Fall Alondra Entführung per richterlichem Beschluss

Alondra Luna Núñez wurde aus ihrer Schule in Mexiko in die USA verschleppt. Eine Frau aus Texas sah in der 14-Jährigen ihre vermisste Tochter - und eine Richterin glaubte ihr. Protokoll eines Justizskandals.

Alondra Luna Nunez nach ihrer Rückkehr nach Guanajuato: "Ich kannte diese Menschen ja gar nicht"
AP/dpa

Alondra Luna Nunez nach ihrer Rückkehr nach Guanajuato: "Ich kannte diese Menschen ja gar nicht"


Alondra wehrt sich. Sie schreit verzweifelt, versucht sich loszureißen, doch die beiden Polizisten halten sie im Klammergriff und zwingen sie in ein Auto. Am helllichten Tag wird die 14-jährige von Beamten der Bundespolizei aus ihrer Schule in der mexikanischen Stadt Guanajuato gezerrt.

Dabei handeln die Polizisten in bester Absicht: Sie sind überzeugt davon, Alondra zu ihrer Mutter zu bringen. Sie lebt jenseits der Grenze in den USA, in Houston. Das Mädchen, das die Polizisten im Griff halten, soll ihre Tochter sein, die 2007 mit vier Jahren von ihrem Vater verschleppt wurde.

Alondra weiß, dass das nicht stimmt, doch niemand glaubt ihr. Die Polizisten nicht und auch nicht die Richterin im mexikanischen Bundesstaat Michoacan, der sie ihre Geburtsurkunde vorlegt. Denn im Gerichtssaal ist auch die Frau aus Houston, Dorotea Garcia. Sie hat ebenfalls eine Geburtsurkunde. "Als ich Alondra sah, habe ich meine Tochter gesehen", wird sie später sagen.

Richterin Cinthia Elodia Mercado glaubt Garcia mehr als Alondras wirklicher Mutter Susana Núñez. Alondras Bitte um einen DNA-Test, der das Missverständnis rasch klären könnte, lehnt die Richterin ab. "Wir machen solche Untersuchungen nicht", rechtfertigt sich Mercado später.

Dorotea Garcia hat nun eine Geburtsurkunde und einen Gerichtsbeschluss. Alondra kommt in ihre Obhut. Im Bus überqueren beide die Grenze nach Texas.

Aber das Video, das zeigt, wie das Mädchen von der Bundespolizei mitgenommen wird, sorgt für Aufsehen in Mexiko. Reagiert so eine Tochter, die nach acht Jahren zu ihrer Mutter zurückgebracht wird? Mexikanische Medien greifen den Fall auf, das Außenministerium schaltet sich ein und setzt einen DNA-Test in Texas durch.

Während Alondra auf das Ergebnis wartet, nimmt sie ein Video für ihre Eltern in Mexiko auf. "Mir geht es gut. Ich sehe, dass die Vereinigten Staaten in Ordnung sind", sagt sie. "Ich verstehe nur überhaupt nicht, was sie sagen, weil alles in Englisch ist."

Als das Ergebnis des DNA-Tests kommt, geht alles ganz schnell: Am Mittwoch ist Alondra zu ihrer Familie nach Mexiko zurückgekehrt, dieses Mal ist sie geflogen. Das Video in Texas habe sie nur aufgenommen, um ihre Eltern zu beruhigen, sagt Alondra. Sie habe sich überhaupt nicht wohl gefühlt in den USA. "Ich kannte diese Menschen ja gar nicht."

Das US-Außenministerium will nun Konsequenzen prüfen. Alondras Familie fordert eine finanzielle Entschädigung. Und Dorotea Garcia sucht weiter nach ihrer wahren Tochter. Nach Alondra Diaz Garcia.

syd/AP

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insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
usfriend 23.04.2015
1. Kaputt!
Das arme Mädchen! Selbst eine Entschädigung kann die Strapazen nicht ungeschehen machen!
Seraphan 23.04.2015
2.
"Wir machen solche Untersuchungen nicht" Warum auch solch neumodisches Zeug anwenden? Lieber reiße ich eine Familie auseinander, und stecke die Tochter mal ohne Englischkenntnisse in einen Bus nach Texas, wo sie es wahrscheinlich besser haben wird. Ich könnte mich totlachen. Die Gringa hat bestimmt ordentlich gezahlt, dass alle Schalter der Rechtstaatlichkeit auf Off gelegt wurden. Ich hoffe, die wird sofort ihres Amtes enthoben, mit oder ohne Untersuchung. Solche Geschichten können nur das Leben schreiben.
hh4 23.04.2015
3.
Tja, Schurkenstaaten dürfen und machen so etwas.
peroxyacetylnitrat 23.04.2015
4.
"Am helllichten Tag wird die 14-jährige von Beamten der Bundespolizei aus ihrer Schule in der mexikanischen Stadt Guanajuato gezerrt. Dabei handeln die Polizisten in bester Absicht: Sie sind überzeugt davon, Alondra zu ihrer Mutter zu bringen. Sie lebt jenseits der Grenze in den USA, in Houston. Das Mädchen, das die Polizisten im Griff halten, soll ihre Tochter sein, die 2007 mit vier Jahren von ihrem Vater verschleppt wurde. Alondra weiß, dass das nicht stimmt, doch niemand glaubt ihr." Ich glaube ihr, denn wie kann sie denn 2007 mit 4 verschleppt worden sein wenn sie heute 14 Jahre alt ist?
sportlich-gesund 23.04.2015
5. Schreck lass nach!
Ich finde kaum passende Worte zum delitantischen Vorgehen des Rechtssystems in den USA!!! Die Amerikaner glauben mal wieder das Recht der Welt für sich beansprucht zu haben. Das arme Mädchen, zum Glück konnte sie zurück zu Ihrer Familie!
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