Aachener Ausbrecher Fünf-Tage-Crash im System

Ermittler feiern die Festnahme der Ausbrecher Heckhoff und Michalski nach fünf Tagen, doch aufgearbeitet ist der Fall längst nicht. Haben Sicherheitsmechanismen versagt? Wie konnte ein Aufseher mutmaßlich zum Fluchthelfer werden - und wie sind geheime Polizeiinformationen an die Presse gelangt?

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Hamburg - Am Ende haben irgendwie alle alles richtig gemacht. Die Deutsche Polizeigewerkschaft lobt die Jagd nach Michael Heckhoff und Peter Michalski als "Musterbeispiel" gelungener Fahndungsarbeit. Der nordrhein-westfälische Innenminister Ingo Wolf (FDP) rühmt den Zugriff als "großartigen Erfolg der Polizei". Auf der Pressekonferenz in Köln bedankt sich Einsatzleiter Dieter Klinger bei der Bevölkerung für ihr Verständnis und bei den Journalisten für die gelungene Kooperation.

Sogar die beiden Schwerverbrecher verhielten sich den Umständen entsprechend vorbildlich: Sie leisteten keinerlei Widerstand - und konnten unverletzt festgenommen werden.

Die Euphorie nach dem Fahndungserfolg ist groß. Ein Happy End in jeglicher Hinsicht, könnte man meinen. Doch so einfach ist es nicht.

Zwar ist es dem gut koordinierten Einsatz der Polizei zu verdanken, dass die beiden gefasst wurden und dabei niemand verletzt worden ist. Doch das kann nicht das Problem verdrängen, dass die beiden mehrfach vorbestraften Männer offensichtlich nur wegen Schwachstellen in der deutschen Justiz überhaupt in Freiheit gelangen konnten - Aufnahmen aus Überwachungskameras legen nahe, dass ein Bediensteter des Aachener Gefängnisses den beiden Männern bei der Flucht half.

Landesjustizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter zeigte sich entsprechend weniger enthusiastisch als Ministerkollege Wolf. Der Ausbruch habe nur gelingen können, "weil ein Vollzugsbediensteter in einer für alle unvorstellbaren Weise die Ausbrecher aus der Anstalt herausgeschleust und mit Waffen ausgestattet" habe. "Und das in einer Weise, die nicht unentdeckt bleiben konnte."

"Uns belastet die Sache sehr"

Die Kollegen aus dem Aachener Gefängnis sind entsetzt über die Vorwürfe. Schnell gab es nach der Festnahme des Bediensteten Spekulationen über mögliche Motive. Gefängnisleiterin Reina Blikslager mutmaßte, der Mann habe Geldsorgen oder sei spielsüchtig. "Auch die besten Sicherheitsmaßnahmen" könnten nicht gegen kriminelle Bedienstete helfen, sagte sie. Das beantwortet allerdings nicht die Frage: Haben in Aachen wirklich die besten Sicherheitsmaßnahmen gegriffen?

Der Mann, der im Verdacht steht, Heckhoff und Michalski geholfen zu haben, arbeitet seit fast 15 Jahren im Strafvollzug. Er wurde zwei Jahre dafür ausgebildet und für den Umgang mit Strafgefangenen vorbereitet und sensibilisiert. Das Problem dabei: Die Bediensteten müssen das Vertrauen der Gefangenen gewinnen, um drohende Gefahren rechtzeitig zu bemerken; Nähe schafft Sicherheit. Doch zu viel Nähe ist gefährlich, und wenn dazu tatsächlich private Probleme wie Geldsorgen oder Spielsucht bei einem Aufseher kommen, kann das fatale Folgen haben, und deshalb braucht es Sicherheitsmechanismen. Wieso haben diese in Aachen nicht gegriffen? Hätten, wenn sich die Vorwürfe gegen den Mann bewahrheiten, Kollegen oder Vorgesetzte nicht verhindern können, dass er die Balance zwischen Nähe und Distanz zu den Knackis im Gefängnisalltag verliert - dass er selbst zum Täter wird? Welche Lehren werden Politik und Justiz aus der Causa Heckhoff/Michalski ziehen?

