Mittelständische Unternehmen zahlen laut einer Studie der Firma CEI Consulting & Research aus dem Jahr 2005 insgesamt etwa 22 Milliarden Euro jährlich an Staatsbeamte. Der volkswirtschaftliche Schaden wird auf 43 Milliarden Dollar jährlich geschätzt.
Angesichts der andauernden Gewalt, den riesigen Mengen an Drogen, die täglich über die Grenze gelangen, und den notorischen Grenzverletzungen setzen die USA nicht nur auf eine engere Kooperation mit der mexikanischen Regierung, sondern auch auf Technik: Ab Mittwoch soll die gesamte gemeinsame Grenze mit unbemannten Drohnen des Typs Predator überwacht werden, teilte US-Heimatschutzministerin Janet Napolitano am Montag mit - und läutete damit die Hochzeit für Tunnelgräber ein.
Mit Material der Agenturen
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Wir haben es ganz offensichtlich mit dem Bericht eines Promi-Reporters zu tun. Der ist auch nichts anderes als ein Star-Klempner, ein Society-Versicherungsvertreter, eine Eventputze. Irre! Ich habe diesen Bericht bei der [...] mehr...
Ha. So ist das halt, wenn man sich nicht auskennt. Cannabis = Droge = Schlecht. Alkohol = Lebensmittel = gesellschaftlich aktzeptiert = nicht so schlimm. Bei Narko`s sind MDMA und Kokain am beliebtesten, weil Sie einen [...] mehr...
Die "moust wanted" Liste werden einmal erstellt und kaum aktualisiert. Édgar Valdez ist nur ein kleiner Teilerfolg und spielt im großen Spiel um Drogen und Waffen eine relativ bescheidene Rolle. Erst der Stellvertreter [...] mehr...
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