Kriminalstatistik 153 Kinder starben durch Gewalt und Vernachlässigung

Tausende Misshandlungen, sexueller Missbrauch, Tod durch Vernachlässigung und brutale Übergriffe: Gewalt gegen Kinder ist in Deutschland noch immer trauriger Alltag. Experten fordern besser ausgestattete Jugendämter - doch auch Nachbarn, Lehrer und Ärzte sind in der Pflicht.

Alltag in Deutschland: Gewalt gegen Kinder
Corbis

Alltag in Deutschland: Gewalt gegen Kinder


Berlin - Das Bundeskriminalamt (BKA) hat die polizeiliche Kriminalstatistik im Hinblick auf Straftaten gegen Minderjährige ausgewertet und in Berlin seine Ergebnisse präsentiert. Demnach starben im vergangenen Jahr 153 Kinder in Deutschland durch Gewalt und Vernachlässigung. Mehr als drei Viertel von ihnen waren jünger als sechs Jahre, 84 von ihnen höchstens zwei Jahre alt.

Insgesamt wurden 4016 Kindesmisshandlungen polizeilich registriert - die Dunkelziffer ist aber bekanntermaßen groß. Noch immer droht Schutzbefohlenen die größte Gefahr aus dem direkten Umfeld: Bei der Hälfte der Todesfälle bestand zwischen Täter und Opfer ein Erziehungs- und Betreuungsverhältnis. "Diese Kinder wurden also in ihrem sozialen Nahraum getötet durch Personen, deren Aufgabe es gewesen wäre, für das Wohlbefinden und die Sicherheit dieser Kinder Sorge zu tragen", sagte BKA-Präsident Jörg Ziercke.

"Wer wegsieht, macht sich mitschuldig"

13.647 Minderjährige wurden Opfer sexuellen Missbrauchs - offiziell ein Prozent weniger als 2012. "Gewalt gegen Kinder ist in Deutschland noch immer trauriger Alltag", sagte der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker. Ziercke betonte: "Jeder einzelne Fall von Gewalt an Kindern ist eine Tragödie."

Deshalb riefen beide die Bevölkerung zu erhöhter Aufmerksamkeit auf. "Wer wegsieht, macht sich mitschuldig an dem Leid der Kinder", warnte der BKA-Chef. Becker warb für eine Kultur des Hinsehens und Tätigwerdens: "Jedes Zögern und jedes Wegsehen kann ein weiteres kindliches Opfer bedeuten."

Michael Tsokos, Rechtsmediziner von der Berliner Charité, forderte darüber hinaus eine bessere Schulung von Ärzten, Lehrern und Betreuern: "Das ist keine Kernphysik, eine Misshandlung zu erkennen."

Die Koblenzer Pädagogik-Professorin Kathinka Beckmann hält eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung der überlasteten Jugendämter für notwendig. Derzeit müsse ein einziger Sacharbeiter mitunter 160 Problemfälle bearbeiten.

Auch Becker forderte eine "Generalüberholung" des derzeitigen Systems: "Der Staat muss endlich aufhören, viel Geld gießkannenhaft in ein löchriges Kinder- und Jugendschutzsystem zu investieren, um nur notdürftig die gröbsten Löcher zu stopfen." Notwendig sei stattdessen ein engmaschiges Beratungssystem, das bereits in der frühesten Kindheit ansetzt.

87 Kinder starben, weil Eltern oder Angehörige ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt hatten - etwa, indem sie das Kind verdursten ließen. 61 Kinder wurden vorsätzlich getötet, fünf starben laut Statistik an den Folgen einer schweren Körperverletzung.

Der Besitz und die Verbreitung kinderpornografischen Materials nahmen wie bereits bekannt um mehr als 16 Prozent auf fast 7000 Fälle zu. Ziercke betonte, das Dunkelfeld dieser Taten sei deutlich höher. Insbesondere appellierte er an das Anzeigeverhalten der Bürger, vor allem von Nachbarn. Aber auch Lehrer, Erzieher und Kinderärzte müssten genauer hinsehen.

Dennoch lässt die Gesamtentwicklung hoffen: Die Zahl der getöteten Kinder sank im Vergleich zu 2004 um 34 Prozent. Der Kriminologe Christian Pfeiffer erklärt dies unter anderem mit einem massiven Wandel in der elterlichen Erziehung: "Die Zuwendung ist gestiegen und die Tendenz zum Schlagen deutlich gesunken."

ala/dpa

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