Drogenkrieg in Acapulco Der Todesstrand

Hier machten einst Liz Taylor und Brigitte Bardot Urlaub: Jetzt kreisen Militärhubschrauber über dem Strand von Acapulco, Mexikos Armee hat alle Polizisten entwaffnet. Der Kampf gegen die Mafia eskaliert.

AFP

Von , Mexiko-Stadt


Eine deutliche Warnung sollte die künftige Bürgermeisterin von Acapulco eine Woche vor ihrem Amtsantritt auf Linie bringen: Würde Adela Román Ocampo einen neuen Polizeichef ernennen, werde man ihn "mit Kugeln empfangen", ließen Unbekannte die Politikerin der Linkspartei Morena wissen.

"Alle Posten werden neu besetzt", trotzte Román der Drohung - eine Kampfansage. Am Sonntag übernimmt sie die Geschäfte in der 800.000-Einwohner-Stadt.

Man muss das Schlimmste befürchten. Noch mehr Gefechte auf offener Straße, noch mehr Leichen am Strand, noch weniger Touristen in der Stadt, die Mitte des vergangenen Jahrhunderts mit Bildern von Klippenspringern, spektakulären Sonnenuntergängen und Promi-Tourismus berühmt wurde.

Elizabeth Taylor, Brigitte Bardot, John F. Kennedy und "Tarzan" Johnny Weissmüller verbrachten ihre Ferien in Acapulco, nur drei Flugstunden von Los Angeles entfernt. Mehr als 200 Filme wurden in der Stadt gedreht.

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Mexikanischer Urlaubsort: So cool war Acapulco

Später wuchsen die Hotelburgen um die Bucht. Jahrzehntelang blieb Acapulco ein Sehnsuchtsort für Stars und ein Muss für Touristen aus aller Welt.

Doch das Pazifik-Paradies ist schon lange verloren. Bereits vor Jahren verkam es zum Schlachtfeld des organisierten Verbrechens. Mittlerweile gehört Acapulco zu den tödlichsten Städten der Welt. 106 Morde pro 100.000 Einwohner werden hier verübt. In Deutschland liegt die Zahl bei rund einem Mord pro 100.000 Einwohner.

Hilfe kam für die mutige Bald-Bürgermeisterin Román von unerwarteter Seite. Präsident Enrique Peña Nieto setzte Anfang der Woche das Militär Richtung Strand in Marsch.

Die lokalen Polizisten werden einem Screening unterzogen

Einheiten des Heeres und der Marine, sowie Verbände der Staatspolizei von Guerrero, dem Bundesstaat, in dem Acapulco liegt, nahmen die Stadt am Dienstag ein. Hubschrauber über dem Strand, gepanzerte Fahrzeuge und Stahlhelme prägten plötzlich das Straßenbild - statt wie sonst Shorts und Flipflops. Die Soldaten besetzten das Polizeihauptquartier, entwaffneten 800 Polizisten, nahmen zwei Offiziere unter dem Vorwurf fest, auf der Lohnliste des organisierten Verbrechens zu stehen.

Die lokalen Polizisten werden nun einem Screening unterzogen, um herauszufinden, ob die Staatsdiener wirklich dem Staat dienen oder einer der Mafias, die in Acapulco um Routen und Reviere ringen. Hier kämpfen Reste des Beltrán-Leyva-Kartells mit dem "Unabhängigen Kartell vom Acapulco" (CIDA) um die Macht.

Es geht um Heroin aus den Bergen Guerreros im Hinterland von Acapulco, es geht um das Kokain aus Kolumbien, und es geht um einen lukrativen Markt mit Tausenden Touristen jährlich. Hinter den Drohungen gegen die künftige Bürgermeisterin soll das CIDA stecken, sagt der Gouverneur von Guerrero, Héctor Astudillo Flores.

Verschärft wird der Konflikt durch das Kartell "Jalisco Nueva Generación" (CJNG). Es ist eine Abspaltung des Sinaloa-Kartells von "El Chapo" Guzmán. Das CJNG gilt inzwischen als die mächtigste Mafia Mexikos - und sie will alle kriminellen Geschäftszweige an sich reißen. In Acapulco führt das zu einem explosiven Dreikampf.

Wenn man Edgardo Buscaglia, Experte für organisierte Kriminalität, nach der Effektivität eines solchen Militäreinsatzes fragt, schüttelt er den Kopf: "So bringt man kurzfristig Ordnung in das organisierte Verbrechen", sagt der Professor und Präsident des "Instituts für Bürgeraktion". Aber langfristig löse man damit keine Probleme. "Die Militärs verfolgen die schwächste Gruppe am Ort, richten ihre Mitglieder hin. Man bekommt Ruhe zum Preis von Menschenrechtsverletzungen".

In den ersten sechs Monaten des Jahres wurden 16.400 Menschen ermordet

Der Experte verweist auf den Fall von Tamaulipas, einen besonders gewalttätigen Bundesstaat an der Golfküste, der an die USA grenzt. Dort haben die Militärs über die Jahre fast alle lokalen Polizeien entwaffnet. "In Tamaulipas gibt es dafür heute Massengräber mit Tausenden Toten, so wie man sie aus Kambodscha zu Zeiten der Roten Khmer des Diktators Pol Pot kennt."

