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Absurder Gerichtsbeschluss: Deutscher Arzt findet verschleppte Tochter - aber darf sie nicht treffen

Von Nils Klawitter

Zwei Jahre lang hat Peter Tinnemann seine Tochter gesucht, die von der eigenen Mutter verschleppt wurde. Jetzt hat er Luna in Mittelamerika aufgespürt - doch obwohl ihm das Sorgerecht zugesprochen wurde, verbietet ihm eine Richterin den Kontakt mit seinem Kind.

Hamburg - 665 Tage lang hat Peter Tinnemann nach seiner Tochter gesucht. 9650 Kilometer entfernt von seinem Wohnort Berlin hat er sie nun wiedergefunden. Tinnemanns Ex-Frau Rosamaria B. hatte sich mit der gemeinsamen Tochter über Italien nach Mittelamerika abgesetzt. Doch für die Mutter, gegen die in Italien wegen Kindesentzugs ermittelt wird, sieht es überraschend gut aus: Peter Tinnemann darf seine Tochter nicht sehen und das Land nicht verlassen, befand eine Richterin vergangenen Freitag. Für Tinnemann ist es der vorläufige Höhepunkt einer Odyssee auf der Suche nach seiner Tochter.

Auf die Spur nach Guatemala kamen die Ermittler und Peter Tinnemann durch den Tipp einer Studentin aus Österreich. Sie hatte vor kurzem einen RTL-Beitrag über das vermisste Mädchen gesehen - und Luna erkannt. Die Studentin hatte im vergangenen Jahr ein zweimonatiges Praktikum in einem Kindergarten in Antigua gemacht, 40 Kilometer von Guatemala-Stadt entfernt. Sie hatte dort auch Luna betreut - und Fotos von den Kindern gemacht. Die Gesichtszüge des blonden Mädchens auf den Bildern verglich Interpol mit denen von Luna: Mit 99,2-prozentiger Wahrscheinlichkeit sei es die Vermisste, so die Kriminalisten. Sie entdeckten den Namen des sechsjährigen Mädchens auch auf einer Passagierliste einer Linienmaschine von Madrid nach Guatemala.

Obwohl nach der Ärztin Rosamaria B. in Italien gefahndet wurde, war es ihr am 24. Oktober 2006 im kalabresischen Crotone gelungen, unbehelligt einen Reisepass zu beantragen und sogar Luna darauf eintragen zu lassen. Zwar wurde die Gültigkeit des Passes im Nachhinein von den italienischen Behörden landesweit widerrufen - doch über diese Behörden kann Roberta Ceschini, Tinnemanns italienische Anwältin, nur den Kopf schütteln. Sie hätten sich zu keinem Zeitpunkt "ausreichend bemüht, das Kind zu finden", so Ceschini. Obwohl als sicher gelten könne, dass die Mutter in Kontakt zu ihrer Familie im mittelitalienischen Frosinone stünde, sei nicht einmal eine Telefonüberwachung angeordnet worden.

Kindesentzug gelte in Italien immer noch als minderschweres Verbrechen. "Dementsprechend nachlässig wird ermittelt." Rosamaria B., eine Kinderpsychologin, die Peter Tinnemann bei einem Hilfseinsatz im afrikanischen Sierra Leone kennenlernte, hatte die gemeinsame Tochter im April 2006 nicht mehr aus dem Osterurlaub in Italien zurückgebracht. Tinnemann lebte zu dem Zeitpunkt mit Luna in London, wohin er seiner Frau, die ihren Job dort später verlor, gefolgt war.

Zu der Zeit hatten zwar beide noch das Sorgerecht, dem Vater aber war im Streit um die Tochter vom Londoner High Court das Aufenthaltsbestimmungsrecht zugesprochen worden: "Meiner Meinung nach hat der Vater Beständigkeit gezeigt und bewiesen, dass er Lunas Stabilität und Glück den Vorrang einräumt", so der Richter in seiner Urteilsbegründung.

Rosamaria B. tauchte nach dem Kindesentzug in Ungarn unter und mutete ihrer Tochter danach eine Flucht-Odyssee durch halb Europa zu, ehe sie nach Mittelamerika aufbrach. Zwischenzeitlich ließ sie über ihre Anwälte ausrichten, dass ihr Ex-Mann, wenn er denn seine Tochter wiedersehen wolle, zuvor auf das Sorgerecht verzichten solle.

