Abhörskandal in Italien Der ganz, ganz große Lauschangriff

Italien unter Schock: Die Mailänder Justiz hat einen der größten Abhörskandale des Landes aufgedeckt. Zehntausende Menschen wurden seit 1997 von einem kriminellen Ring belauscht, darunter allerlei Prominente - die Hintergründe des Spitzel-Systems geben noch einige Rätsel auf.

Von Michael Braun, Rom


Rom - Am Morgen schlugen die Ermittlungsrichter zu - mit geballter Kraft. In Mailand, Florenz, Bologna, Turin und weiteren Städten in ganz Norditalien ließen sie auf einen Schlag 21 Verdächtige verhaften, reihenweise Computer und Dokumente beschlagnahmen. Bankkonten in der Schweiz und Luxemburg wurden gesperrt. Das war am Mittwoch, und Italien rätselte, was passiert war - bis jetzt die Details der Justizaktion bekannt wurden: Die Ermittler haben einen Abhörskandal aufgedeckt, der in der jüngeren Geschichte ohnegleichen ist.

Handynutzerin auf dem Petersplatz: Zugriff auf intimste Gespräche und privateste Daten der Bürger
Getty Images

Handynutzerin auf dem Petersplatz: Zugriff auf intimste Gespräche und privateste Daten der Bürger

Im Zentrum: kein geringerer als der frühere Sicherheitschef der Telecom Italia, Giuliano Tavaroli. Über zehn Jahre soll sein Telefonspionage-Ring im ganz großen Stil vermutlich mehr als hunderttausend Bürger ausgeforscht haben. Die Opfer: einfache Angestellte, aber auch Großbankiers, Politiker, Unternehmer, Intellektuelle, Sportler, Schiedsrichter, Show-Größen. Italien ist schockiert. "Ein Attentat auf die Demokratie", kommentieren die Medien, "über einem der mysteriösesten Fälle der vergangenen Jahre lüftet sich jetzt der Schleier."

Der Vorwurf der Ermittler lautet schlicht: Bildung einer kriminellen Vereinigung. Doch dahinter verbirgt sich ein mafiöses System, dessen Umfang und Zweck das Land gerade erst zu erahnen beginnt. Es ist ein System, das einem Geheimdienst zur Ehre gereichen würde: Tavaroli soll mit dem Privatdetektiv Emanuele Cipriani ein Abhörnetz aufgebaut haben, das Zugriff auf intimste Gespräche und privateste Daten der Bürger hatte.

Unter den Opfern, enthüllten italienische Medien, ist Gilberto Benetton, Hauptaktionär unter anderem der Telecom Italia; Fabio Capello, der Trainer des Fußballvereins Real Madrid; Carlo de Benedetti, Präsident des Informatikkonzerns Olivetti; der Industrielle Diego della Valle, dem die Schuhmarke Tod's gehört; Cesare Geronzi, Chef der Bankengruppe Capitalia; die Liste geht immer so weiter. Die Zeitung "La Stampa" druckte auf der Titelseite eine Art Who Is Who der Opfer. Auf den Computern und Dokumenten fanden die Ermittler Zehntausende Namen.

Leichtes Spiel mit den privatesten Daten

Erstaunlich ist, wie leicht es Tavaroli hatte. In Italien führt seit jeher die Telecom sämtliche Abhöraktionen durch, die Justizbehörden in Auftrag geben. Der Sicherheitschef des Telefonkonzerns saß damit an der entscheidenden Schaltstelle - also an der Quelle. Er brauchte seinen Angestellten, die für Lauschangriffe zuständig sind, nur gefälschte Aufträge rüberzureichen. Schon liefen bei Gesprächen der Opfer die Tonbänder mit. Wenn Tavaroli Verbindungsdaten im Festnetz der Telecom oder bei der Mobilfunktochter TIM brauchte, musste er sich genauso wenig anstrengen. Die Zugriffe darauf waren nicht mal zurückzuverfolgen - weil die Software sie nicht speichert.

Und beim reinen Belauschen beließ es Tavarolis Spitzelring nicht. Der oberste Abhörer der Republik nutzte die Nähe seines Telecom-Jobs zu den Sicherheitsdiensten aus. Weil Kontakte zu Geheimdiensten und Polizei in seiner Position Alltag sind, fiel es über Jahre nicht weiter auf, wie unter Tavaroli diese Kontakte missbraucht wurden: Über seinen engen Freund Marco Mancini, die frühere Nummer zwei des Militärgeheimdienstes Sismi, kam der Spionagering an sensible Informationen. Diese ließ er mit seinen Telefondaten anreichern. Und beauftragte Privatdetektiv Cipriani, einen ebenso engen Freund, mit weiteren Ermittlungen.

Cipriani wiederum hatte diverse Polizisten und Finanzpolizisten auf der Lohnliste - elf sind unter den Verhafteten. Diese Beamten drangen in Dateien der Steuerbehörden und des Innenministeriums ein, um die Dossiers noch anzureichern.

Insgesamt 20 Millionen Euro verdiente Tavarolis Ring, sagen die Ermittler. Cipriani soll seine Zuträger unter den Beamten mit 30 Euro Honorar abgespeist haben.

