Mädchenmord in Emden Geständiger 18-Jähriger war als aggressiv bekannt

Emden atmet auf: Der mutmaßliche Mörder eines elfjährigen Mädchens hat die Tat gestanden, die Beweise sind erdrückend. Nun geht die Polizei weiteren Spuren nach - der 18-Jährige wurde mehrfach handgreiflich, war in Randale verstrickt und steht im Verdacht, noch ein Sexualdelikt begangen zu haben.

Kerzen und Blumen am Tatort: Der Mord an einer Elfjährigen ist aufgeklärt
dapd

Kerzen und Blumen am Tatort: Der Mord an einer Elfjährigen ist aufgeklärt

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Hamburg - Das Foto des mutmaßlichen Mörders wird am Montag in vielen Zeitungen zu sehen sein. Er steht vor einer Bushaltestelle im Sonnenlicht. Er trägt einen Kapuzenpullover, darunter ein schwarzes T-Shirt mit einem weißen Totenkopf. Ein drahtiger, geradegewachsener Teenager, die Augen sanft, die Haut milchig. Das Gesicht freundlich.

Am Samstagvormittag haben Ermittler den 18-Jährigen in seiner Emder Wohnung festgenommen und zu einem Teilgeständnis bewegt. Er gab zu, der Mörder der Elfjährigen zu sein, die am 24. März in einem Parkhaus tot aufgefunden wurde. Er sagt, er habe das Mädchen an diesem Tag im City-Parkhaus am Wasserturm in Emden getötet. So erzählt es Werner Brandt, der Leiter der Mordkommission, ein älterer Herr mit einem dicken, schwarzen Schnauzer.

Das Geständnis beendet die Irrungen und Wirrungen einer langen Woche; beendet die Zweifel an den Fähigkeiten der Ermittler, die zunächst einen Berufsschüler verhafteten und einsperrten, bis sie merkten, dass er unschuldig ist; es beendet hoffentlich auch die Hetzjagd, die ein wütender Lynchmob auf ebendiesen unschuldig Verdächtigten im Internet veranstaltete.

In Emden ist am 24. März ein Stück heile Welt zerbrochen. Nun sind viele erleichtert, das Gesicht des mutmaßlichen Mörders zu kennen. Es gibt ihnen die Möglichkeit, das Geschehene aufzuarbeiten.

"Sie hatte ihr ganzes Leben noch vor sich"

Am Sonntag schmücken Bewohner der Stadt den Tatort mit Grablichtern und Blumen. Sie tauchen das Parkhaus in ein Lichtermeer, schreiben Abschiedsbriefe, in denen zu lesen steht: "Sie hatte ihr ganzes Leben noch vor sich." Jeder in der Stadt habe sich sicher gefühlt, sagt Gunda Saueressig, selbst Mutter von vier Kindern. Sie hoffe, "dass diesmal der Richtige geschnappt ist".

Am Nachmittag gibt Brandt eine Pressekonferenz. Er wirkt nervös, liest viel ab, schaut viel zu Boden, spricht knappe Sätze, beantwortet manche Fragen fast wortgleich.

Brandt will nichts riskieren, dieses Mal. Als sie den ersten Verdächtigen schnappten, einen 17-Jährigen, hatten er und sein Team vielleicht zu viele Details genannt, hatten vielleicht zu rasch Videoaufnahmen veröffentlicht. Strafrechtler und Kriminologen warfen Brandt vor, er habe die Identität des jungen Mannes nicht ausreichend geschützt. Und das in einer Kleinstadt, in der jeder mit jedem spricht.

Schnell kannte halb Emden den Namen des unschuldig verdächtigten Berufsschülers. Auf Facebook formierte sich ein Lynchmob. "Es gibt nur eins: Erschießen", schrieb einer. "Diesen ehrenlosen, herzlosen Hund sollten sie foltern und töten", schrieb ein zweiter. Ein dritter rief dazu auf, die Polizeiwache zu stürmen, in der der fälschlich Verdächtigte in U-Haft saß. Als die Polizei den jungen Mann schließlich wieder freiließ, flüchtete er mit seiner Familie aus Emden, versteckte sich an einen geheimen Ort.

Man habe keine Wahl gehabt, sagt Oberstaatsanwalt Bernard Südbeck am Sonntag. Der Berufsschüler habe sich im Verhör in Widersprüche verstrickt. Er habe nun Anspruch auf Entschädigung für die drei Tage, die er in Untersuchungshaft gesessen hatte. Der Tagessatz liegt bei 25 Euro. Dazu sei Schadensersatz möglich.

Die Beweise sind erdrückend

Jetzt, da der wahre Täter offenbar gefasst ist, wird der Berufsschüler wohl bald zurückkehren können. Dieses Mal sind sich Brandt und seine Kollegen sicher, den Richtigen zu haben. Tatsächlich sind die Beweise erdrückend.

So hat der Täter nicht nur gestanden. Er hat auch eine Speichelprobe abgegeben, die mit DNA-Spuren vom Tatort übereinstimmt. Die Ermittler haben zudem mehrere Beweisstücke aus seiner Wohnung mitgenommen.

Der Täter lebte allein, im Stadtteil Wolthusen nahe des Zentrums, mitten zwischen den Menschen, deren heile Welt er zerstörte. Nach Informationen von SPIEGEL TV ist er dort erst vor einem halben Jahr hingezogen. Vorher lebte er bei seiner Mutter, die angeblich drogenabhängig gewesen sein soll. Ursprünglich soll der Täter aus der Nähe von Unna stammen.

In der Pressekonferenz sagte Brandt, man sei dem Täter durch ein Phantombild auf die Spur gekommen. Zwei Frauen hätten den 18-Jährigen in der Nähe des Tatorts gesehen. Das Bild habe dem Mann geähnelt, der auf den Überwachungsvideos aus dem Parkhaus zu sehen ist.

Der mutmaßliche Täter soll schon früher handgreiflich gewesen sein

Auf dem Video, das die Polizei im Internet veröffentlicht hat, ist allerdings wenig mehr zu sehen als eine Silhouette in einem Mauerloch. Vielleicht hat die Polizei also noch konkretere Hinweise bekommen. Denn der Täter war offenbar kein Unbekannter. Menschen, die ihn kennen, sagten SPIEGEL TV, er sei schnell handgreiflich geworden. Auch der Polizei war er schon aufgefallen. 2010 hatte er im Parkhaus am Wassertrum randaliert.

Der Täter könnte noch weitere Verbrechen begangen haben. Seine DNA-Probe stimmt auch mit DNA-Spuren überein, die bei den Ermittlungen zu einer versuchten Vergewaltigung an einer Joggerin im November 2011 sichergestellt worden waren. "Er sagt, er kann sich an diese Tat nicht erinnern", berichtet Chefermittler Brandt. Selbiges sagt er über die Tat an der Elfjährigen. Er hat zwar den Mord gestanden, aber zu der Tat nichts gesagt. Die Ermittler selbst gehen von einem Sexualdelikt aus. Sie sagten zudem, man gehe noch weiteren Spuren nach.

Dem Täter droht eine hohe Strafe. Wie hoch, das wird davon abhängen, für wie reif ihn seine Richter einschätzen. Nach Jugendstrafrecht wäre die Höchststrafe zehn Jahre Gefängnis, nach Erwachsenenstrafrecht wäre eine lebenslängliche Haft möglich.

Mit Material von dpa



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