11. Oktober 2006, 16:26 Uhr

Bremer Behördenskandal

Kevin wurde schwer misshandelt

Neue Details im Bremer Behördenskandal: Der Zweijährige, dessen Leiche im Kühlschrank seines Vaters entdeckt wurde, wurde misshandelt. Zweimal wurde das Kind mit Knochenbrüchen ins Kinderheim gebracht. Dennoch gab das Jugendamt Kevin an seinen drogensüchtigen Vater zurück - gegen den Rat der Heimleitung.

Bremen - Der Tod des kleinen Kevin aus Bremen weitet sich zu einem Behördenskandal aus: Mit schweren Misshandlungen wurde das Kind zweimal vor seinem Tod in ein Kinderheim gebracht, teilte Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen mit.

Böhrnsen, selbst Kuratoriumsmitglied des Hermann-Hildebrand-Kinderheimes, sagte, er habe schon zu Jahresbeginn die inzwischen zurückgetretene Sozialsenatorin Karin Röpke auf den Fall hingewiesen.

Vor Kevins Haus mahnen Schilder: "Warum?" und "Schon wieder"
DPA

Vor Kevins Haus mahnen Schilder: "Warum?" und "Schon wieder"

Er sei selbst vom Leiter des Kinderheims zunächst anonymisiert über zwei Fälle informiert worden und habe auf Hilfe gedrängt, sagte Böhrnsen. "Bei Kevin müssen wir davon ausgehen, dass er für die Eltern eine Last war. Und sie haben ihn offenbar misshandelt."

Sozialsenatorin Röpke habe ihm versichert, alles in die Wege geleitet zu haben. "Doch das dringend und zwingend Nötige ist nicht geschehen, dass wissen wir heute." Er werde das gesamte Hilfssystem für Kinder auf den Prüfstand stellen. "Wir haben die moralische und menschliche Verpflichtung bis ins Detail aufzuklären, woran es in diesem Fall gelegen hat."

Laut Böhrnsen kam Kevin das erste Mal im Alter von acht Monaten in das Kinderheim. Trotz gebrochener Knochen wurde der Junge zu den drogensüchtigen Eltern zurückgeschickt. Im November 2005 starb Kevins Mutter unter ungeklärten Umständen. Die Heimleitung habe damals erklärt, eine Rückkehr zum vorbestraften Vater sei nicht zu verantworten. Nach Angaben eines Sprechers der Staatsanwaltschaft läuft gegen den Mann auch ein Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit dem Tod der Mutter.

Der betreuende Sozialarbeiter habe sich allerdings für die Rückkehr des Jungen ausgesprochen, wenn begleitende Hilfen für den Vater eingeleitet würden. Er habe diese Entscheidung in Rücksprache mit den behandelnden Ärzten getroffen, die eine positive Prognose abgegeben hatten. Zudem habe der Vater den starken Wunsch geäußert, den Sohn zurückzubekommen. Daher sei entschieden worden, dass der Junge bei seinem Vater bleiben dürfe.

Erste Obduktionsergebnisse: Blutergüsse, Knochenbrüche

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wies die Leiche des Kindes schwere Verletzungen auf. Die Knochen im linken Oberschenkel, rechten Schienbein und linken Unterarm waren gebrochen, teilte ein Sprecher der Anklagebehörde mit. Außerdem habe der Junge einen Bluterguss am Kopf und weitere äußere Verletzungen gehabt. Der Todeszeitpunkt sei weiter unklar.

Die Leiche des Jungen war gestern gefunden worden, als die Polizei im Auftrag des Jugendamtes das Kind aus der Wohnung des Vaters holen wollte. Es sollte in eine Pflegefamilie gebracht werden. Kevins Leiche wurde im Kühlschrank entdeckt.

Die Entscheidung, das Kind aus der Wohnung des Vaters zu holen, fiel nach Angaben des Jugendamt-Leiters Jürgen Hartwig bereits am 18. September. Das Familiengericht entschied am 2. Oktober, dem Mann die Obhut für den Jungen zu entziehen. Noch ist unklar, ob das Kind zu diesem Zeitpunkt noch gelebt hat. Zuletzt wurde Kevin lebend im Juli gesehen.

Gegen den Vater wurde Haftbefehl erlassen. Ihm werden nach Angaben der Staatsanwaltschaft Totschlag und Misshandlung von Schutzbefohlenen vorgeworfen. Auch gegen die Sozialbehörde der Hansestadt läuft ein Verfahren: Es werde wegen Verletzung der Fürsorgepflicht gegen unbekannte Mitarbeiter des Amtes für soziale Dienste ermittelt, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

jjc/AP/ddp/dpa


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