Ministerin Müller-Piepenkötter kündigte eine "Aufarbeitung des Ausbruchs" an. Zunächst einmal werden die beiden Schwerverbrecher jetzt in unterschiedlichen Gefängnissen untergebracht. Außerdem sollen sich künftig je zwei Bedienstete um die beiden Verbrecher kümmern. Aber das reicht nicht - finden unter anderem die Vertreter des Berufsstands selbst: "Ganz klar, für uns ist das der Super-GAU", sagt Klaus Jäkel, Chef des Landesverbands im Bund der Strafvollzugsbediensteten (BSBD), zu SPIEGEL ONLINE. Er und seine Kollegen forderten "klare Aussagen" von Gefängnisleiterin Blikslager und Justizministerin Müller-Piepenkötter. "Ich erwarte, dass sie sich vor die Bediensteten stellen."

"Uns belastet die Sache sehr", sagt Jäkel. "So etwas darf nicht passieren, es ist fatal für uns als Garanten der inneren Sicherheit in den Anstalten." Die Gefängnisbediensteten merken, wie der Vorfall am Image ihres Berufsstandes kratzt. "Und am Selbstwertgefühl."

Heikles von Heckhoff

Der Ausbruch ist jedoch nicht das Einzige, was Nordrhein-Westfalens Ermittler nach dem Fall aufzuarbeiten haben. Die Justiz ist außerdem alarmiert, weil am Montag mutmaßliche Informationen des zuerst gefassten Schwerverbrechers Heckhoff in die "Bild"-Zeitung gelangten. "Der Ausbrecher packt aus", titelte die Zeitung und gab den Mann so wieder: "Wir hatten eine Pistole, die haben wir von einem Mitarbeiter im Knast gekauft." Und: "Ich hab von einem Wärter den Schlüssel bekommen und auf den Kopierer gelegt." Der 50-jährige Gewalttäter, der bei einer Geiselnahme Anfang der neunziger Jahre zwei Menschen mit Benzin überschüttet und angezündet hatte, klingt in dem Text so, als seien Ausbruch und Flucht eine harmlos-skurrile Räuberpistole gewesen.

Der Bericht war eine Sensation - und die Frage stand plötzlich im Raum: Hat Heckhoff mit der "Bild"-Zeitung gesprochen, oder hat die Zeitung Informationen aus den Polizeivernehmungen zugetragen bekommen, noch während die Fahndung nach dem flüchtigen Michalski lief?

Die Staatsanwaltschaft Aachen leitete Ermittlungen ein, bei der Kölner Polizei heißt es: "Wir gehen davon aus, dass es sich um Informationen handelt, die unbefugt an die 'Bild'-Zeitung gelangten." Müller-Piepenkötter sprach von vermutlich illegal weitergegebenen Aussagen aus einem Vernehmungsprotokoll. Ein Sprecher sagte: "Die undichte Stelle kriegen wir raus. In jedem Fall liegt hier eine Straftat vor." Ein Gespräch mit Heckhoff habe es keinesfalls gegeben, sagte der Aachener Oberstaatsanwalt Klaus Deller. "Ein Interview mit dem Ausbrecher hat definitiv nicht stattgefunden."

Ohnehin ist zweifelhaft, dass das Geschilderte stimmt. "Die Informationen, die in dem Artikel weitergegeben werden, stimmen nicht mit den staatsanwaltlichen Ermittlungen überein", sagte Andrea Bögge, Pressesprecherin im nordrhein-westfälischen Justizministerium, SPIEGEL ONLINE. Müller-Piepenkötter nennt es zum Beispiel unmöglich, Gefängnisschlüssel auf einem Kopierer abzulichten und nachmachen zu lassen.

Ein Sprecher der Axel Springer AG teilte SPIEGEL ONLINE mit "die Berichterstattung basierte "auf von Heckhoff schriftlich autorisierten Statements". Zu den Ermittlungen der Justiz könne er sich nicht äußern.



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