Wiedersehen mit Luna - Tränen und ein geflüstertes "Peter"

So angespannt wie vergangenen Montag, als er nach Guatemala aufbrach, hat sich Tinnemann nie vorher erlebt. In Afrika sah er Menschen sterben und hatte Gewehre von drogensüchtigen afrikanischen Kindersoldaten unter der Nase. "Aber das war irgendwie eine professionelle Nervosität", sagt er. Als die deutsche Botschaft ihm mitteilte, dass in einem Kindergarten in Antigua ein blondes Mädchen sei, das sie die "Italianita" nannten und das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seine Tochter sei, habe er Schweißhände bekommen.

Der Arzt, der an der Berliner Charité arbeitet, hatte etliche Varianten durchgespielt, wie er Luna zu sich holen und dann möglichst rasch das Land verlassen wollte. Vor Ort bot man ihm private Sicherheitsleute und ehemalige guatemaltekische Polizeioffiziere als Helfer an. Tinnemann entschied sich für einen anderen Weg: Er ging zur Staatsanwaltschaft. Das war am vergangenen Donnerstag. Er gab dort die Gerichtsurteile aus London ab ebenso wie die aus Italien, denn das Familiengericht in Rom hatte seiner Ex-Frau inzwischen bis auf weiteres auch das Sorgerecht aberkannt.

Freitagmorgen war ein Gerichtstermin anberaumt, was sich als komplizierte Operation erwies. "Wir sind nacheinander bei drei Richtern erschienen, die sich für nicht zuständig erklärten oder mich an die deutsche Botschaft verwiesen", sagt Tinnemann. Doch bei der Botschaft war Tinnemann längst. Dort drückte man ihm eine Liste mit Anwälten in die Hand und wünschte viel Glück. Im Vorfeld, so der Arzt, habe die Botschaft sehr geholfen. Doch jetzt, so sein Eindruck, "sieht man zu, wie ich mich hier verheddere". Immerhin war aus der deutschen Botschaft mittlerweile zu hören, dass man den Vater vor Gericht begleiten werde.

Am frühen Freitagnachmittag ging Peter Tinnemann dann zum Kindergarten "Colegio Sesamo" - mit einer Staatsanwältin. Mit seiner Tochter, die erst total aufgelöst war und weinte, habe er irgendwann angefangen, Ball zu spielen. Und dann, nach einer ganzen Weile, sei sie zu ihm gekommen und habe "Peter" in sein Ohr geflüstert. Ganz leise, denn es sei ja "ein Geheimnis", wo sie jetzt sei.

Wer Fakten schafft, wird belohnt

Wenig später erschien auch Rosamaria B., die schon am Eingang von der Kindergartenleiterin abgefangen und informiert worden war. Zusammen mit der Staatsanwältin und einem Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft ist die ehemalige Familie dann zum Gericht gegangen. Und dort passierte, was Tinnemann die "Fortsetzung der Behördenverarscherei" nennt - was genaugenommen aber auch in Deutschland noch nicht viel anders läuft: Wer Fakten schafft, wird am Ende belohnt, selbst wenn er dabei Gesetze verletzt. Tinnemann hat das Sorge- und Aufenthaltsbestimmungsrecht für seine Tochter, einen gültigen Pass, auf dem Luna eingetragen ist, deren Kinderausweis und auf Spanisch übersetzte Gerichtsurteile, die für sich sprechen. Rosamaria B. hat eine zweijährige Entführungsgeschichte hinter sich - aber die immerhin zusammen mit ihrer Tochter.

Das Beste für das Kind sei, wenn es bei seiner Mutter bleibe, befand eine "Friedensrichterin" in Antigua. Ob er Luna denn wenigstens am Wochenende sehen könne, wollte Tinnemann wissen. Das sei zu gefährlich, so die Richterin. Was mit dem Haager Übereinkommen über den Schutz von Kindern sei, fragte Tinnemann. Das interessiere nicht, so die Richterin.

Doch hier könnte sie irren. Denn auch ihr Land hat das Abkommen ratifiziert. Es ist ein Instrument, um entführte Kinder wieder an ihren ursprünglichen Aufenthaltsort zurückzuführen - und zumindest in Europa relativ wirksam.