Aber was hilft? Gebannt werde die Gewalt erst dann, wenn man die Verbindungen zwischen Politikern und organisiertem Verbrechen kappt, die Wahlkampffinanzierung durch die Mafias unterbindet und mit Drogengeldern finanzierte Firmen schließt.

Vorerst aber steckt Mexiko in einer schier unendlichen Spirale der Gewalt. Die Zahlen des laufenden Jahres deuten darauf hin, dass 2018 ein neuer trauriger Rekord erreicht wird. In den ersten sechs Monaten des Jahres wurden 16.400 Menschen ermordet. Der Juli war der tödlichste Monat in Mexikos Geschichte mit 2599 Morden. Seit der Staat Ende 2006 den Kartellen den Krieg erklärte, sind 200.000 Menschen eines unnatürlichen Todes gestorben. 37.000 Menschen gelten zudem als vermisst.

Der künftige Präsident, Andrés Manuel López Obrador, hat einen Strategiewechsel im Kampf gegen das organisierte Verbrechen angekündigt. Der Fokus solle weg vom Verhaften und Töten der führenden Köpfe, sagt sein designierter Sicherheitsminister, Alfredo Durazo. Nach dem Machtwechsel am 1. Dezember sollten die Verbindungen der Kartelle in die legale Wirtschaft attackiert werden. Zudem werde mehr Augenmerk auf Prävention und Armutsbekämpfung gelegt. Für einfache Kämpfer der Kartelle könnte es eine Amnestie geben.

Den Hoteliers und Restaurantbesitzern in Acapulco wäre sogar das recht, wenn nur endlich die Gewalt endet. 60 Prozent Buchungsrückgänge haben die Hotels in diesem Sommer beklagt. Immer mehr Souvenirhändler und Barbetreiber geben auf. Und jetzt haben die USA auch noch an ihre Bürger eine Reisewarnung für Acapulco ausgegeben.



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wizzbyte 27.09.2018
1. Nur wenn der Staat selber eine kontrollierte, preiswerte Abgabe lenkt
dann wird diese desaströse Problematik zusammenfallen. Bei der Opiatkrise in den USA hat der Staat überigens auch nicht geführt, sondern BigPharma lenken lassen.
mime-sis 27.09.2018
2.
Als wir noch in Mexiko wohnten haben wir öfters in einem von einem Deutschen betriebenen Gästehaus bei Acapulco Urlaub gemacht. Schon auf dem Hinweg gab es es mehrere Militärkontrollen, was für Touristen nicht gerade einladend ist. Das Gästehaus war zudem eines der wenigen Häuser, die in dem kleinen Ort überhaupt noch für Touristen offen war, alle anderen Hotels sind zu und zerfallen. Man sieht noch Reste eines Touristen-Bau-Booms, aber alles ist kaputt. Acapulco selbst ist auch keine schöne Stadt, alles ein bisschen heruntergekommen.
Casparcash 27.09.2018
3.
ich möchte diesbezüglich das buch von roberto saviano "zero zero zero" empfehlen. wer denkt, dass es hier einfache lösungen gibt, wird nach der lektüre anders denken.
botschinski 27.09.2018
4. Warum nicht einfach legalisieren?
Wenn man den, offensichtlich nicht zu gewinnenden, Drogenkrieg abblasen und das Kokain legalisieren würde, hätte man wahrscheinlich weniger Tote und weniger Korruption, dafür Steuereinnahmen ohne Ende. Das dies nicht geschieht, obwohl es auf der Hand liegt, liegt wohl daran das zu viele Menschen (Entscheidungsträger?) reich damit werden, behaupte ich jetzt einfach Mal.
Blaue Fee 27.09.2018
5.
Zitat von mime-sisAls wir noch in Mexiko wohnten haben wir öfters in einem von einem Deutschen betriebenen Gästehaus bei Acapulco Urlaub gemacht. Schon auf dem Hinweg gab es es mehrere Militärkontrollen, was für Touristen nicht gerade einladend ist. Das Gästehaus war zudem eines der wenigen Häuser, die in dem kleinen Ort überhaupt noch für Touristen offen war, alle anderen Hotels sind zu und zerfallen. Man sieht noch Reste eines Touristen-Bau-Booms, aber alles ist kaputt. Acapulco selbst ist auch keine schöne Stadt, alles ein bisschen heruntergekommen.
Militärkontrollen gab es schon in den Siebzigern, da Guerreros Tierra Caliente schon immer ein Unruheherd war. Vor 10 Jahren habe ich ein paar Tage im Haus eines Bekannten verbracht, nur 4 Blocks vom Strand der Costera (Hauptstrasse direkt an den Hotels) entfernt: damals liefen schon Jugendliche mit einer Automatik in der Hose frei auf der Costera herum und keinen hat es interessiert. Für Touristen ist es inzwischen so, dass man in die grossen Hotels bei Punta Diamante (auf halbem Weg zwischen Acapulco und Flughafen) fährt und dann kaum noch den Komplex verlässt. Wahrscheinlich ist es wirklich notwendig, dass die Marine einspringt und mit neuem Besen reinigt, nachdem letztes Wochenende unabhängig voneinander sechs Morde geschahen.
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