Bremen - Der Fall des toten Kevin hat für das Bremer Jugendamt und das Amt für Soziale Dienste Konsequenzen: Den Behördenmitarbeitern drohen Geldstrafen oder sogar Haftstrafen bis zu drei Jahren. Ein Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft schloss nicht aus, dass sich im Zuge der Ermittlungen auch weitere Verdachtsmomente ergeben könnten. "Jetzt darüber zu spekulieren ist verfrüht. Erst einmal werden wir in Ruhe ermitteln."
Die Ermittlungen der Staatanwaltschaft richten sich konkret gegen einen sogenannten Case-Manager, der für die Sozialbehörde den Fall Kevin betreute. Ebenso wird gegen den amtlichen Vormund von Kevin ermittelt. "Wir recherchieren, ob Mitabeiter der Behörde ihrer Fürsorgepflicht in dem Fall nachgekommen sind, oder ob es Versäumnisse gab", sagte der Sprecher SPIEGEL ONLINE. Im Zuge der Nachforschungen seien bereits die Akte über das Kleinkind beim Jugendamt und die Gerichtsakte beim Familiengericht Bremen sichergestellt worden. Beide würden nun ausgewertet, um mögliches Versagen auch juristisch nachzuweisen.
Laut Staatsanwaltschaft ist das Jugendamt Bremen doch über zumindest ein Ermittlungsverfahren gegen den Vater von Kevin informiert gewesen. Im Dezember 2005 sei der drogenabhängige Vater zusammen mit Kevin auf dem Bahnhof Hannover aufgegriffen worden. Kevins Vater war mit einer Schreckschusspistole herumgelaufen. "Es bedarf nicht allzu viel Phantasie, sich vorzustellen, in welcher Situation der Vater sich befunden hat", so der Sprecher der Staatsanwaltschaft auf die Frage, ob der Vater unter Drogeneinfluss stand.
Gegen den Vater wurde damals ein Ermittlungsverfahren einleitet, das im Januar 2006 "in Hinblick auf ein anderes Verfahren" eingestellt wurde. Welches dies war, konnte der Sprecher nicht sagen. In der Ermittlungsakte der Polizei befinde sich ein Vermerk, dass über das Jugendamt Hannover das Jugendamt Bremen über den Vorfall informiert worden sei. Das Jugendamt Bremen hatte bislang immer betont, dass es über Vorstrafen und Ermittlungsverfahren gegen den Vater nicht informiert war. Der Mann ist bereits wegen schweren Raubes und Diebstahls mit einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Zudem läuft gegen ihn immer noch ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge an Kevins Mutter.
"Wo sind die Kinder abgeblieben?"
Der Leiter des Bremer Jugendamtes, Jürgen Hartwig, hat bereits gegen sich selbst ein disziplinarisches Verfahren innerhalb der Behörde eingeleitet. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt zeigte sich Hartwig schwer betroffen von den Vorgängen in seinem Amt und dem Tod Kevins, mehrmals war er den Tränen nahe. Aus der Politik aber kommen schwere Vorwürfe gegen den ehemaligen Beamten in der Finanzverwaltung, der dort immer wieder die Kürzung von Mitteln für die Heimunterbringung von Kindern durchsetzte. Nachdem er ins Jugendamt wechselte, soll er nach Angaben der Bremer Grünen einen "unerhörten Spardruck" ausgeübt haben, um die Verlegung von Kindern aus Problemfamilien in Heime zu verhindern.
Infolge der Maßnahmen verringerte sich dann auch die Zahl der untergebrachten Kinder, deren Betreuung in Heimen mit etwa 240 Euro pro Tag zu Buche schlägt. Der Leiter des Heims, in dem auch Kevin immer wieder eingeliefert worden war, erhob deshalb schwere Vorwürfe. "Wo sind die Kinder abgeblieben, war plötzlich in den Familien alles wieder in Ordnung", fragt er provokant, "oder sind sie wider besseren Wissens einfach wieder bei ihren Eltern abgeliefert worden?" Allein in seiner Einrichtung sei die Zahl von Kindern von etwa hundert Fällen im Jahr 2005 plötzlich auf 44 zurückgegangen.