Tinnemann, so die Order der Richterin, darf das Land nicht verlassen, Rosamaria B. nahm sie nicht einmal den Reisepass ab. Heute soll die Verhandlung fortgesetzt werden. Wenn Tinnemanns Ex-Frau denn auftaucht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
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1. Unterhalts- und Sorgerecht, die elfundneunzigste: Recht haben ungleich Recht kriegen
tom32 18.02.2008
Da drängt sich doch förmlich ein Befangenheitsantrag gegen die Richterin auf, um die gute Zusammenarbeit zwischen der Frau Richterin und der Ex zu beenden. Ausserdem liegt wohl eine Anzeige wegen Kindesentführung gegen die Ex sowie der Schritt in die nächsthöhere Instanz nahe.
2. Das
elwu, 18.02.2008
läuft in Guatemala offenbar ebenso wie hierzulande. Kinder gehören laut Richterin zur Mutter, egal ob die sich die Kids mit klarem Rechtsbruch 'in Besitz' genommen hat. Ich habe mal versucht, das ABR für meine Tochter zu bekommen. Die Faktenlage und die Zeugenaussagen über die entsetzlichen Lebensumstänbde bei ihrer Mutter waren so eindeutig, dass bei umgekehrter Konstellation das Kind ruckzuck von Amts wegen vom Vater zur Mutter verbracht worden wäre. Der ASD Augsburg und die Richterin beim Familiengericht Augsburg jedoch waren geradezu grotesk offensichtlich nur den Mütterinteressen verpflichtet und ignorierten schlicht die Realitäten. Von wegen Kindswohl. Daher zog ich zum Schutz aller Beteiligten den Antrag zurück. Meine Beschwerde gegen die Richterin wurde natürlich abgebügelt, sie hat sich ja in der Form gemäß den Gesetzen verhalten... Zwei Wochen nach ihrem 14ten Geburtstag hat dann meine Tochter mit den Füßen abgestimmt und ist zu mir gezogen. Ich hoffe für das im Artikel beschriebene Kind und seinen Vater, dass sie nicht noch 12 Jahre oder länger warten müssen, bis das Kindswohl durchgesetzt wird und das Kind von seiner sogenannten 'Mutter' weg zum Vater kommt, der ganz offenbar weitaus besser geeignet und gewillt ist, für das Kind stabile, förderliche und liebevolle Verhältnisse zu schaffen. /elwu
3. What´s new?
Christian Krippenstapel, 18.02.2008
Kennen wir doch schon, die Beipiele sind Legion: Ob Boris Becker in der Besenkammer "gemolken" wird oder Mütter mit ihren Kindern unter haarsträubenden Bedingungen über alle Berge abzwitschern, wie beschrieben - Hauptsache die Frau hat "ihr" Kind und der Alte zahlt. Das Blag soll sich mal nicht so haben, ist doch alles nur zu seinem Besten. Uns Männern wird so oft vorgeworfen, wir würden unsere Vaterrolle allzuoft auf die finanzielle Versorgung beschränken. Fragt sich nur, ob wirklich WIR das tun, oder vielmehr die Mütter, die unsere Kinder ebenso oft, wie erfolgreich allein als ihre Kinder beanspruchen und außer unserem Geld gar nichts von uns sehen wollen. Sollte mich nicht wundern, wenn der Vater aus dem Artikel außer einem Zahlungsbefehl gar nichts kriegt. Also: Wo ist da jetzt die Neuigkeit?
4. Titel
-akw- 18.02.2008
Zitat von sysopZwei Jahre lang hat der Peter Tinnemann seine Tochter gesucht, die von der eigenen Mutter verschleppt wurde. Jetzt hat er Luna in Mittelamerika aufgespürt - doch obwohl ihm das Sorgerecht zugesprochen wurde, verbietet ihm eine Richterin den Kontakt mit seinem Kind. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,535956,00.html
Was soll man dazu sagen? Ich kann gar nicht so viel essen wie ich k... könnte! Ist diese Richterin völlig merkbefreit? Das Haager Abkommen zum Schutz der Kinder interessiert sie nicht? Diese Frau ist im falschen Beruf!!
5. Kein Verlass auf die Justiz
the_flying_horse, 18.02.2008
Warum verlässt er sich dort auch auf die Justiz? Andere Väter (und z.T. auch Mütter) haben es doch vorgemacht - Kind beobachten, günstigen Zeitpunkt abwarten, schnappen und ab ins Flugzeug... nur so geht das. Zumal hier sogar alle Papiere stimmten, da gibt es nicht einmal am Flughafen irgendwelchen Stress.
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