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07.09.2010
 

Russland

Polizisten sollen 17-Jährigen fast kastriert haben

Von Annette Langer

In Nischni Nowgorod sollen Milizionäre einen Minderjährigen mit Tritten in den Unterleib so schwer verletzt haben, dass er notoperiert werden musste. Eine Menschenrechtsorganisation brachte den Fall an die Öffentlichkeit - ob er je vor Gericht kommt, darf bezweifelt werden.

Nischni Nowgorod - Es sollte einfach ein lustiger Abend werden: Mit mehreren Freunden zog Nikita K. in seiner Heimatstadt Kstowo am 31. August um die Häuser. Die Ferien waren vorbei, ein letztes Mal wollten die Jungs gemeinsam feiern. Leicht angetrunken und bester Laune machte sich der 17-Jährige mit seinem Schulfreund Roman gegen 23 Uhr auf den Nachhauseweg. Kurz vor der eigenen Wohnungstür, an der Polizeidienststelle Nummer 2, wurden die Jugendlichen von Milizionären angehalten.

Eine Routinekontrolle, könnte man meinen. Allerdings eine, die im Desaster endete. Als Nikita viele Stunden später von einer Polizistin zu Hause abgeliefert wurde, konnte er sich kaum auf den Beinen halten. Sein Körper war übersät mit Hämatomen, am Hals hatte er Würgespuren, seine Geschlechtsorgane waren von zahlreichen Tritten in die Leiste fast zerstört. So berichtete es die Mutter, die ihren Sohn nach dem Übergriff ins Krankenhaus brachte, der Menschenrechtsorganisation "Komitee gegen Folter" in Nischni-Nowgorod.

Gegen fünf Uhr morgens habe eine Beamtin Nikita bei ihr abgegeben und sie aufgefordert, schriftlich zu bestätigen, dass sie ihren Sohn zu Hause schwer verletzt angetroffen habe, der Polizei mithin kein Vorwurf zu machen sei. "Als ich sah, in welchem Zustand er war, habe ich gar nichts unterzeichnet", sagte Natalja Frolowa am Dienstag dem Internetportal gazeta.ru. Die Mutter brachte Nikita ins Krankenhaus, wo er am 1. September notoperiert wurde. Bis heute ist nicht bekannt, welche Spätfolgen die Verletzungen haben werden.

"Er liegt weiter im Krankenhaus und steht unter ärztlicher Beobachtung", berichtete am Dienstag ein Sprecher vom "Komitee gegen Folter", das den Fall publik gemacht hatte. Bei Komplikationen müsse Nikita ein zweites Mal operiert werden, sagte Witali Kuleschow SPIEGEL ONLINE. Es sei nicht sicher, ob die Funktion der Geschlechtsorgane erhalten werden könne.

Allein in der Hand der Ordnungshüter

Laut Aussagen der beiden Jungen soll am Tatabend zunächst ein Milizionär grundlos und unerwartet auf Nikitas Freund Roman W. eingeschlagen haben. "Die beiden hatten eine Heidenangst und sind einfach weggerannt", erklärte Kuleschow. Die insgesamt fünf oder sechs Beamten hätten aber die Verfolgung aufgenommen und die beiden dann in ein Zimmer auf der Wache gesperrt. Dort habe es weitere Hiebe gesetzt. Die Beamten hätten die beiden Minderjährigen mit gespreizten Beinen an die Wand gestellt und sich über sie lustig gemacht. Besonders Nikita sei mit Tritten und Schlägen in die Leistengegend malträtiert worden, hieß es. Einer der Beamten im Range eines Leutnants soll sogar versucht haben, den Jungen zu erwürgen.

Die Miliz äußerte sich bisher nicht zu den Vorwürfen, sondern beschränkte sich darauf, zu betonen, dass man eine Untersuchung eingeleitet habe.

Der Ruf der Ordnungskräfte in Nischni Nowgorod ist denkbar schlecht. Erst im März 2009 hatte sich Stanislaw L. an das "Komitee gegen Folter" gewandt, nachdem er von Polizisten so brutal auf die linke Niere geschlagen worden war, dass diese von Chirurgen entfernt werden musste.

Am heutigen Dienstag erging das Urteil gegen die beiden tatverdächtigen Milizionäre: Wegen Amtsmissbrauchs und Körperverletzung wurden sie zu jeweils drei und fünf Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Sie dürfen außerdem nicht mehr bei der Polizei arbeiten. Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" berichtete zudem von einem Fall, in dem ein von Polizisten verprügelter und gequälter Mann in Panik aus dem Fenster einer Wache in Nischni Nowgorod sprang und sich dabei die Wirbelsäule brach.

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