Mordprozess in Aachen "Absoluter Vernichtungswille"

Ein Ehepaar aus Eschweiler soll einen 29-Jährigen getötet haben, weil er angeblich ein sexuelles Verhältnis mit der zwölfjährigen Tochter anstrebte. Laut Anklage war die Tat ein minutiös geplanter Racheakt.

Angeklagte Nadine H. (rechts) beim Prozessauftakt: Drogen und Alkohol gegen die Überforderung
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Angeklagte Nadine H. (rechts) beim Prozessauftakt: Drogen und Alkohol gegen die Überforderung

Von , Aachen


Am Morgen seines 29. Geburtstags schickt Christian L. aus Eschweiler einer jungen Frau aus der Umgebung eine Nachricht auf Facebook. "Wie geht's dir", schreibt der lernbehinderte junge Mann und einige Stunden später: "Guten Abend."

Laut ihrem Profil ist die Adressatin 22 Jahre alt. Sie reagiert nicht auf die Botschaft. Zwei Wochen später wird Christian L. tot auf einem abgelegenen Feldweg in Eschweiler gefunden. Die Ermittler nehmen die Eltern der Facebook-Bekanntschaft sowie drei weitere Personen fest.

Der Fall erregte Aufsehen im August 2015. Die Ermittler gingen schnell von Selbstjustiz aus, weil die Eltern Christian L. verdächtigten, pädophil zu sein. Seit Dienstag müssen sich die Eheleute H. vor dem Aachener Landgericht verantworten. Der Staatsanwalt wirft dem Ehepaar und einem Arbeitskollegen gemeinschaftlichen Mord sowie besonders schwere räuberische Erpressung mit Todesfolge vor. "Sie wollten ihn bestrafen", heißt es in der Anklage. Zwei weitere Angeklagte müssen sich wegen Beihilfe zu gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Warum verstiegen sich die Eheleute zu der Annahme, Christian L. könne ihrer Tochter Schaden zufügen wollen? Zum Prozessauftakt geben die beiden keine Antwort darauf, auch der dritte Hauptangeklagte sowie die beiden Mitangeklagten schweigen. Die meiste Zeit bleiben alle fünf regungslos, in sich gekehrt.

Laut Anklage plante das Ehepaar den "heimtückischen und grausamen" Tod von Christian L. minutiös. Sie wollten Rache, weil sie ihn der Pädophilie verdächtigten. Die Tochter ist entgegen den Angaben bei Facebook erst zwölf. Nadine H. soll allerdings selbst das Profil für ihre Tochter angelegt haben.

Schon einmal soll die Tochter über Facebook angeschrieben worden sein. Jemand soll sie aufgefordert haben, Nacktbilder zu schicken. Die Eltern erstatteten Anzeige gegen unbekannt, es wurde jedoch kein Täter ermittelt. Dann bekamen die Eheleute H. den Kontaktversuch von Christian L. mit.

Das Opfer in "freizügiger Kleidung" empfangen

Laut Staatsanwaltschaft kundschafteten Nadine und Karl-Heinz H. ihr Opfer zunächst über Facebook aus. Mithilfe der mitangeklagten Marlene M. lockten sie den 29-Jährigen zwei Wochen später auf den Feldweg nahe einer Bahnstrecke in Eschweiler. Am Abend des 14. August sollen sie dort zu dritt auf L. gewartet haben.

Nadine H. habe den 29-Jährigen in "freizügiger Kleidung" empfangen, man habe sich zum einvernehmlichen Geschlechtsverkehr verabredet, heißt es in der Anklage. Die Mutter führte das Opfer demnach den Weg hinunter, vorbei an dem Arbeitskollegen ihres Mannes, Sven L., der auf der Hälfte der Strecke im Gebüsch hockte, in der Hand einen Draht zum Strangulieren. Er sollte einschreiten, falls das Opfer fliehen wolle, so der Plan.

Am Ende des Weges wartete Karl-Heinz H. Der Staatsanwaltschaft zufolge bedrohten er und seine Frau Christian L., schlugen ihm mit einem Schlagring ins Gesicht und verlangten sein Handy. Sie überprüften es, fanden aber keine Nacktfotos ihrer Tochter. Dann soll Karl-Heinz H. mit einem Messer zugestochen haben. Zuerst in L.s Arm, dann mehrfach in dessen Oberkörper. An dieser Stelle spricht der Staatsanwalt von einem "absoluten Vernichtungswillen", keiner der Angeklagten im Saal rührt sich. Das Trio habe Christian L. schwer verletzt zurückgelassen. Er verblutete.

Der Angeklagte Karl-Heinz H.: Ihm droht lebenslange Haft
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Der Angeklagte Karl-Heinz H.: Ihm droht lebenslange Haft

Nadine H. ist die Einzige, die an diesem Prozesstag einen Einblick in das Leben der Familie H. geben will. 31 Jahre ist sie alt. Sie trägt die langen braunen Haare offen, Brille, Jeans, weiße Bluse und schwere braune Stiefel. Als sie den Gerichtssaal 0.009 betritt, versucht sie, ihr Gesicht vor den Fotografen hinter ihrer Jacke zu verstecken.

Über ihren Anwalt lässt Nadine H. einen knappen Lebenslauf verlesen. Auf Nachfragen des Vorsitzenden Richters Arno Bormann berichtet sie von einer Kindheit in Thüringen, vom Umzug ins Rheinland. Sie zeichnet das Bild einer schwierigen Kindheit, einer überforderten Mutter, einer unglücklichen Ehe, ein Leben, das immer mehr von Drogen und Schulden bestimmt wurde. "Ich musste mich um alles kümmern", sagt sie.

Mit 15 habe sie ihren Ehemann kennengelernt, mit 17 sei sie von ihm schwanger geworden. 2002 wird die gemeinsame Tochter geboren. Sie sei nach der Geburt überfordert gewesen, sagt die 31-Jährige. Sie habe vermehrt Amphetamine genommen, gegen die permanente Müdigkeit. Als drei Jahre später ihr Sohn geboren wurde, habe sich das Gefühl verstärkt, Haushalt und Kindern nicht gewachsen zu sein. Sie habe getrunken, Spirituosen, Sekt, Liköre. 2013 habe sie ihren Job an einer Tankstelle verloren, seitdem ist sie arbeitslos. "Zum Tatzeitpunkt war ich körperlich und psychisch am Ende", sagt Nadine H.

Gleichzeitig habe es Probleme in ihrer Ehe gegeben, auch ihr Mann hätte getrunken, es habe Streitereien gegeben. Karl-Heinz H. habe gedroht, ihr die Kinder wegzunehmen. Kurz vor der mutmaßlichen Tat soll er zu ihr gesagt haben: "Du bist schlimmer als ein Pädophiler."

Die Angeklagte zeigt im Prozess keine Reue, keine Regung. Nur als der Richter sie fragt, was ihre Hobbys seien, bricht ihre Stimme. "Meine Kinder." Nadine H. weint. Beide Kinder sind nun in einem Heim in Mönchengladbach untergebracht. Sie sieht sie einmal im Monat. Das wird wohl noch eine Weile so bleiben. Ihr und den anderen beiden Hauptangeklagten droht eine lebenslange Haftstrafe. Den beiden Mitangeklagten drohen bis zu 7,5 Jahre Gefängnis.



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