Immer wieder gelangten Telefonprotokolle in die Medien

Das ist das Spionage-System, wie es den Ermittlern zufolge über ein Jahrzehnt hinweg funktioniert hat. Schon der Umstand, dass man ein so umfassendes Spitzelnetz aufbauen und so lange am Leben halten kann, erschüttert Italien. Doch noch viel stärker bewegt eine andere Frage die Republik: Wozu das alles?

Untersuchungsrichterin Paola Belsito vermutet, Tavaroli habe die Telecom-Strukturen "im Interesse einer ihm übergeordneten Person instrumentalisiert". Die Daten dienten laut Staatsanwaltschaft als "Instrument für Druck, Drohungen und Erpressung in der Hand einer kleinen Gruppe". Die italienischen Medien werden deutlicher: Zuerst soll das Spitzelnetz 1997 bei der Telecom und dem Mutterkonzern Pirelli eingerichtet worden sein, um Angestellte zu überwachen. Dann sei es nach und nach ausgeweitet worden - bis es schließlich bis in die Spitzen der italienischen Gesellschaft reichte.

Nur: Wer profitierte davon? Auffällig war in Italien in den vergangenen Jahren, dass bei jedem der (eher zahlreichen) Skandale der Republik von irgendwoher Telefonprotokolle auftauchten. Mal landeten sie beim Geheimdienst, mal bei der Justiz, mal bei den Medien. Das war so im jüngsten Fußball-Skandal, beim Kollaps des Lebensmittelkonzerns Parmalat, bei den mutmaßlichen CIA-Entführungen; und auch der Zentralbank-Chef wurde abgehört - und fand seine privaten Telefonate irgendwann in der Zeitung. Angeklagte, Anwälte und Politiker beklagten, man müsse untersuchen, wie so etwas möglich sei. Wurde jetzt womöglich die Ursache gefunden?

An Dramatik gewinnt der Fall noch dadurch, dass der ehemalige Sicherheitsbeauftragte der Telecom-Mobilfunktochter TIM, Adamo Bove, den Behörden unlängst erste Tipps über illegale Machenschaften der "Abhör-Mafia" gab. Einen Monat später stürzte er in Neapel von einer Autobahnbrücke und starb. Es soll Selbstmord gewesen sein. Die Justiz ermittelt.

Und noch eine Frage treibt das Land um: Konnte solch ein System existieren, ohne dass die Konzernspitze davon wusste? Marco Tronchetti Provera, der die Telecom über Pirelli als Haupteigner kontrolliert, wird nicht beschuldigt. Dabei, wird spekuliert, hätte die Ausforschung von Tausenden Telecom- und Pirelli-Angestellten gerade der Unternehmensführung genutzt. Genauso wie zum Beispiel die Dossiers über die Chefs des Bankhauses Capitalia, das zu den Hauptkreditgebern der Telecom Italia gehört.

Stoff für reichlich Verschwörungstheorien

Gegen den Geheimdienstler Mancini werden derzeit keine Anschuldigungen erhoben. Wie tief die Geheimdienste verstrickt sind, das ist noch zu klären. Nichts weist bisher darauf hin, dass es dem privaten Spionagering um mehr ging als um illegale Geschäfte auf eigene oder auf fremde Rechnung.

Ebenso wenig ist bekannt über die politischen Weiterungen: Die Namen aller ausgeforschten Politiker in den Ermittlungsakten sind geschwärzt. Justizminister Clemente Mastella hat sich heute mit einer dürren Mitteilung zu Wort gemeldet: Er will jetzt durch Inspekteure seines Ministeriums prüfen lassen, ob sich auch Angehörige der Justizbehörden an der Seite der Telecom-Spitzel die Finger schmutzig gemacht haben.

Politiker von Regierung und Opposition zeigten sich erschrocken: Abgeordnete fordern, dass sich die Regierung von Romano Prodi vor dem Parlament zum Skandal äußert. Die Telecom habe eine der "größten privaten Ausspähungs-Organisationen beherbergt, die dieses Land je gesehen hat", wettern die Kommunisten.

Noch ist die italienische Öffentlichkeit völlig auf Spekulationen angewiesen. Das unterscheidet diesen Spitzelskandal von allen anderen ähnlich gelagerten der vergangenen Jahrzehnte. 1967 zum Beispiel war bekannt geworden, dass die damalige Geheimdienstspitze gleich 150.000 Dossiers angelegt hatte - da ging es um politischen Gegner aus den Reihen der Kommunisten und Sozialisten, die notfalls mit einem Putsch ausgeschaltet werden sollten. 1971 deckten Staatsanwälte in Turin auf, dass Fiat illegal und in enger Zusammenarbeit mit der Polizei Akten über Tausende Arbeiter angelegt hatte - da ging es um den Klassenkampf in Italiens größter Fabrik gegen linke Gewerkschaften und militante linksradikale Gruppen. Auch die 1981 aufgeflogene und eng mit den Geheimdiensten verbandelte geheime Freimaurerloge P2 hatte das politische Projekt, Italien gegen die vorgebliche kommunistische Gefahr zu verteidigen.

Heute ist die P2 auch wieder im Gespräch. Der gerade verhaftete Privatdetektiv Cipriani ist ausgerechnet mit dem Sohn des alten Chefs der P2-Loge Licio Gelli befreundet - genug Stoff für Verschwörungstheorien.

mit dpa/AFP/AP



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.