18 Jahre eingekerkert Befreite Italienerin wird in Psychiatrie behandelt

Verwahrlost, verwirrt und kaum fähig zu laufen: Nach 18 Jahren Gefangenschaft ist eine Italienerin aus einer verdreckten Zelle im Haus ihrer Familie befreit worden. Weil sie die Familienehre verletzt hatte, kerkerten Verwandte sie ein - und kassierten sogar Unterhalt für die gepeinigte Frau.


Caserta - Bei ihrer Befreiung war die 47-jährige Italienerin nach Polizeiangaben in einem verwahrlosten und entsetzlich schmutzigen Zustand. Die Frau sei verwirrt, könne kaum laufen und scheine jeden Kontakt mit der Außenwelt verloren zu haben, teilte die Polizei mit. Sie wurde am Samstag in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses in Neapel behandelt.

Noch haben die Ermittler jedoch wenige Informationen: Sie wissen nicht, ob die 47-Jährige, die am Freitag nach 18 Jahren Haft aus dem Haus ihrer eigenen Familie befreit wurde, schon vor ihrer Gefangenschaft psychische Probleme hatte oder diese sich erst im Laufe der Jahre der Einsamkeit entwickelten.

Die Frau war 1990 von ihrer Mutter, ihrer älteren Schwester und ihrem jüngeren Bruder eingesperrt worden, nachdem die Familie entdeckt hatte, dass sie - obwohl unverheiratet - schwanger war. Seitdem hatte sie offenbar keinen Kontakt mehr zur Außenwelt. Bei ihrer Verhaftung leisteten die mutmaßlichen Täter keinerlei Gegenwehr - offenbar, weil ihnen jedes Unrechtsbewusstsein fehlte.

"Ihr Familienkodex sah eine Bestrafung eines solchen Ausmaßes vor" für die Verletzung von Werten und Familienehre, schreibt ein italienischer Journalist. Obwohl der Fall vordergründig an den erschütternden Fall Fritzl erinnert, ist er darum wohl eher mit den auch in Deutschland immer wieder vorkommenden "Ehrenmorden" an eigenen Familienmitgliedern vergleichbar - zumindest ansatzweise.

Was inzwischen über die Umstände der Gefangenschaft bekanntgeworden ist, würde kaum jemand unbeschadet überstehen. Den Carabinieri, die die Frau befreiten, bot sich ein Bild des Grauens. Die Einsatzkräfte fanden die Frau den Angaben zufolge in einem "unbeschreiblichen hygienischen Zustand" und mit offensichtlichen psychischen Störungen vor.

18 Jahre Einzelhaft in einem stinkenden Loch

Kein Wunder: Die Eingesperrte lebte in einem kargen Zimmer ohne Fenster, in dem nur ein völlig verschmutztes Bett und ein Stuhl standen. Eine angrenzende Toilette sei nie gesäubert worden und schon seit langem funktionsuntüchtig gewesen. Überall hätten Zigarettenkippen und Exkremente gelegen. Ihre Mahlzeiten wurden der Frau in einer Art Napf serviert - am Tag vor ihrer Befreiung gab es trockenes Brot und etwas Mozzarella.

Den entscheidenden Hinweis hatte die Polizei offenbar aus der Nachbarschaft bekommen, nachdem sich ein anonymer Anwohner über einen "ekelhaften Gestank" beklagt habe, der aus dem Gebäude auf dem Grundstück drang. Dort lebten nicht nur die drei mutmaßlichen Täter, sondern auch weitere Verwandte.

Und offenbar auch der inzwischen 17-jährige Sohn der Eingesperrten, der im kampanischen Ort Santa Maria Capua Vetere bei Caserta ganz normal zur Schule gegangen sei. Ob er überhaupt etwas von seiner Mutter wusste, ist bisher unklar. Laut "Corriera della Sera" wurde er inzwischen zu einem Onkel gebracht.

Die an der Tat mutmaßlich beteiligten Familienmitglieder wurden wegen Freiheitsberaubung und Misshandlung angezeigt. Der heute 45-jährige Bruder und die 51-jährige Schwester sitzen im Gefängnis, während der inzwischen 80-jährigen Mutter wegen ihres hohen Alters ein Hausarrest gewährt worden sei, hieß es. Sie sollen sobald wie möglich verhört werden. Zudem will die Polizei herausfinden, wer der Vater des Kindes ist und ob dieser etwas von dem Schicksal der Frau wusste.

Nach Berichten der Nachrichtenagentur Ansa kassierte die Familie sogar seit mehreren Jahren staatliche Unterhaltszahlungen für die Frau. Die Familie habe das Geld benutzt, um Zigaretten für die eingesperrte Frau zu kaufen und die Schulgebühren des Sohnes zu bezahlen.

"Ehrendelikte": Häufiger als man glaubt

Ehrendelikte wie Morde, Blutrache, aber auch Repressalien oder Gewalt gegen eigene Familienangehörige sind besonders in Bevölkerungsgruppen mit einem stark ausgeprägten religiösen oder ethnischen Wertekanon verbreitet. Dabei werden diese überkommenen Werte meist höher bewertet als das geltende Rechtssystem. Fast immer geht es darum, dass die Ehre der Familie durch ein sogenanntes Schamdelikt verletzt wurde, das den Wertekanon verletzt. Im Falle der 47-Jährigen war dies die Tabuverletzung, unehelich schwanger zu werden. Die Familie stellt mit der "Strafe" ihre Ehre wieder her. Solche Denkmuster gelten heute als archaisch.

Besonders häufig sind Ehrendelikte in muslimischen Kulturen, aber eben auch in sehr traditionell katholisch geprägten Gesellschaften. Drastische Freiheitsberaubungen wie im aktuellen Fall sind dabei wohl seltener als Morddelikte. Ehrenmorde sind beispielsweise noch in Süditalien, auf dem Balkan und im griechischen Raum relativ häufig. Gehäuft treten sie auch in südamerikanischen Staaten auf.

Die Opfer sind dabei fast immer Frauen. Zählungen der Uno zufolge kommt es weltweit jährlich zu mehr als 5000 Morddelikten an Frauen wegen angeblicher Verletzung der Familienehre. Allerdings werden Ehrendelikte nur in Ausnahmefällen öffentlich und angezeigt. Schätzungen gehen von einer bis zu sechsstelligen Dunkelziffer aus.

pat/tno/dpa/AFP



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