Prozess gegen Ribéry: Das Lotterleben nach dem Spiel

Von Stefan Simons, Paris

Drei Jahre nach der Affäre um eine minderjährige Prostituierte wird Franck Ribéry und Karim Benzema in Paris der Prozess gemacht: Den Kickern von Bayern München und Real Madrid drohen Gefängnis- oder Geldstrafen. Doch kurz nach Beginn wurde die Verhandlung ausgesetzt.

Am Ende sind alle nur Opfer der Umstände: Die jungen Mädchen, die sich an betuchte Gäste verkauften, die Männer, die von raffgierigen Zuhältern getäuscht wurden oder die ahnungslosen Spitzensportler, die sich laut eigener Aussage nichtsahnend auf Sex mit Minderjährigen einließen.

Zu diesen Vorgängen begann im Pariser Strafgericht am Dienstag der Prozess, wobei die wichtigsten Protagonisten der Affäre sich durch ihre Anwälte vertreten lassen. Die Justiz wirft den Promi-Fußballern - darunter Franck Ribéry und Karim Benzema - vor, sie hätten bezahlten Sex mit minderjährigen Mädchen gehabt. Darauf stehen bis zu drei Jahre Haft und Geldstrafen bis zu 45.000 Euro.

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Sex mit Minderjähriger: Prozessauftakt gegen Ribéry
Kurz nach Eröffnung wurde der Prozess ausgesetzt. Das Gericht in Paris gab dem Antrag von Ribérys Anwalt statt, die Verfassungsmäßigkeit des Gesetzesartikels prüfen zu lassen, auf dessen Grundlage sein Mandat angeklagt wurde. Mit dem Antrag muss sich nun der französische Kassationsgerichtshof auseinandersetzen, solange ruht das Strafverfahren. Der Anwalt argumentiert, der Gesetzestext zu Sex mit minderjährigen Prostituierten sei nicht ausreichend genau formuliert.

"Ich war das Geburtstagsgeschenk von Franck Ribéry"

Vor Prozessbeginn hatte ein reuiger Ribéry bekannt: "Ich habe über die Stränge geschlagen wie nie zuvor." Er habe "der Mutter meiner Kinder Leid zugefügt. Wegen einer enormen Dummheit", so der von Selbstmitleid gebeutelte Fußballer gegenüber "L'Équipe Mag", "habe ich fast alles zerstört."

Jenseits der strafrechtlichen Konsequenzen stellt das Verfahren die Frage nach dem Verhalten von Spitzensportlern, die sich gern als moralische Vorbilder für die jüngeren Generationen gerieren: "Da gibt es die Kerle, die beim Einlauf ins Stadium die erste Sure des Korans beten und zudem minderjährige Prostituiere vernaschen", schimpft Wirtschaftsprofessor Pascal Perri in der Kultsendung "Große Klappe" bei Radio Monte Carlo. "Vielleicht sollten die jungen Leute in der Öffentlichkeit etwas weniger dick auftragen."

Und tatsächlich entlarvt die Affäre den Kontrast zwischen religiöser Pose auf dem Fußballplatz und privatem Lotterleben nach dem Spiel: "Ich war das Geburtstagsgeschenk von Franck Ribéry", erklärte Zahia Dehar im "Paris Match", nachdem der Skandal im April 2010 landesweit für Schlagzeilen sorgte. Auf der Titelseite der Illustrierten posierte sie als blondes Püppchen, in knappen Rock und einem gewagten Oberteil.

Die Geschichte begann im Herbst 2009, nach einem anonymen Hinweis an die Pariser Polizei: Es ging um Kuppelei, Escort-Girls und hochkarätige Promis aus der Pariser Society - darunter offenbar die Fußballer von Frankreichs Nationalmannschaft, Franck Ribéry und Karim Benzema. Die sollten einen einschlägig bekannten Club besucht haben, das Zaman Café, unweit von den Champs-Elysées.

Dort verkehrten auch Mädchen wie Zahia Dehar, die sich, gerade 16 oder 17 Jahre alt, auf Geschlechtsverkehr einließen - zum Preis zwischen 1000 und 1500 Euro. Mädchen, junge Frauen aus der Banlieue, die den bezahlten Sex als Mittel des sozialen Aufstiegs nutzen wollten: Zahia, die im Alter von zehn Jahren aus Algerien nach Frankreich kam. "Völlig unwissend, sie kann kaum lesen und schreiben, aber durchaus nicht dumm", beschreibt sie ihr Anwalt Daniel Vaconsin.

Früher Escort-Girl - heute Modedesignerin

Für Zahia war Callgirl ein Beruf, ein Schritt auf dem Weg zum Traum vom eigenen Schönheitssalon oder Fitnessstudio. "Ich stehe nicht am Kantstein oder sitze auf einem Barhocker", gab sie später selbstbewusst zu Protokoll. "Ich gehe in angesagte Clubs, treffe Leute aus dem Showbusiness, dem Sport. Die machen Vorschläge, ich entscheide."

Mit Benzema soll es am 11. Mai 2008 nach einer Feier des Profi-Verbands UNFP zu bezahltem Sex gekommen sein; eine Behauptung, die der Stürmer von Real Madrid bestreitet. Franck Ribéry ließ seine Pariser Bekanntschaft im April 2009 nach München einfliegen, wo es nach seinem Eingeständnis zu sexuellen Kontakten kam. Aber nicht mit einer Prostituierten, nicht gegen Geld, wie Ribéry versichert. "Ich habe sie nicht bezahlt, ich habe ihr nur die Reise, das Hotel, Taxi und Restaurant geschenkt", zitiert die Zeitung "L'Équipe" die Einlassung des Fußballers.

Dehar gibt hingegen an, 700 Euro in Bar kassiert zu haben. Die Frage bildet den Kern der Vorwürfe. "Konnten die Herren Benzema und Ribéry, der eine oder der andere, sich zu einem gewissen Zeitpunkt gewahr werden, dass sie die bezahlten Dienste eines jungen, 16- oder 17-jährigen Mädchens in Anspruch nahmen?", so Anwalt Vaconsin.

Nun muss man die Entscheidung des Kassationsgerichthofs abwarten. Doch ohnehin könnte das Strafverfahren mit einem Freispruch mangels Beweisen enden. Die Kronzeugin hat angegeben, sie habe sich seinerzeit als "volljährig" bezeichnet und will auf eine Nebenklage verzichten. Denn das Escort-Girl von einst, heute 21 Jahre alt, hat ihre plötzliche Popularität genutzt, um als Designerin von Dessous Karriere zu machen - die sie bei Modenschauen und auf ihrer Facebook-Seite stolz präsentiert. Und damit zählt Zahia Dehar nun selbst zum Kreis der Promis - mit Fotostrecken in Glitzermagazinen.

Mit Material von AFP

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