US-Bundesstaat Alabama 75-Jähriger nach 34 Jahren im Todestrakt hingerichtet

Siebenmal seit 2001 sollte Tommy Arthur schon durch die Giftspritze sterben. Nun ist der 75-Jährige nach 34 Jahren im Todestrakt in Alabama hingerichtet worden. An seiner Schuld gab es erhebliche Zweifel.

Tommy Arthur (undatierte Aufnahme)
AFP/ALABAMA DEPARTMENT OF CORRECTIONS

Tommy Arthur (undatierte Aufnahme)


Im US-Bundesstaat Alabama ist ein verurteilter Mörder hingerichtet worden. Tommy Arthur wurde nach Angaben der Justizvollzugsbehörden um 0.15 Uhr (Ortszeit) für tot erklärt.

Arthur hatte 1977 seine Schwägerin umgebracht und saß deshalb im Gefängnis. Im Zuge eines Arbeitsprogrammes durfte er die Haft verlassen. Am 1. Februar 1982 soll er einen Ingenieur erschossen haben - dafür erhielt er die Todesstrafe.

Er soll mit der Frau des Mannes eine Affäre gehabt und den Mord auf ihren Wunsch hin ausgeführt haben. Die Frau wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Bei ihrem Prozess hatte sie gesagt, der Mörder sei ein Einbrecher gewesen, der sie vergewaltigt und dann ihren Mann umgebracht habe. Erst als ihr angeboten wurde, ihr Strafmaß auf zehn Jahre Haft zu reduzieren, änderte sie ihre Aussage und beschuldigte Arthur des Verbrechens.

Der Fall ist außergewöhnlich, weil Arthurs Hinrichtung bereits für 2001 angesetzt worden war. Der Termin und sechs weitere bis zum Jahr 2016 wurden verschoben, weil Arthurs Anwälte gegen die Exekution ihres Mandanten kämpften. Das hatte Arthur von Befürwortern der Todesstrafe die makabre Bezeichnung "Houdini des Todestraktes" eingebracht - Arthur schaffe es immer wieder, sich Hinrichtungen zu entziehen.

34 Jahre im Todestrakt

Nach dem sechsten Termin empfing Arthur keinen Besuch mehr, weil der Stress für eine Angehörigen unerträglich geworden sei. "Es hat fast meine älteste Tochter Sherrie umgebracht", sagte er dem "Guardian". "Sie ist zu sechs Hinrichtungsterminen gekommen, und der Stress, dass ihr Vater umgebracht werden sollte, war so traumatisch, dass er ihr Herz angegriffen hat, sie hat fast ihr Geschäft und ihr Haus verloren", sagte er. "Ich habe ihr gesagt, sie solle sich loslösen." Kurzfristig entschied sich die Tochter dennoch, zu dem Hinrichtungstermin zu erscheinen.

Weil mehrere Hinrichtungstermine aufgehoben wurden, nannte Alabamas Justizminister Steve Marshall den Fall ein "ungeheuerliches Beispiel dafür, wie ein verurteilter Mörder das Justizsystem manipulieren kann, um der Gerechtigkeit zu entgehen".

34 Jahre saß Arthur im Todestrakt, 25 davon in einer Zelle von 1,50 mal 2,40 Metern Grundfläche. Diese durfte er nur einmal täglich kurz verlassen, um zu duschen. Wenn man einen Pavian so einsperren würde, sagte Arthur dem "Guardian", "würden sie den Zoo dichtmachen".

Arthur hatte bis zuletzt bestritten, den Ingenieur umgebracht zu haben. Es war ihm aber bewusst, dass die Chance, die Hinrichtung zum achten Mal zu verschieben, gering waren. "Ich habe schreckliche Angst, aber ich kann nichts tun", sagte er wenige Tage vor seinem Tod in einem Telefoninterview.

Anwälte zweifelten am Medikamentencocktail

Alabamas Gouverneurin Kay Ivey lehnte es ab, die Hinrichtung erneut aufzuschieben, um am Tatort gefundene Haare einem DNA-Test zu unterziehen. Weder ein Fingerabdruck noch eine Waffe oder andere greifbare Indizien verknüpften Arthur mit der Tat, sagte Arthurs Anwältin Suhana Han.

Wie in den Jahren zuvor hatten Han und ihre Kollegen auch nun bis zuletzt versucht, die Hinrichtung zu verhindern. Zwischenzeitig ließ der Oberste Gerichtshof der USA die Vorbereitungen anhalten, um die Argumente der Verteidiger zu prüfen. Kurz vor elf Uhr abends hoben die Richter den Stopp wieder auf.

Die Anwälte hatten argumentiert, der in Alabama eingesetzte Medikamentencocktail enthalte ein unwirksames Beruhigungsmittel. Arthur werde sich deshalb so fühlen, als werde er bei lebendigem Leibe verbrannt. Grausame Bestrafungen sind in den USA gesetzlich verboten.

Zudem verlangten die Anwälte, bei der Hinrichtung im Zuschauerraum Zugang zu einem Telefon zu haben, falls etwas schieflaufe. Damit bezogen sie sich auf Fälle, in denen Verurteilte auch nach Verabreichung des Medikamentencocktails Anzeichen für Bewusstsein und Schmerzen zeigten.

Hinrichtungen seit 1976

ulz/AP

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