Zusätzlich zur Staatsanwaltschaft nahm die Bremer Verwaltung interne, disziplinarrechtliche Ermittlungen auf. Nach dem Fund von Kevins Leiche im Kühlschrank der Wohnung seines Vaters waren Fehler der zuständigen Behörden in der Hansestadt bekannt geworden. So wurde der Junge trotz Warnungen in die Obhut seines drogensüchtigen Vaters zurückgegeben.
Über Todeszeitpunkt und die Ursache gibt es immer noch keine abschließende Klärung. Gegenüber den Beamten stammelte der Vater, es habe einen Unfall gegeben. Nach einer ersten Begutachtung gehen die Experten davon aus, dass Kevin nicht erst einige Tage tot war. So weise die Leiche schon Verwesungserscheinungen auf, obwohl sie im Kühlschrank aufbewahrt worden sei. Ob die äußerlichen Verletzungen, mehrere Knochenbrüche und Blutergüsse am Schädel, den Tod verursachten oder das Kind verhungert ist, sollen nun aufwendige pathologische Tests klären. Dies, so die Ermittler, werde aber noch mehrere Tage in Anspruch nehmen.
Politiker fordern besseren Schutz für Kinder
Politik und Verbände haben nach Kevins tragischem Tod eine Verbesserung des Kinderschutzes gefordert und Maßnahmen angekündigt. So soll das von der Bundesregierung geplante Frühwarnsystem zur Unterstützung vernachlässigter und misshandelter Kinder noch in diesem Jahr starten. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) kündigte an, dass die Anfang des Jahres eingesetzte Arbeitsgruppe Kindeswohl bald Vorschläge vorlegen werde. "Wir haben das Problem seit einiger Zeit erkannt", sagte Zypries am Rande der Bundesratssitzung am Freitag in Berlin. Die Arbeitsgruppe mit Ländern und Kommunen überlege, wie die Zusammenarbeit verbessert werden könne.
Wie Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen sagte, soll das Frühwarnsystem zunächst in Norddeutschland greifen. "Wir werden im November so weit sein, dass wir in Norddeutschland in den ersten fünf Städten ein solches Netz aufbauen können", kündigte die Ministerin an. Anfang nächsten Jahres sollen dann Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Thüringen folgen. Das System solle die Abstimmung zwischen den Institutionen verbessern. Von der Leyen hatte zuvor angekündigt, zehn Millionen Euro dafür bereitzustellen.
Eine Verschärfung bestehender Gesetze hält der Deutsche Kinderschutzbund nicht für nötig. "Die bestehenden Gesetze ermöglichen es jeden Fall millimetergenau abzuarbeiten", sagte Vizepräsident Hubertus Lauer der "Berliner Zeitung". "Sie müssen nur umgesetzt werden."
Das Deutsche Jugendinstitut kritisierte, dass die Allgemeinen Sozialen Dienste (ASD), die solche Fälle betreuen, über zu wenig Personal verfügen. "Es sind zu wenig Leute, und sie sind für zu große Gebiete zuständig", sagte Referent Herbert Blüml. Zudem würden wegen der geringen Bezahlung oft Berufsanfänger eingesetzt. "Eigentlich müssten da die erfahrensten Kräfte sitzen", forderte Blüml in der "Berliner Zeitung".
Bernd K. kommt noch immer kein Wort zum Tod seines Sohnes Kevin über die Lippen. "Zu den Vorwürfen hat er sich bislang nicht geäußert", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. "Bild" berichtet unterdessen, der 41-Jährige habe im Juli 2005 bei der Polizei angerufen und gesagt: "Meine Freundin misshandelt unser Kind." Nach einem Hausbesuch hätten die Mitarbeiter des Bremer Jugendamtes attestiert, Kevin sei gut versorgt.
mgb/jjc/dpa/ddp
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