Blockierte Rettungsgasse auf der A5 "Es hätte eine Schlägerei geben können"

Ein Mann stirbt, es gibt Verletzte - doch die Retter kommen nicht durch: Bei einem schweren Unfall sind in Baden-Württemberg Feuerwehrleute behindert und angegangen worden. Bestraft werden die Täter wohl nicht.

Unfallstelle auf der Autobahn 5
Roland Spether

Unfallstelle auf der Autobahn 5

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Michael Wegel ist noch immer aufgewühlt. Der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Achern war am Mittwochabend zu einem tödlichen Verkehrsunfall auf die Autobahn 5 geeilt - belastend für ihn und die freiwilligen Feuerwehrleute. Hängen bleiben wird laut Wegel jedoch vor allem, dass sie massiv bedrängt und beleidigt worden seien. "Das war das übliche Thema Rettungsgasse", sagte er nach dem Einsatz auf der Autobahn 5.

Video: Rettungsgasse - so geht's

Freiwillige Feuerwehr Gräfelfing

Die Unfallstelle ist nur wenige Hundert Meter von der Anschlussstelle Achern nahe Offenburg in Baden-Württemberg entfernt. "Mit einem Lkw sind wir durchgekommen, doch dann wurde die Gasse wieder zugemacht - so eng, dass es keinen Meter vor- oder zurückging", sagt Wegel. 200 Meter vor dem Ziel seien die Feuerwehrleute ausgestiegen - und hätten die Autofahrer angesprochen. "Als ich einen gebeten hatte, Platz zu machen, entgegnete er, ich solle mich nicht so aufspielen. Als wir ihm dann sagten, dass wir alle Verhinderer anzeigen wollen, drohte er und sagte 'Ich bring dich um'", erzählt er.

Ernst gemeint sei es wohl nicht gewesen, sagt Wegel. Doch nach dem Streit seien die Feuerwehrleute, die fast alle aus dem Feierabend zur Unfallstelle geeilt seien, aufgeladen gewesen. "Wenn die sich nicht so zusammengerissen hätten, dann hätte es eine Schlägerei geben können."

Video über Psychologie des Gaffens: "Ein schwaches Selbstwertgefühl aufplustern"

dpa/Spiegel Online

"So was habe ich bei uns im ländlichen Raum noch nicht erlebt", sagt Wegel. Das verspätete Eintreffen der Feuerwehr sei zwar nicht der Grund für den Tod des 56-jährigen Autofahrers gewesen. Dennoch hatte der Kommandant nach eigenen Angaben Mühe, die Emotionen seiner Kollegen wieder einzufangen. "Nicht wegen des Verkehrsunfalls, das kommt leider häufiger vor, sondern wegen der Situation drum herum." Manche Autofahrer wüssten es nicht besser oder seien überfordert, vermutet er. "Aber es gibt auch andere, die hinterher wollen und die Lücke nutzen." (Die wichtigsten Regeln beim Bilden einer Rettungsgasse erfahren Sie hier.)

Angesichts dieses Verhaltens zeigte sich auch die Polizei verärgert. Peter Westermann, Leiter der Verkehrspolizeidirektion Baden-Baden, sagt: "Ich wünsche mir, dass die Leute mal drüber nachdenken: Was will ich, wenn ich mal schwer verletzt bin?" An der Unfallstelle hätten zudem viele ihr Handy gezückt und Bilder oder Filme gemacht. "Da lag die Leiche noch, zwar abgedeckt mit einem Tuch, aber es waren so viele, dass man sich entschieden hat, einen zusätzlichen Sichtschutz aufzubauen, um die Pietät zu wahren", sagt Westermann.

Bußgelder sollen erhöht werden

Mit Konsequenzen müssen Gaffer und Blockierer wohl nicht rechnen. Zwar kann seit Mai die "Behinderung von hilfeleistenden Personen" (§323c II Strafgesetzbuch) mit Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Haft geahndet werden. Das Bundesverkehrsministerium will nach dem schweren Busunglück auf der A9 in Bayern, bei dem ebenfalls die Rettungsgasse blockiert worden war, außerdem die Bußgelder nun so schnell wie möglich anheben. Ein Entwurf sieht Strafen von bis zu 320 Euro vor.

Doch höhere Strafen, sagt Polizist Westermann, könnten nur abschrecken, "wenn man auch damit rechnen kann, entdeckt zu werden". In der Praxis aber fehlten "Möglichkeiten, die Regeln vor Ort durchzusetzen". Die Personalien aufzunehmen, ist laut Westermann in solch einer Situation schwierig. Es sei ja das Ziel, schnell zu helfen und den Stau aufzulösen: "Mit Anhalten würden wir das Gegenteil erreichen."

Der 57-jährige Polizeidirektor fordert eine sogenannte Halterhaftung. Mit ihr hätten die Ermittler Autofahrer allein anhand ihres Kennzeichens belangen können, sagt Westermann. Per Kamera könnten Einsatzkräfte die Nummernschilder einfach aufzeichnen und später auswerten.

Feuerwehrkommandant Michael Wegel und seine Kollegen haben auf ihrem Weg zur Unfallstelle jedenfalls schon mal ein paar Bilder gemacht. "Die, die besonders im Weg standen, wollen wir anzeigen", sagte er. 10, 15 Fotografien habe er bislang rausgesucht - auch, um an seine Feuerwehrkollegen ein Zeichen zu senden.



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